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Ausschnitt aus dem Gemälde "Seineufer" von Vincent van Gogh

Warum van Gogh an Glanz verliert

Sonnenblumen, Kornfelder und Weinberge: Vincent van Gogh hat kräftige Farben in der Landschaft bevorzugt, die er mit noch kräftigeren Farben malte. Speziell das satte Gelb, das er verwendete, verblasst und verfärbt sich zusehends. Chemiker haben nun den Grund dafür gefunden.

Chemie 15.02.2011

Dies sei der erste Schritt, um den Verfall der Werke van Goghs und den Kollegen seiner Zeit zu stoppen, hofft eine Forschergruppe um die Chemikerin Letizia Monico von der Universität Perugia.

Die Studie:

"Degradation Process of Lead Chromate in Paintings by Vincent van Gogh Studied by Means of Synchrotron X-ray Spectromicroscopy and Related Methods" von Letizia Monico und Kollegen ist im Journal "Analytical Chemistry" erschienen.

"Für jeden Italiener ist die Bewahrung künstlerischer Meisterwerke eine Herzensangelegenheit", sagt Monico in einer Aussendung der European Synchrotron Radiation Facility (ESRF). "Ich bin sehr froh, dass die Wissenschaft nun einen Teil für ein Puzzle geliefert hat, das vielen Museen Kopfzerbrechen bereitet."

Ein Freund leuchtender Farben

Rekonstruktion des Gemäldes "Seinufer" durch die Forscher.

ESRF, Universität Antwerpen, Van Gogh Museum

Rekonstruktion des Gemäldes "Seineufer" von van Gogh: ganz links die von den Forschern vermuteten Originalfarben von 1887, in der Mitte der gegenwärtige Stand, rechts die Prognose für 2050, wenn die Verfärbung weiter voranschreitet.

Der 1853 geborene Vincent van Gogh liebte leuchtende Farben. Um Stimmungen und Gefühle auszudrücken, wählte er kräftigere Farben und stärkere Kontraste, als sie in der Natur selbst vorzufinden sind. Ohne die Herstellung neuer Farbpigmente im 19. Jahrhundert wäre dies nicht möglich gewesen.

Ö1 Sendungshinweis:

Über diese Studie berichtet auch die Sendung "Wissen aktuell", 15.1., 13:55 Uhr

Beiträge zum "Jahr der Chemie": jeden Montag in "Wissen aktuell"

Eine seiner Lieblingsfarben war Chromgelb (Bleichromat), dessen Pigment 1809 entdeckt worden war und heute wegen seiner Giftigkeit nicht mehr als Ölfarbe verwendet wird. Van Gogh hingegen benutzte es ab 1886, nachdem er von Holland nach Frankreich gereist war, um die satten Farben des Südens in seinen Gemälden noch zu übertreffen, u.a. in seinen berühmten Sonnenblumen.

Dass Chromgelb giftig war und unter dem Einfluss von Sonnenstrahlen auch dunkler werden kann, war relativ knapp nach seiner Entdeckung bekannt. Es sind aber nicht alle Gemälde jener Zeit betroffen und auch der Grad der Verfärbung ist unterschiedlich, berichten die Forscher um Letizia Monico.

Historische Farbproben untersucht

Um die chemischen Vorgänge ein für allemal zu klären, haben sie nun in zwei Schritten historische Farben untersucht. Zunächst entnahmen sie Proben aus drei historischen Farbtuben aus dem 19. Jahrhundert und bestrahlten sie drei Wochen lang im Labor mit ultraviolettem Licht.

Die historischen Farbtuben, Proben werden in Plexiglas verwahrt.

I. Montero/ESRF

Die historischen Farbtuben, Proben werden in Plexiglas verwahrt.

Nur eine der Proben - sie stammte aus dem Atelier des flämischen Fauvisten Rik Wouters (1882-1913) - zeigte die typische bräunliche Verfärbung und wurde deshalb für eine genauere Untersuchung ausgewählt.

Mittels ultrapräziser Synchrotronstrahlung am ESRF in Grenoble kamen die Forscher der Verfärbung schließlich auf die Schliche. Durch die UV-Strahlen reduziert sich demnach die Wertigkeit des verwendeten Bleichromats von
Cr(VI) auf Cr(III).

Mit einem optischen Mikroskop hergestellte Aufnahme einer Farbprobe aus dem Gemälde "Seinufer".

Universität Antwerpen, Department für Chemie

Mit einem optischen Mikroskop hergestellte Aufnahme einer Farbprobe aus dem Gemälde "Seineufer". Die obere braune Schicht ist Lack, der opak aussieht, aber Licht durchlässt. Die braunen Pigmente sind in der Aunfahme nicht sichtbar, sie befinden sich in einer nur drei Mikrometer dicken Schicht zwischen Lack und gelber Farbe.

Gleiche chemische Reaktion bei van Gogh

In einem zweiten Schritt überprüften die Forscher dies auch anhand zweier Gemälde van Goghs: "Seinufer" aus dem Jahr 1887 und "Blick auf Arles mit Schwertlinien" von 1888, die beide dem Van Gogh Museum in Amsterdam gehören.

Den Gemälden wurden winzige chromgelbe Farbproben entnommen, mikroskopische Analysen zeigten auch hier die gleiche chemische Reaktion wie bei der Farbtube von Wouters.

Es zeigte sich außerdem, dass Cr(III) in der Umgebung von Barium-und Schwefelverbindungen stärker konzentriert war als auf anderen Stellen des Gemäldes. Die Wissenschaftler spekulieren deshalb, dass van Goghs Mischung von Weiß und Gelb der Grund für die Verfärbung des Chromgelbs sein könnte.

Hoffnung für die Zukunft

Die nächsten Schritte der Forscher stehen bereits fest. "Wir wollen verstehen, welche Bedingungen die Reduktion des Chroms begünstigen, und ob es Hoffnung gibt, die Pigmente in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen", sagt Koen Janssens, ein Studienmitarbeiter und Chemiker an der Universität Antwerpen.

Ella Hendriks vom van Gogh Museum pflichtet ihm bei: "Bahnbrechende Forschungen dieser Art helfen uns zu verstehen, wie Gemälde altern und für zukünftige Generationen konserviert werden sollten."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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