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Tiger hinter Gitter

Droht das nächste Massensterben?

Von einem Massensterben sprechen Paläontologen, wenn mehr als drei Viertel aller lebenden Arten innerhalb relativ kurzer Zeit verschwinden. In den letzten 540 Millionen ist das nur fünfmal passiert. Angesichts des derzeitigen Artensterbens könnte Forschern zufolge ein weiteres jedoch bereits im Gang sein, aber noch könnte es der Mensch aufhalten.

Artenvielfalt 04.03.2011

Die fünf großen Massensterben

Von den geschätzten vier Milliarden Arten, die je auf der Erde entstanden sind, sind etwa 99 Prozent im Lauf der letzten 3,5 Milliarden Jahre bereits wieder verschwunden. So gesehen ist Aussterben etwas Alltägliches. Und es gibt einen natürlichen Ausgleich, denn auf der anderen Seiten kommen im wieder neuer Arten nach. Ganz ausgeglichen ist diese Balance laut den Forschern um Anthony D. Barnosky von der Berkeley University of California zwar nie, aber nur selten komme es zum massenhaften Verschwinden - zu einem sogenannten Massensterben.

Zur Studie in "Nature":

Has the Earth's sixth mass extinction already arrived" von Anthony D. Barnosky et al.

Fünf derartige Ereignisse haben in den letzten 540 Millionen Jahren stattgefunden: am Ende des Ordovizium, am Ende des Devons, am Ende des Perm - vermutlich das größte Sterben, am Ende der Trias und am Ende der Kreide - das wohl bekannteste Massensterben vor 65 Millionen, dem auch die Dinosaurier zum Opfer fielen.

Die Ursachen, die man hinter den einschneidenden Großereignissen vermutet, sind vielfältig: Natürliche Klimaveränderungen wie z.B. eine plötzliche Abkühlung, Veränderung in der chemischen Zusammensetzung von Atmosphäre und Ozeanen, vulkanische Aktivitäten und Meteoriteneinschläge sind nur einige davon.

Der Mensch bedroht die Artenvielfalt

Ö1 Sendungshinweis:

Über den Ursprung des Lebens - Von den molekularen Ursprüngen zur riesigen Artenvielfalt haben die Dimensionen am 1.3., um 19:06 berichtet.

Der derzeitige rasante Rückgang mancher Tierpopulationen - von Fröschen über Fische bis zu den Tigern - lässt manche Forscher befürchten, dass wir heute bereits an der Schwelle des sechsten großen Massensterbens stehen. Ein Schuldiger wäre in diesem Fall leicht zu finden: der Mensch - durch die Ausbeutung von Ressourcen, die Zerstörung natürlicher Lebensräume, die Einführung fremder Arten, die Verbreitung von Krankheitserregern, die direkte Ausrottung mancher Tiere und die Veränderung des Weltklimas.

Sollte es tatsächlich schon so weit sein, wird auch der Mensch selbst eine Erholung der Artenvielfalt höchstwahrscheinlich nicht miterleben, denn dies wird laut den Studienautoren voraussichtlich mehrere Millionen Jahren dauern.

Vorzeichen für Massensterben

Fossilien als Vergleichsbasis sind den Forschern zufolge problematisch, sie sind lückenhaft und zudem in der Datierung oft unpräzise. Und auch die Zahlen, wie viele Arten in den letzten Jahrhunderten ausgestorben sind, seien bei weitem nicht vollständig.

Diese Einschränkungen versuchten sie in ihrer aktuellen Studie mit Hochrechnungen zu umgehen. Eine ganze Bandbreite an geschätzten Raten wurde dann für die Berechnung herangezogen. Außerdem beschränkten sie sich auf Säugetiere, da diese relativ gut erforscht sind. Es gebe einerseits Fossilien für einen Zeitraum von bis zu 65 Millionen Jahren. Zudem wisse man relativ genau, wie viele erst kürzlich ausgestorben sind. In den letzten 500 Jahren waren es vermutlich ungefähr 80 von insgesamt 5.570.

Wie die Schätzungen der Forscher zeigen, sollten aber höchstens zwei Arten in einer Million Jahren aussterben. Demnach wäre ein neues Massensterben schon im Gang.

Die Entwicklung aufhalten

Zur roten Liste der bedrohten Arten bei der IUCN International Union for Conservation of Nature.

Dieser Verdacht erhärtet sich, wenn manche Prognosen mit einbezogen werden: Wenn alle heute nach internationalen Kriterien stark gefährdeten Arten - ihr Aussterbensrisiko innerhalb von drei Generationen wird bei mindestens 50 Prozent eingestuft - in den nächsten 1.000 Jahren tatsächlich von der Erde verschwinden, liegt die Rate laut den Forschern trotz vorsichtiger Berechnungen bereits sehr deutlich über dem normalen Schnitt. "Kommen noch die gefährdeten und bedrohten Arten dazu, haben wir in drei bis 20 Jahrhunderten das sechste Massensterben endgültig erreicht", so Barnosky.

Natürlich müsse man die Ergebnisse mit der gebotenen Vorsicht betrachten, denn sie beleuchten nur ein Paar Zweige des Stammbaums aller Lebewesen. Ähnliche Studien an anderen Arten sollten folgen.

Und noch sei es nicht zu spät, die Entwicklung aufzuhalten. Man müsste jedoch dringend die zahlreichen vom Menschen ausgehenden Bedrohungen in den Griff bekommen. "Der Erhaltung der Arten sowie einer entsprechenden Gesetzgebung sollten wir unbedingt mehr Ressourcen widmen, wenn wir nicht als jene Art in die Geschichte eingehen wollen, deren Tun ein Massensterben verursacht hat", betont Barnosky.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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