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Plakat des Frauentags 1928

Vom Rand in die Mitte der Gesellschaft

Im März 1911 sind 20.000 Menschen über die Wiener Ringstraße gezogen, um für das Wahlrecht von Frauen zu demonstrieren. 100 Jahre später feiert der Frauentag, der daraus entstanden ist, runden Geburtstag. In einer Ausstellung werden die Etappen der Frauenbewegung nachgezeichnet, die ihre Anliegen von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft getragen hat.

100 Jahre Frauentag 03.03.2011

Die Historikerinnen Maria Mesner, Heidi Niederkofler und Johanna Zechner vom Kreisky-Archiv in Wien haben die Ausstellung im Volkskundemuseum (Eröffnung: 3.3.) kuratiert.

Im science.ORF.at-Interview berichten Mesner und Niederkofler von den Lücken der Geschichte im Austrofaschismus und Nationalsozialismus und den Höhepunkten des Frauentags nach seinem ersten Jahrhundert.

Frauentag-Geschichte anhand der Plakate:

Plakat zum Frauentag 1927

Kreisky-Archiv

Plakate der Sozialdemokratie 1927: "Es gibt eine Tradition nach der französischen Revolution, wonach Politik nicht mehr in einer Herrscherfigur verkörpert wird, sondern in Frauenfiguren. Die Sozialdemokratie hat ab 1918 versucht, Frauen zu gewinnen, sie waren zwar wenig vertreten in der Partei, aber in den Abbildungen standen sie für eine neue Zeit" (Niederkofler)

Plakat zum Frauentag 1955

Kreisky-Archiv

Plakat des Bunds demokratischer Frauen, einer Vorfeldorganisation der KPÖ 1955: "Die Frauen wurden als Mütter adressiert, und Mütterlichkeit wurde mit Frieden verbunden. Der Krieg war männlich kodiert, die Frauen sollten für die neue Welt eintreten." (Niederkofler)

Plakat zum Frauentag 1976

Kreisky-Archiv

SPÖ Plakat 1976: eines der wenigen Plakate mit einem Mann. Im Jahr zuvor war die große Familien- und Eherechtsreform durchgesetzt worden. "Die Frau kommuniziert mit dem Betrachter, der Mann nicht, aber er ist an ihrer Seite. Der Slogan bezieht sich nur auf die Frau, der Mann braucht die Partnerschaft offenbar nicht - etwas paternalistisch angehaucht." (Niederkofler)

Plakat zum Frauentag 1979

Kreisky-Archiv

Plakat der Autonomen Frauenbewegung 1979: das erste seiner Art. "Die Säulen dokumentieren die Demokratie, wirken sehr statisch, in der Mitte ergießt sich eine lebendige Masse von Frauen - ein Gegensatz zwischen der altehrwürdigen Demokratie, die lange nicht ihre Versprechen eingehalten hat, und den Frauen, die nun für ihre Rechte kämpfen." (Niederkofler)

Plakat zum Frauentag 1990

Kreisky-Archiv

Plakat der Autonomen Frauenbewegung 1990: "Nur von der Autonomen Frauenbewegung gibt es Plakate, bei denen Frauen auch aggressiv dargestellt werden." (Mesner)

science.ORF.at: Alice Schwarzer, die Ikone der Frauenbewegung, hat im Vorjahr für die Abschaffung des Frauentags plädiert. Wie ist Ihre Position?

Mesner: Man muss offenbar immer etwas Unerwartetes sagen, um die Aufmerksamkeit der Medien zu erregen, und das trifft auch auf Frau Schwarzer zu. Ich bin auch für die Abschaffung des Frauentags, allerdings erst dann, wenn er nicht mehr notwendig ist. Wenn es keine Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund des Geschlechts gibt, brauchen wir auch keinen Frauentag mehr, der darauf hinweist. Solange das nicht der Fall ist, bleibt er notwendig.

Schwarzer hat auch damit argumentiert, dass sich der Frauentag traditionell auf eine sozialistische/kommunistische Tradition beruft, die heute nicht mehr nötig sei. Wo setzen Sie den Ursprung des Tages, der ja umstritten ist?

Mesner: Zweifellos mit dem Kampf um das Wahlrecht für Frauen in den 1910er Jahren. In unserer Ausstellung beziehen wir uns auf den 19. März 1911, an dem 20.000 Menschen über die Ringstraße gegangen sind, um für das Wahlrecht zu kämpfen. Zwar hat es bereits davor andere Frauentage gegeben, die v.a. von bürgerlich-liberalen Frauen getragen wurden. Mit dem von der damaligen Sozialdemokratin Clara Zetkin 1910 in Kopenhagen initiierten, ersten Frauentag, der im Jahr darauf dann in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Dänemark begangen wurde, ist er stark in eine sozialistische Tradition übergegangen.

Niederkofler: Das Datum 8. März ist eindeutig parteipolitisch besetzt. Ab 1921 hat die Internationale der Kommunisten beschlossen, dass an diesem Tag gefeiert wird, die Sozialisten und Sozialistinnen haben das anfangs nicht getan. Erst 1978 haben die Vereinten Nationen den Gedenktag in ihren Kalender übernommen, seitdem herrscht über die Parteigrenzen hinweg Einigkeit über das Datum, wenn auch nicht über die Inhalte.

Der Frauentag hat die Anliegen der Frauenbewegung gebündelt - ganz grob: Was waren die Meilensteine der 100 Jahre?

Mesner: Es hat natürlich viele einzelne Forderungen gegeben, aber über die Jahrzehnte drei zentrale Themen. Anfangs ging es um das Wahlrecht, eine Frage der Gleichheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre war dann das Thema Frieden zentral. Danach folgten die Körperthemen: zum einen die Abtreibung, zum anderen das Recht auf Unversehrtheit des Körpers, dem damit verbundenen Selbstbestimmungsrechts und das Thema Gewalt gegen Frauen.

Der Tag wird international sehr unterschiedlich aufgefasst, in Russland etwa entspricht er heute eher einer Art Valentinstag...

Niederkofler: Der Frauentag war auch in Österreich nicht nur ein politischer "Kampftag", sondern auch ein Festtag. Deshalb heißt unsere Ausstellung auch "Feste. Kämpfe", weil es beides widerspiegelt: den Tag, an dem Forderungen an die Öffentlichkeit getragen wurden, aber auch den Tag, an dem Erfolge gefeiert wurden. In Russland, der Ukraine und anderen Ländern ist der Frauentag ein staatlich anerkannter Feiertag, an dem "die Frau" gefeiert wird. Diese Komponente gab es zum Teil auch in Österreich, aber deutlich weniger.

Wie wurde der Frauentag während des Austrofaschismus bzw. in der Nazizeit begangen?

Mesner: Das wissen wir nicht. Weil diejenigen, die ihn begehen hätten können, in den Widerstand gedrängt worden waren. Sie sollten keine Spuren hinterlassen und haben es auch nicht. Es gibt Erzählungen, die nach 1945 entstanden sind, wonach es im Frauen-KZ Ravensbrück Feiern gegeben hätte. Auch während des Austrofaschismus soll der Frauentag in halbprivaten Neztwerken gefeiert worden sein. Dafür gibt es aber keine handfesten Spuren und kann es auch nicht geben. Denn das hätte bedeutet, dass man diejenigen erwischt, verfolgt und möglicherweise ermordet hätte.

Hat es den Versuch gegeben, den Tag quasi zu kapern und für eigene Interessen einzusetzen, wie das die Nazis etwa mit dem 1. Mai gemacht haben?

Mesner: Nein, denn die Nazis hatten ein Frauenbild, das mit den Inhalten des Frauentags nicht vereinbar war. Wenn es etwas gibt, das die gesamten 100 Jahre des Frauentags gegolten hat, dann das: Es war ein Tag, an dem die Selbstermächtigung thematisiert wurde, was immer das konkret bedeutet hat. Und das war mit dem Nationalsozialismus nicht vereinbar. Ihm ging es nicht darum, irgendwen selbstzuermächtigen, und schon gar nicht die Frauen. Die Nazis haben stattdessen den Muttertag gepusht, der hat wesentlich besser zu ihrer Ideologie gepasst.

Sie haben 100 Jahren Frauentag untersucht: Was waren aus Ihrer Sicht da die Höhepunkte?

Niederkofler: Ich würde drei Zeitpunkte nennen. Zum einen den allerersten Frauentag 1911, als 20.000 Menschen auf die Straße gegangen sind. Zum Zweiten die Nachkriegszeit der 1950er Jahre, als er von KPÖ und SPÖ getrennt gefeiert wurde. Die SPÖ hat es damals geschafft, Massenveranstaltungen mit 10.000 bis 15.000 Personen zu organisieren. Abwechselnd in allen Landeshauptstädten trafen sich die Menschen, vermutlich vorwiegend Parteimitglieder, die in Bussen und mit der Bahn hingekarrt wurden. Es gab Aufmärsche, Gesang, Theater, das waren richtige Ausflüge.

Mesner: Man darf nicht vergessen: Das war eine Zeit, die unter Mangel gelitten hat. Der Frauentag war auch ein Ausflugstag, es gab billigere Zugfahrkarten, Kombinationsangebote auch für den Mann und die gesamte Familie.

Niederkofler: Ein dritter Höhepunkt war sicher Ende der 1970er Jahre, als der Frauentag auch von der autonomen Frauenbewegung begangen wurde.

Mesner: Das war die Zeit, als er zum ersten Mal nicht nur in der sozialdemokratischen und kommunistischen Presse auftauchte, sondern auch in der bürgerlichen. Als die autonomen Frauen 1980 mit einer Plastikpuppe, die sie auf ein Kreuz befestigt hatten, auf den Stephansplatz gezogen sind und eine Fahne mit einem Frauenzeichen vom Turm gelassen haben, schafften sie es auch in "Die Presse". Nicht unbedingt wohlwollend aber immerhin. Aus meiner Sicht ist auch die Gegenwart ein Höhepunkt des Frauentags: Heute kommt kein Massenmedium mehr um das Thema herum, überall gibt es entsprechende Specials. Und das ist relativ neu, ein Phänomen der vergangenen zehn, 15 Jahre. Der Frauentag hat es in die Mitte der Gesellschaft geschafft.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Ö1 Sendungshinweis:

Ö1 Schwerpunktwoche von 5. bis 13. März 2011 anlässlich 100 Jahre Frauentag in Österreich: Mehr dazu in oe1.ORF.at.

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