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Die Rapidler grüßen mit dem Hitlergruß beim Finale zur großdeutschen Meisterschaft 1941

Rapid Wien unter dem Hakenkreuz

Rapid Wien hat als erster großer Fußballverein Österreichs seine Rolle in der Nazi-Zeit wissenschaftlich untersucht. Das Fazit: Die Hälfte der Funktionäre waren Mitglieder der NSDAP, aber keiner der Spieler. Während die zeitgenössische Presse Rapid als "arisch" lobte, gab es auch wichtige jüdische Funktionäre - darunter der Namensgeber von Rapid.

Zeitgeschichte 08.03.2011

Wilhelm Goldschmidt wurde später von den Nazis ermordet, die Erinnerung an ihn und andere ist nahezu komplett ausgelöscht worden. Mit dem neuen Buch "Grün-Weiß unterm Hakenkreuz" könnte sich das ändern.

Die Autoren Jakob Rosenberg und Georg Spitaler, Politikwissenschaftler von der Universität Wien, haben es am Dienstag am Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) gemeinsam mit Rapid-Präsident Rudolf Edlinger präsentiert. In einem Interview stellten sie die wichtigsten Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit vor.

Cover des Buchs "Grün-Weiß unterm Hakenkreuz"

DÖW, Franz Binder jr.

Das Buch "Grün-Weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938 - 1945)" von Jakob Rosenberg und Georg Spitaler, unter Mitarbeit von Domenico Jacono und Gerald Pichler, Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands und SK Rapid Wien - mehr über das Buch.

science.ORF.at: Bis heute führt Rapid auf seinem Briefkopf den deutschen Meistertitel 1941 an. Spricht da irgendetwas dagegen?

Spitaler: Wir sind mit den Auftraggebern - Rapid und DÖW - übereingekommen, keine Empfehlungen abzugeben - auch nicht, den Briefkopf zu ändern. Die Antwort ist aber prinzipiell schwierig: Der Meistertitel ist mit Bedeutung überfrachtet, er steht für sehr verschiedene Dinge. Aus Sicht des Vereins ist der Verweis auf dem Briefkopf wahrscheinlich rein sportlich gemeint. Wenn man aber an die Funktionäre denkt, gibt es keinen Grund, sich positiv auf die Jahre 1938 bis 1945 zu beziehen. Rund die Hälfte von ihnen waren in dieser Zeit Mitglieder der NSDAP. Dennoch wäre es falsch, Rapid als "Nazi-Verein" zu bezeichnen.

Rosenberg: Bis auf Ehrenmitglied Otto Steinhäusl, SS-Oberführer und Polizeipräsident von Wien, und Vereinsdietwart Franz Eymann, NSDAP-Ortsgruppenleiter von Penzing, haben wir niemanden gefunden, der vor 1938 in der Partei aktiv war. Unmittelbar nach dem "Anschluss" war das aber das Kriterium, um in die NSDAP aufgenommen zu werden. Einige andere haben vermutlich aus purem Opportunismus behauptet, dass sie "Illegale" waren, obwohl das gar nicht gestimmt hat, etwa "Vereinsführer" Josef Kalenberg, Trainer Leopold Nitsch und Sekretär Josef Dworak. Nach der Befreiung 1945 zeigt sich das umgekehrte Bild: Die Rechtfertigungen der Beteiligten lesen sich fast alle gleich - sie wären nur Parteimitglieder geworden, um den Verein zu schützen, ihren Beruf weiter ausüben zu können etc.

Finale um die Großdeutsche Meisterschaft gegen Schalke 04: Unmittelbar vor dem Anpfiff, die Rapidspieler grüßen im Hitlergruß

Franz Binder jr.

Unmittelbar vor dem Anpfiff zum Finale um die Großdeutsche Meisterschaft gegen Schalke 04 im Berliner Olympiastadion: die Rapid-Spieler grüßen im Hitler-Gruß.

Wie sieht es bei den Fußballern selbst aus?

Rosenberg: Wir haben 40 Spieler aus den Jahren 1938 bis 1945 untersucht und keine einzige Mitgliedschaft in der NSDAP gefunden. Ich denke, dass dies milieubedingt ist, die aktiven Fußballer aus der Arbeiterklasse galten als unpolitisch.

50 Prozent NSDAP-Mitglieder in der Funktionärsschaft ist nicht gerade wenig. Wie war das im Vergleich bei anderen Fußballvereinen?

Spitaler: Rapid ist der erste Verein in Österreich, der die Zeit in einem derartigen Projekt untersuchen hat lassen, das macht Vergleiche schwierig. Für die Austria z. B., die als "Judenverein" gegolten hat, war der "Anschluss" natürlich dramatischer. Rapid hingegen wurde als "bodenständig" und "volkstümlich" beschrieben, die NS-Presse schrieb vom "stets arisch geführten Verein". Das hat auch dazu geführt, dass jüdische Funktionäre, die es bei Rapid gegeben hat, völlig in Vergessenheit geraten sind. Etwa Wilhelm Goldschmidt, jener Funktionär, der 1899 den Antrag eingebracht hat, den damaligen 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club in "Sportklub Rapid" umzubenennen. Er wurde später von den Nazis ebenso ermordet wie der Rapid-Stürmer Fritz Dünmann. In den 1920er Jahren wurde Rapid kurzzeitig von zwei Präsidenten geführt, die aus jüdischen Familien stammten: Hans Fischer und Leo Deutsch.

Franz „Bimbo“ Binder erzielt den 4:3-Endstand im Finale der Großdeutschen Meisterschaft

Franz Binder jr.

Franz "Bimbo" Binder erzielt den 4:3-Endstand im Finale der Großdeutschen Meisterschaft.

Warum hat Rapid seine Vergangenheit nun untersucht, andere Vereine bisher nicht?

Spitaler: Zum einen hat Rapid erkannt, dass Geschichte ein wichtiges Kapital des Vereins ist. Diesen Sommer wird etwa ein Museum eröffnet. Im Zuge des 110-Jahr-Jubiläumsspiels 2009 gegen Schalke gab es Stimmen, die den positiven Bezug auf den Deutschen Meistertitel 1941 kritisierten. Präsident Rudolf Edlinger hat die Idee eines Forschungsprojekts aufgegriffen und sich dafür begeistern lassen. Zum anderen haben Vereine, die in der NS-Zeit sehr erfolgreich waren, wie Admira, Vienna und Sportclub, heute rein sportlich betrachtet andere Sorgen.

Rosenberg: Rapid war der erfolgreichste Verein in der NS-Zeit, das spielt sicher auch eine Rolle. Man wurde nicht nur Deutscher Meister 1941, sondern gewann auch den Tschammerpokal 1938. Insgesamt, das ist keine Neuigkeit, hinkt Österreich im Vergleich zu Deutschland - Stichwort "Opferthese" - in Sachen Vergangenheitsaufarbeitung hinterher. Dort gab es die ersten Publikationen dazu Ende der 90er Jahre, das erste reine Vereinsbuch der Art zu Schalke 04 ist 2005 erschienen.

Rapid folgte im April 1940 dem Aufruf zur Metallspende zum Geburtstag des „Führers“

Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung

Rapid folgte im April 1940 dem Aufruf zur Metallspende zum Geburtstag des "Führers".

In den 80er Jahren waren noch "Judenschweine"-Sprechchöre von Rapidfans gegen die Austria zu hören, die mittlerweile verschwunden sind. Inwiefern erschüttern Ihre Forschungserkenntnisse das Selbstbild rechter Fußballfans?

Rosenberg: Das mag ein Problem für sie sein, aber ist nicht unseres. Ich denke, es ist eines unserer wichtigsten Ergebnisse, zu sehen, wie "erfolgreich" der Nationalsozialismus langfristig gewesen ist: Er hat nicht nur Menschen physisch liquidiert, sondern auch die Erinnerungen. Ich würde nun nicht sagen, dass Rapid ein jüdischer Verein war, aber die Existenz von Juden im Verein wurde nach dem "Anschluss" komplett verdrängt. Der einzige jüdische Rückkehrer von Rapid war Leo Schidrowitz, der die NS-Zeit in Brasilien überlebte und Anfang der 1950er Jahre wieder Vorstandsmitglied bei Rapid und Pressereferent beim Österreichischen Fußballverband wurde.

Zum Finale der Deutschen Meisterschaft, das Rapid 4:3 gegen Schalke gewonnen hat: Der Mythos besagt, dass die Rapidler nach ihrem Sieg, der vermeintlich gegen den Willen der NS-Führung geschehen ist, bestraft wurden, indem sie relativ schnell in die Armee einrücken mussten. Ist da etwas dran?

Die Rapid-Mannschaft 1941 mit der "Victoria", dem Siegerpokal der deutschen Meisterschaft.

Rapidmuseum

Die Rapid-Mannschaft 1941 mit der "Victoria", dem Siegerpokal der Deutschen Meisterschaft.

Spitaler: Dafür spricht nicht viel. Fakt ist, dass Rapid unmittelbar nach dem Meistertitel 1941 nicht mehr so erfolgreich war, in Wien wurden sie von der Vienna überflügelt. Vielleicht wurden andere Teams im "Altreich" ein wenig bevorzugt, weil mehr Spieler den Status "unabkömmlich" bekamen, aber auch dort mussten viele an die Front. Diskussionen der NS-Sportfunktionäre über Wehrmachtseinberufungen von Wiener Fußballern gab es andererseits tatsächlich schon Ende 1940.

Der andere Teil des Mythos lautet: Das Spiel war manipuliert. War es das?

Rosenberg: Wir haben keine Hinweise darauf gefunden. In gar keiner Form.

Der jugendliche Ernst Happel auf Autogrammjagd bei Franz Binder

Franz Binder jr.

Der jugendliche Ernst Happel auf Autogrammjagd bei Franz Binder.

Spitaler: Die Verschwörungstheorien gibt es auf beiden Seiten, das alleine spricht dafür, dass es keine Manipulation gegeben hat. In deutschen Publikationen wird gerne darauf hingewiesen, dass der Verein aus der Ostmark gewinnen sollte. Das betraf schon den Sieg von Rapid im Tschammerpokal 1938, als der FSV Frankfurt von Schiebung gesprochen hatte.

Wie wichtig war der Fußballsport überhaupt für die Propaganda im Nationalsozialismus?

Rosenberg: Ich denke, er stand im Vergleich mit anderen Sportarten nicht an erster Stelle, da gab es das Boxen, den Rennsport und andere Disziplinen. Der Wert der Kriegsmeisterschaften war auch unter den Nationalsozialisten umstritten, etwa ob sie zur Ablenkung der Massen dienen sollten oder doch noch einen sportlichen Wert hatten. Der Wiener "Sportgauführer" Thomas Kozich hielt das Wiener Spiel für "wahre Fußballkunst". Dem hielt der Generalreferent des Reichssportführers Guido von Mengden entgegen, ob er der "Fußballidiotie" verfallen sei. 1940, in Zeiten des Kriegs, könne es nicht mehr um Sport gehen, wie er ihm vorhielt.

Der Konflikt Wien gegen das "Altreich" wurde also auch innerhalb der Nazi-Elite ausgetragen?

Rosenberg: Ganz eindeutig. Und dabei spielt auch der Spielstil eine bedeutende Rolle. In die Zeit fiel ein wichtiger Systemwechsel im Fußball. Das Wiener "Scheiberlspiel" war der letzte Ausläufer der sogenannten Pyramide - fünf Stürmer, drei Mittelfeldspieler, zwei Verteidiger, ein Tormann -, mit der das Wunderteam Anfang der 30er Jahre großen Erfolg hatte. In Deutschland hatte sich schon ein defensiverer Stil etabliert.

Spitaler: Das hat zu kuriosen Argumentationen geführt. So hat der mit Kozich verbündete bayrische "Bereichssportführer" Karl Oberhuber gemeint, dass dieses neue System eigentlich antinationalsozialistisch sei, weil es zu defensiv ausgerichtet ist. Das Pyramidenspiel hingegen wäre besser, weil dabei "frisch, fröhlich, frei" nach vorne gespielt wird.

Bis heute gilt bei Rapid der Kampf als Primärtugend, und nicht unbedingt die Technik. Gab oder gibt es im Spielstil etwas Antifaschistisches oder dient das alles nur als Argument in Auseinandersetzungen, auch in solchen zwischen Nazis?

Ö1-Sendungshinweis:

Über die Rapid-Studie berichtet auch das Ö1 Abendjournal am 8.3.

Spitaler: Als antifaschistischer, sozialdemokratischer Rapid-Anhänger konnte man in der NS-Ära den Spielstil vielleicht auch als Aspekt seiner Gesinnung verstehen. Aber der Umstand, dass sich auch Wiener Nazis auf ihn berufen konnten, wenn sie gegen Gesinnungsgenossen im "Altreich" argumentierten, zeigt, wie relativ das ist.

Rosenberg: In den Zeitungen wurde damals oft von den "technisch versierten Wienern" geschrieben, auch wenn Rapid gespielt hat. Eine Zuschreibung, die man heute nicht gewohnt ist.

Spitaler: Innerhalb Wiens galt Rapid auch in dieser Zeit als die Mannschaft, die kämpfte. Aber im Vergleich zu den "Holzhackern" im "Altreich" waren in Wien alles Techniker.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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