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Eine ausgestreckte Hand vom Handrücken aus betrachtet

Vorliebe für rechts wird schnell zu einer für links

Rechtshänder bevorzugen nicht nur beim Zugreifen ihre rechte Hand: Unbewusst haben sie auch bei abstrakten Vorstellungen ein Vorliebe für "rechts". Linkshändern geht es - genau umgekehrt - nicht anders. Neue Experimente zeigen jedoch, dass bereits ein kleiner Eingriff diese "gute Seite" schlagartig umdrehen kann.

Kognitionsforschung 14.03.2011

Das geschieht etwa als Folge eines Schlaganfalls in der gegenüberliegenden Gehirnregion, aber auch dann, wenn die Beweglichkeit der dominanten Hand durch einen Handschuh eingeschränkt ist.

"Rechts" ist gut

In vielen Kulturen steht "rechts" für das "Gute". Dies verdeutlicht unter anderem die sprachliche Verwendung, so heißt "Right" z.B. im Englischen nicht nur "rechts", sondern auch "richtig", im Deutschen ist das "Recht" nahe verwandt mit "rechts", "links" hingegen mit "linkisch".

Auch kulturelle Regeln zeigen diese Präferenz: Gemäß islamischen Vorschriften soll man die Linke für unreine Handlungen verwenden, zum Essen jedoch die Rechte, die Moschee soll man ebenfalls mit dem rechten Fuß betreten. Ein Handschlag zur Begrüßung erfolgt auch in unseren Breiten üblicherweise mit der rechten Hand.

Händigkeit prägt Vorlieben

Unbewusst jedoch verknüpfen Menschen die Seiten nicht immer gemäß diesen Konventionen. Viele Experimente zeigen, dass vielmehr die eigene Händigkeit ausschlaggebend ist. Wenn etwa Rechtshänder entscheiden müssen, welches Produkt oder welchen Bewerber sie wählen bzw. welche Figuren sie für vertrauenswürdiger halten, fällt ihre Wahl in der Regel auf die rechte Option, bei Linkshändern verhält es sich genau umgekehrt. Diese Präferenz kann man bereits bei fünfjährigen Kindern beobachten.

Auch außerhalb des Labors kann man diese Tendenz beobachten, beispielsweise an spontanen Gesten. So hat eine Studie des Teams um Daniel Casasanto vom niederländischen Max-Planck-Institut für Psycholinguistik gezeigt, wie die Händigkeit US-amerikanischer Präsidentschaftskandidaten ihre Gestik bei negativen oder positiven Themen geprägt hat.

Zur Studie:

When Left is "Right": Motor Fluency Shapes Abstract Concepts von Daniel Casasanto und Evangelia G. Chrysikou

Das spricht für Casasantos These, dass nicht Sprache oder Kultur, sondern der eigenen Körper abstrakte Ideen und Einschätzungen prägt. "Menschen agieren flüssiger mit ihrer dominanten Hand, diese motorische Erfahrung führt zu der unbewussten Wertzuschreibung", so der Linguist.

"Umgepolte" Vorliebe

In ihrer aktuellen Studie wollten die Forscher nun überprüfen, ob sich diese Präferenz durch umgekehrte körperlicher Erfahrung umdrehen lässt. Zuerst führten sie Experimente mit Schlaganfallpatienten durch, deren dominante Gehirnhemisphäre geschädigt worden war. Dabei zeigte sich, dass sich die Präferenz tatsächlich umgekehrt hatte. Dabei könnte das aber auch an einer prinzipiellen Umorganisation des Gehirns liegen.

Daher führten die Forscher weitere Experimente mit gesunden Probanden durch. Rechtshändige Studenten mussten eine motorische Aufgabe ausführen; als Handicap trug die Hälfte von ihnen rechts einen wuchtigen Schihandschuh, die andere links. Die Aufgabe, das Legen von Dominosteinen, war dadurch deutlich erschwert. Nach einer zwölfminütigen "Trainingsphase" mussten die Teilnehmer Fragen beantworten. Die Auswertung ergab, dass bei den gehandicapten Rechtshändern die Präferenz innerhalb dieser kurzen Zeit "umgepolt" worden war, die "gute" Seite war nun die linke.

"Menschen denken, ihre Urteile seien vernünftig und ihre Konzepte stabil", erklärt Casasanto die überraschenden Ergebnisse. "Wenn jedoch allein das Tragen eines Handschuhs in wenigen Minuten unsere Bewertung umkehrt, heißt das: Unser Geist ist weitaus formbarer, als wir annehmen."

Eva Obermüller, science.ORF.at

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