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Cover des Buchs "Anti-Freud"

"Sexualität ist mehr als Vögeln"

Geldgierig, pervers, frauen- und homosexuellenfeindlich: Das war Sigmund Freud laut dem französischen Philosophen Michel Onfray. In seinem eben erschienenen Buch "Anti-Freud" hält er therapeutische Erfolge der Psychoanalyse auch maximal für einen Placeboeffekt. Die Psychoanalytikerin Bettina Reiter widerspricht in einem Interview heftig.

Psychoanalyse 15.04.2011

Im Vorjahr ist das Buch von Michel Onfray unter dem Titel "Le crepuscule d'une idole" erschienen - "Idoldämmerung" - und hat für hitzige Diskussionen in der französischen Intellektuellengemeinde gesorgt. Nun wird die Psychoanalyse auch auf Deutsch "entzaubert", wie es im Untertitel heißt.

Zum wievielten Mal eigentlich, fragt sich Bettina Reiter in einem science.ORF.at-Interview. Die Psychoanalytikerin und Vizepräsidentin der Sigmund-Freud-Gesellschaft wirft Onfray eine Reihe von Dingen vor: Unkenntnis der Quellenlage, ein persönliches Rachebedürfnis an Freud und eine Fixierung auf das rein Körperliche.

science.ORF.at: Hand aufs Herz, haben Sie das Buch komplett gelesen?

Porträtfoto von Bettina Reiter

Lukas Beck

Bettina Reiter ist ist Fachärztin für Psychiatrie, Psychoanalytikerin, Vizepräsidentin der Sigmund-Freud-Gesellschaft und Herausgeberin der Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis.
Im "Presse-Spektrum" schrieb sie eine Onfray-Rezension mit dem Titel: "Freud, der Krampus".

Bettina Reiter: (lacht) Nein, bereits nach den ersten 100 Seiten ist klar, wie das weitergeht. Ich haben dann v.a. die Anfänge der anderen Kapitel gelesen, um zu schauen, ob irgendetwas Neues kommt. Was aber nicht der Fall war. Die Argumentation wird schon im Einleitungskapitel ausgebreitet und dann folgt das, was der Autor als Keulenschläge gegen Freud betrachtet. Bei näherem Hinsehen muten die aber alle eher armselig an. Es reicht daher, das Einleitungskapitel zu lesen, in dem Onfray erklärt, wie er zu seiner Haltung gekommen ist und dass er eine "nietzscheanische Dekonstruktion" von Freud vornehmen möchte. Die Argumente im Einzelnen - das Freud geldgierig gewesen ist etc. - wiederholen sich danach, und das ohne entsprechende Belege. Wie schlampig Onfray mit der Quellenlage umgeht, erfährt man auch schon im ersten Kapitel.

Eine zentrale These von Onfray lautet, dass die gesamte Theorie der Psychoanalyse - vom Traum als Königsweg zum Unbewussten bis zum Ödipuskomplex - nur auf eine einzige Person zutrifft, nämlich Freud selbst. Und diese Privattheorie habe Freud der Welt aufgedrängt.

Ja, arme Welt, kann man da nur sagen. Erstens macht Freud kein Geheimnis daraus, dass er sein eigenes Studienobjekt war. Die gesamte Traumdeutung besteht aus der Auswertung seiner Selbstanalyse zwischen 1893 und 1898. Das musste Onfray nicht erst groß aufdecken. Freud steht in der guten Tradition der Medizin, die sehr häufig in Selbstversuchen bedeutende Entdeckungen gemacht hat. Die Frage ist, warum sich die Welt in Geiselhaft eines einzelnen neurotischen Individuums nehmen lassen sollte, warum sie sich Freuds Thesen gefallen lassen sollte, wenn diese Thesen so gar nichts mit ihr zu tun haben, wie Onfray das behauptet. Das ist so absurd, das man darüber eigentlich gar nicht reden braucht.

Onfray gibt darauf eine Reihe von Antworten: Etwa dass Freud die Sexualität nach 2000 Jahren platonischer und christlicher Philosophie als erster in den abendländischen Diskurs integriert bzw. dass er eine Art Religion mit geheimbündlerischen Methoden gegründet hat.

Die Bücher:

Cover des Buchs "Anti-Freud"

Knaus Verlag

Das Buch: "Anti Freud. Die Psychoanalyse wird entzaubert" von Michel Onfray ist im Knaus-Verlag erschienen: Leseproben

Das Buch "Doch warum so viel Hass?" von Elisabeth Roudinesco im Verlag Turia+Kant: Leseprobe.

Ja, eine wunderbare Verschwörungstheorie mit antisemitischen Untertönen. Was die Sexualität betrifft, ist das so, wie es Onfray formuliert, ein Unsinn. Er betrachtet Sexualität als eine Art materialistische Befreiungsideologie. Der einzige Analytiker, der in seinen Augen besteht, ist Wilhelm Reich, der Autor der "Funktion des Orgasmus". Das ist - kurz gesagt - eine materialistische Erklärung dafür, warum das tatsächliche orgiastische Erleben des Menschen ein Gesundbrunnen ist und warum ein Mangel an Orgasmen krank macht. Das findet Onfray gut, der auch einer Art von heidnischem, areligiösen Körperkult huldigt, und den als eine Art Religionsersatz predigt, wie in seinem Buch "Atheologie" beschrieben. Für die Psychonanalyse steht die Sexualität natürlich im Mittelpunkt der Theorie, aber Freud hat sie nicht wiederentdeckt, denn das späte 19. Jahrhundert war voll von Sexualtheorien. Was er wirklich als erster pointiert formuliert hat, war, dass auch die Kinder eine Sexualität haben, dass wir als Menschen mit einer angeborenen sexuellen Ausstattung auf die Welt kommen und als Körperwesen durch und durch von Sexualität bestimmt sind, auch in unserem Denken und Fühlen. Das ist nichts, was mit der Pubertät einsetzt und in einer genitalen Sexualität mündet, sondern mit der Geburt beginnt, mit den ersten Berührungen, den ersten erotischen Empfindungen über die Hautsinne, dem Saugtrieb. Daher kommt der Triebbegriff, der sehr körperlich ist, der Onfray aber gar nicht interessiert.

Obwohl Onfray prinzipiell ein Faible für den Körper hat ...

Ja, das wäre eigentlich der Transmissionsriemen, sich der Psychoanalyse zu nähern. Da geht es um Spüren und Erleben und daraus hergeleiteten Empfindungen, Gedanken, Fantasien, Wünsche, Objektbeziehungen, Bedürfnisse, die an andere gerichtet sind etc. Das kommt in der Freudschen Theorie alles aus dem Körper, was vor 120 Jahren schon ein Hammer gewesen ist. So ist Sexualität bei Freud zu verstehen, und nicht krude materialistisch. Dass zwei Menschen miteinander vögeln, das ist ein bisschen wenig.

Ein weiterer Vorwurf von Onfray: Die Therapie der Psychoanalyse ist ein Erbe magischer Heilpraktiken, ihr Erfolg maximal ein Placeboeffekt. Auch wenn Sie als Analytikerin nicht gerade unparteiisch sind: Was halten Sie von dem Vorwurf?

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 15.4., 13:55 Uhr.

Da fragen Sie die Richtige, damit verdiene ich seit 30 Jahren mein Geld (lacht). Bei der Frage nach der therapeutischen Effektivität, kommt es auf den Blickwinkel an. Wenn wir Psychoanalyse als eine Theorie des Menschen betrachten, ist das Therapeutische das Uninteressanteste, weil dann geht es eher um Fragen wie: Wie wichtig ist Sexualität? Umgekehrt ist die Laborsituation mit der Couch, die Behandlung von Neurosen, Psychosen etc. immer gleich: Jemand teilt seine Einfälle mit, Patient und Analytiker bemühen sich, den unbewussten Inhalt herauszuschälen - das, was nicht gesagt werden kann, aber in Symptomen, Fehlleistungen, Zwängen etc. wirkt. Diese Laborsituation ist konstitutiv für die Theorie, ohne sie kommt keine Behandlungstechnik aus. Wenn ich keinen Blinddarm operiere, kann ich auch keine bessere Methode für Blinddarmoperationen entwickeln. Das gilt auch für die Psychoanalyse. Was die Effektivität betrifft, gibt es eine breite Literatur und heftige Diskussion, so wie für viele andere Verfahren im Gesundheitsbereich. Es gibt statistische, methodisch völlig korrekte Untersuchungen, die zeigen, dass psychoanalytische Behandlungen für bestimmte Indikationen sehr wirksam sind. Das gleiche gilt auch für die Verhaltenstherapie. Hier stehen die psychotherapeutischen Methoden miteinander im Wettstreit, das ist ja nur gut so.

Eine Kritik besteht auch darin, dass die Psychoanalyse so lange dauert und dementsprechend teuer ist.

Diese Diskussion muss man im Rahmen des Gesundheitssystems führen, keine Frage. Da muss man Zahlen vorlegen und Studien, dem kann man aber nicht mit einem Generalargument von Onfray begegnen, wonach man in der Psychoananlyse nur Worte austauscht, die irgendwelche neurotische Fantasien nähren.

In Frankreich hat das Buch zu sehr hohen Wellen in der öffentlichen Diskussion geführt. Hat Sie das überrascht?

Ganz nachvollziehen kann ich das nicht. Das ist schon eine sehr französische Angelegenheit. Das Buch ist dermaßen schlecht, was die akademischen Standards betrifft, dass man sich schon fragt, wie das ernsthaft diskutiert werden konnte. Ich habe mir einige Videos aus Frankreich im Internet angesehen, wo Diskutanten im Fernsehen befragt wurden, mit Michel Onfray und Elisabeth Roudinesco. Mir schien das sehr hysterisiert abzulaufen. Das liegt wohl daran, dass die Psychoanalyse in Frankreich ein viel bestimmenderes Paradigma im intellektuellen Leben ist als bei uns. Die Psychoanalyse als Diskurs, wie man die Welt überhaupt zu verstehen hat, hat dort praktisch die gesamte moderne Philosophie bestimmt, von Sartre bis Derrida. Vielleicht ist das ein Hinweis, warum ein derart rotzfreches Buch eine Strömung untergründiger Aversion gegen das herrschende Paradigma mobilisieren konnte. Alles, was im Kanon des offiziellen Wissens beinhaltet und noch dazu mit dem "Skandal der Sexualität" verknüpft ist, muss offenbar einen Widerstand hervorrufen. Und das ist wohl ein Grund, warum das Buch derart hypemäßig abgelaufen ist.

In Österreich ist das nicht unbedingt zu erwarten?

Da haben Sie recht. Was natürlich auch etwas über den Stellenwert aussagt, den Freud hier hat.

Die französische Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco hat ihre Replik auf Onfray "Doch warum so viel Hass?" genannt. Finden Sie auch, dass er sein Buch hasserfüllt geschrieben hat?

Ja.

Und woher kommt der?

Neben dem schon Gesagten zu spezifischen Situation in Frankreich: In einer Rezension in der Frankfurter Rundschau habe ich das plausible Argument gelesen, wonach es sich bei Onfray um eine projektive Identifizierung handelt.

D.h. Onfray schreibt eigentlich über sich und nicht über Freud?

Ja, über sich und seine eigenen neurotische Verwicklungen mit dieser Überfigur, die Freud wie für ihn gewesen sein muss, wie er ausführlich beschreibt. Das erste Kapitel ist ja eine Art Heldenerweckung: Eines Tages wacht der Held auf, hat seine Meinung geändert und weiß nun, was zu tun ist. Die Gründe dafür sind alle sehr persönlich, die in einer schrecklichen Biografie liegen und die ich weder ausbreiten noch interpretieren will, aber das ist der Hintergrund des Buchs: Ja, Onfray schreibt über sich selber und tut so, als ob er über eine zivilisatorische Geiselhaft schreiben würde.

Das wiederholt ein Argument, das Onfray gegen Freud ins Treffen führt. Auch dieser habe bei der Erfindung der Psychoanalyse eigentlich immer nur von seinen eigenen Neurosen gehandelt, auch bei konkreten Therapien eigentlich über sich geredet. Diese projektiven Identifizierungen kann man bis zum St. Nimmerleinstag ausführen ...

Ich denke, die guten Argumente liegen bei jenen, die das bei Onfray kritisieren. Er übt keine legitime Kritik an Freud, sondern stempelt ihn als perverse und widerliche Person ab. Eine Kritik, die sich am Werk abarbeitet und die Literatur kennt, bleibt er ja schuldig. Diese Kritik an der Figur Freud und an vielen seiner biographischen und entdeckerischen Aspekte hat die Psychoanalyse und ihr verwandte Literatur längst geleistet. Man muss aus dem Alten keineswegs eine Heldenfigur basteln, die irgendwer entthronen muss, das ist over and out.

Ihr Fazit, das über ein "Lesen Sie das Buch nicht!" hinausgeht?

Tut mir leid, ich kann keinen anderen Ratschlag geben. Es zahlt sich echt nicht aus. Ich verstehe auch nicht den Hype, den der Verlag darum macht. Außer dass es vielleicht lustig ist, dass Psychoanalyse noch immer für einen Skandal gut ist, was sicher an der Stellung der Sexualität liegt. Das ist nach wie vor keine handhabbare Kaufhaussexualität, sondern etwas ziemlich Kompliziertes, Widerständiges, Individuelles.

Dagegen hätte Onfray ja nun nichts.

Er glaubt, dass die Sprengkraft der Sexualität im Vögeln liegt. Das glauben wir aus der Theorie begründet nicht, weil Sexualität eine psychische Verfassung ist, die uns zu schaffen macht, aber auch motiviert zu unseren schönsten Leistungen in Kunst und Kultur. Aber diese Seite der Sexualität, die Sublimierung, versteht er nicht.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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