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500 Jahre alte Bibel des Theologen Friedrich Myconius (1490-1546)

Im Anfang war die Übersetzung

Heilige Schriften gibt es in den meisten Religionen. Weil sie für die jeweilige Religion kanonischen Rang haben und als Offenbarungszeugnis gelten, ist ihre Übersetzung aus den Ursprachen in andere Sprachen ein besonders sensibler Vorgang. In gewisser Weise wird oft die Übersetzung zum Original, schreibt der Theologe Ulrich Körtner in einem Gastbeitrag.

Religion 22.04.2011

Transformation am Beispiel von Bibelübersetzungen

Von Ulrich H.J. Körtner

Übersetzen heißt interpretieren. Und wenn sich auch jede gute Übersetzung nach Umberto Eco darum bemüht, quasi dasselbe wie der Ausgangstext nur mit anderen Worten zu sagen, findet doch mit jeder Übersetzungsvorgang immer auch eine Transformation statt. So sind auch die Übersetzungen Heiliger Schriften nicht nur als Phänomene der Inkulturation zu verstehen, sondern auch als Phänomene der Transformation von Religionen.

Solche Phänomene untersucht derzeit das Forschungscluster "Reception and Hermeneutics of Religious Texts" an der Universität Wien. Die von Marianne Grohmann geleitete Forschungsgruppe ist Teil der interdisziplinären Forschungsplattform "Religion and Transformation in Contemporary European Society".

Über den Autor:

Ulrich Körtner

Uni Wien

Ulrich Körtner ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er leitet außerdem das Institut für Ethik und Recht in der Medizin.

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Unterschiedlich: Septuaginta und Hebräische Bibel

Beispiele für religiöse Transformationsprozesse bietet die Geschichte der Bibel und ihrer Übersetzungen. Die fortgesetzte Arbeit an Bibelübersetzungen, insbesondere an solchen die für den kirchlichen und gottesdienstlichen Gebrauch zugelassen sind, zeigt zugleich, wie sehr Bibelübersetzungen konfessionelle Identitäten prägen und symbolisieren.

Auch wenn sich alle Kirchen auf die Bibel berufen, gibt es doch verschiedene Gestalten des christlichen Kanons. Die Unterschiede betreffen nicht nur den Umfang der Schriften und ihre Originalsprache - hier stehen im Christentum für das Alte Testament die griechische Septuaginta und die Hebräische Bibel nebeneinander -, sondern auch Komposition und Aufbau.

Anders als die Hebräische Bibel rückt die Septuaginta die Prophetenbücher an das Ende. Dadurch wird der alttestamentlichen Messiaserwartung Nachdruck verliehen, so dass das Neue Testament als Erfüllung dieser Erwartung und der durch Gott an Israel ergangenen Verheißungen gelesen werden kann. Diese Lesart wird durch den Aufbau der Hebräischen Bibel, die mit den Chronikbüchern endet, vielleicht nicht gänzlich abgeschnitten, aber doch erschwert. Ob der heutige Aufbau der Septuaginta erst christlichen Ursprungs oder schon auf eine vorchristliche jüdische Tradition zurückgeht, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet.

Die Übersetzung ist das Original

Die Reformation trat unter der Parole "Allein die Schrift (sola scriptura)" an. Nicht das kirchliche Lehramt und überlieferte Dogmen, sondern allein die Bibel könne die Quelle und der Maßstab in Glaubensdingen sein.

Die Heilige Schrift, auf die sich Luther und die Kirchen der Reformation mit ihrem sola scriptura berufen, ist freilich streng genommen ein Hybrid, nämlich ein Kanon, der in Umfang und Aufbau überhaupt nur in nationalsprachlichen Übersetzungen existiert. Neben der Lutherbibel sind vor allem die reformierte Zürcherbibel sowie die englische King-James-Bibel zu nennen. Pointiert gesagt: Die Übersetzung ist das Original.

Das Phänomen einer Übersetzung, die zugleich das Original ist, begegnet uns schon im Fall der Septuaginta, also jener Gestalt der jüdischen Bibel, die im spätantiken Diasporajudentum verbreitet war und im Neuen Testament als Heilige Schrift zitiert und interpretiert wird. Das Problem von Kanon, Übersetzung und konfessioneller oder religiöser Identität reicht also bis in das Neue Testament selbst und die Anfänge der Geschichte des christlichen Kanons zurück.

Die Bibel Luthers

Ö1 Sendungshinweise:

Eine Reihe von Sendungen widmete sich österlichen Themen:
Logos - Theologie und Leben: "... als wie ein Auferstehungstag" - Ostern in der Literatur, 23.4., 19.05 Uhr
Betrifft Ostern: "Drei Tage Zeit", 21.4., 18.50 Uhr.
Radiogeschichten: 19.4., 11.40 Uhr.

Luthers Bibelübersetzung in der Ausgabe letzter Hand (1545) trägt den Titel "Biblia: Das ist: Die gantze Heilige Schrifft / Deutsch / Auffs new zugericht". Aber was heißt hier die ganze Schrift? Zwar enthält die Bibelübersetzung von 1545 auch die sogenannten alttestamentlichen Apokryphen, die in heutige Ausgaben der Lutherbibel zumeist fehlen.

Doch werden diese von Luther selbst nicht dem biblischen Kanon im engeren Sinne zugerechnet. Luther begründet dies damit, dass er das Alte Testament der Christen mit dem hebräischen Tanach identifiziert und nicht mit der Septuaginta, wie es der christlichen Tradition seit den Anfängen der Kirchengeschichte entspricht.

Im Aufbau folgt Luther freilich der Septuaginta, auf der auch die Vulgata fußt. Sein Altes Testament gliedert sich daher in Geschichtsbücher, Lehrbücher und Propheten, wogegen der Tanach den Aufbau Tora, Propheten, Schriften hat, also nicht mit dem Propheten Maleachi, sondern mit dem 2. Chronikbuch endet.

Revisionen bis heute

Wie sehr dieser Kanon bis heute die konfessionelle Identität der lutherischen und anderer evangelischen Kirchen im deutschsprachigen Raum prägt, zeigen die liturgische Stellung der Lutherbibel und die Geschichte ihrer Revisionen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt.

1984 wurde die Revision des Neuen Testaments abgeschlossen, nachdem der 1975 vorgelegte Text in weiten Teilen der evangelischen Kirchen (VELKD und EKD) zum Teil auf massive Kritik gestoßen war. Der Streit drehte sich nicht nur darum, wie gut der griechische Text in modernes Deutsch übersetzt worden war, sondern auch darum, wie weit dabei die Treue gegenüber der Sprache Luthers gewahrt geblieben war.

1999 wurde der Text im Zusammenhang mit der Einführung der neuen Rechtschreibung nochmals durchgesehen. 2010 hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) einen Lenkungsausschuss eingesetzt, der mit einer erneuten "Durchsicht der Lutherbibel" beauftragt ist und seine Arbeit möglichst vor dem Reformationsjubiläum 2017 abschließen soll.

Konflikte der Konfessionen

Mit Recht kann man fragen, wieviel Luther noch in der heutigen Lutherbibel enthalten ist, und zwar nicht nur rein vom Wortbestand her betrachtet, sondern auch theologisch; verändert sich doch mit jeder Revision einer Übersetzung auch die Interpretation des Ausgangstextes. Zwar sind neben der Lutherbibel auch andere moderne Übersetzungen im Gottesdienst zugelassen. Dass aber die Lutherbibel in den lutherischen Kirchen wie auch in den übrigen Gliedkirchen der EKD überhaupt durch eine andere Übersetzung abgelöst würde, scheint nach wie vor ganz undenkbar zu sein.

Im Jahr 2005 haben die Bischofskonferenzen des deutschen Sprachraums und der angrenzenden Diözesen mit deutschsprachigen Gläubigen (Luxemburg, Lüttich, Straßburg, Bozen-Brixen, Vaduz) die Herausgabe einer Revision der Einheitsübersetzung vereinbart. Wie bei der ersten Ausgabe der Einheitsübersetzung wurde auch die EKD zur Mitarbeit eingeladen. Diese hat sich jedoch schon im September 2005 aus der Mitarbeit zurückgezogen und dafür kirchenpolitische bzw. kirchenrechtliche Argumente ins Feld geführt.

Ihren Rückzug aus dem Projekt einer gemeinsamen Bibelübersetzung begründete die EKD damit, dass sie sich durch ihre Mitarbeit letztlich den Normen römisch-katholischen Liturgierechts unterwerfen würde. Die Liturgie-Instruktion enthalte Kriterien, die von der evangelischen Kirche nicht mitgetragen werden könnten.

Eine Frage der Kirchenpolitik

Für das Thema Bibelübersetzung und konfessionelle Identität ist die wechselseitige Wahrnehmung der am Konflikt beteiligten Kirchen aufschlussreich. Aus Sicht der EKD bedeutet die Bindung der Einheitsübersetzung an die Vorgaben der Liturgie-Instruktion, dass die Idee einer ökumenischen Bibelübersetzung in weite Ferne rückt. Die Einheitsübersetzung ist nun aus evangelischer Sicht eindeutig katholisch-konfessionell punziert. Hingegen deutet die katholische Seite gerade den Rückzug der EKD als Zeichen einer Rekonfessionalisierung auf dem Gebiet der Bibelübersetzungen.

Bibelübersetzungen sind also keineswegs nur ein philologisches, bibelwissenschaftliches und Translationswissenschaftliches Thema, sondern auch eine Frage von Kirchenpolitik und Ökumene. Kanon, Übersetzung und konfessioneller Identität stehen in einem komplexen Wechselverhältnis, das in den kommenden Jahren weiter erforscht werden soll.

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