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Eine einzelne Sardine

Auch Sardinen brauchen Schutz

Wenn man an das Artensterben in den Weltmeeren denkt, fallen einem zuerst die großen, spektakulären Tiere ein: der Blauflossenthunfisch etwa und der Dornhai. Dabei sind die kleinen Fische nicht weniger bedroht, schreiben US-Forscher und brechen eine Lanze für den Schutz von Sardinen und Co.

Artenvielfalt 03.05.2011

Die kleinen Meeresbewohner wurden bisher einfach nur weniger berücksichtigt, meinen der Biologe Malin Pinsky von der Stanford University und seine Kollegen. Dabei könnte eine markante Abnahme der kleinen Fischarten oder das Aussterben einer einzelnen Art massive Auswirkungen auf die Nahrungskette haben.

Die Studie:

"Unexpected patterns of fisheries collapse in the world's oceans" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) erschienen (doi:10.1073/pnas.1015313108)).

Von Grizzlybären und Haien

An Land ist es für das langfristige Überleben einer Art definitiv besser, möglichst klein am unteren Ende der Nahrungskette seine Existenz zu fristen als groß und stark menschlichen Jägern ausgesetzt zu sein - man denke nur an die Erfolgsgeschichte der Maus gegenüber dem schwierigen Schicksal des Grizzlybären. Würde man sich hingegen mit Sardellen und Haien unterhalten, wären die Verhältnisse nicht so klar, berichten Meeresbiologen.

Für ihre Analyse zogen sie zwei umfassende Fischdatenbanken heran: In der sogenannten RAM Legacy Database befinden sich zum Zeitpunkt der Studie Daten zu 120 Fischarten weltweit sowie Angaben zu Fangquoten ab dem Jahr 1950. Ergänzt wurde dieses Material durch Berichte und Statistiken der Food and Agriculture Organisation (FAO), die zwischen 1950 und 2006 veröffentlicht wurden.

Kleinere Arten stark bedroht

Durch die Auswertung der Daten wollten die Forscher herausfinden, ob zwischen Faktoren wie Größe, Fortpflanzungsrate und Lebenserwartung und dem Grad der Bedrohung ein Zusammen besteht. "Wir gingen an die Sache mit der starken Erwartung heran, dass die großen Raubfische inklusive Thunfisch, Hai und Marlin am stärksten bedroht sind - vergleichbar mit den großen Räubern an Land", schildert Studienleiter Malin Pinsky die Ausgangssituation.

Die Auswertungen zeigten aber anderes: Bei Arten schwerer als 16 Kilo waren 16 Prozent der Bestände stark zurückgegangen, bei Fischen mit einem Gewicht unter 2,5 Kilo waren es hingegen 29 Prozent.

Sardinen-Fischer mit reicher Ernte

Monterey Bay Aquarium

Sardinen-Fischer in der Monterey Bay mit reicher Beute

In beiden Fällen sei die Überfischung der Meere schuld am Rückgang, so die Forscher, allerdings fallen die Reaktionen sowohl von Umweltschutzbehörden als auch von Fischereibetrieben gegensätzlich aus: Während bei den großen Arten die Fangquoten reduziert werden, damit sich die Bestände erholen können, setzen die Verantwortlichen bei den kleinen Fischen darauf, dass sie sich schneller fortpflanzen und ein spezieller Schutz deshalb nicht erforderlich sei.

Ein Trugschluss, meinen die Meeresbiologen nach Auswertung ihrer Daten. Zwar stimme es, dass kleine Arten sich im Schnitt nach fünf Jahren erholen, große hingegen 15 Jahre brauchen - aber eben nur im Durchschnitt. Die Sardinen in der Monterey Bay in Californien beispielsweise galten als nahezu ausgerottet - die Bestände brauchten Jahrzehnte zur Erholung.

Nahrungskette gefährdet

Malin Pinsky und seine Kollegen möchten mit ihrer Studie deshalb in erster Linie Bewusstsein bei allen Verantwortlichen schaffen, dass die Bestände auch kleinerer Arten beobachtet und geschützt werden müssen. Schließlich besteht ein Viertel des Fischfangs aus kleinen Arten, der größte Teil wird zu Tierfutter, Dünger oder Nahrungsergänzungsmittel verarbeitet.

Würden die kleinen Fische plötzlich weniger oder gar ganz aussterben, hätte das massive Auswirkungen auf die Umwelt: Sowohl den größeren Meeresbewohnern als auch vielen Vögeln würde ihre Hauptnahrungsquelle fehlen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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