Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wenn die Masse ihre Weisheit verliert"

Viele abstrakte Puppen stehen neben einander.

Wenn die Masse ihre Weisheit verliert

Antworten viele Individuen auf eine unverfängliche Frage - etwa, wie viele Unfälle in einem Ort passieren -, liegt der Durchschnitt ihrer Schätzungen näher an der Wahrheit als jede Antwort für sich genommen. Diese "Weisheit der vielen" hat aber einen Haken: Sie verschwindet mit dem sozialen Einfluss.

Systemanalyse 18.05.2011

Das beste Beispiel dafür, dass Massenentscheidungen nicht immer richtig seien, sei die letzte Finanzkrise gewesen, schreiben Jan Lorenz und Heiko Rauhut von der ETH Zürich sowie Kollegen aus den USA und Budapest in ihrer Studie. Auch da hätten sich viele unter dem Einfluss der Entscheidungen anderer zu falschen Maßnahmen hinreißen lassen.

Die Studie:

"How social influence can undermine the wisdom of crowd effect" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen (doi:10.1073/pnas.1008636108).

Die Dummheit der Masse

"Vox Populi", also "Stimme des Volkes" nannte der Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton einen Aufsatz, den er 1907 in "Nature" veröffentlichte. Darin schildert er einen Wettbewerb, der bei einer Viehzuchtmesse in Plymouth in Großbritannien abgehalten wurde: Ochsen wurden dem Publikum vorgeführt und die Zuschauer hatten die Möglichkeit, Schätzungen zu Gewicht und Größe auf Kärtchen zu schreiben. Danach wurden die Tiere gewogen und die Messebesucher mit den besten Schätzungen mit Preisen belohnt.

787 Personen, völlig unerfahrene und "Experten" wie beispielsweise Metzger, gaben ihr Kärtchen ab. Galton bekam diese Karten von den Veranstaltern und wertete sie aus. Zu seiner Überraschung zeigte sich: Der Schnitt aller Schätzungen lag näher an der Realität als das einzelne Kärtchen. Die Masse als Kollektiv hatte also besser geschätzt als das Individuum - Galton, der eigentlich die Dummheit von Massen beweisen wollte, war grandios gescheitert.

Bessere Gruppenentscheidungen?

Francis Galton gab damit den Auftakt zur Erforschung der Intelligenz der Masse - ein Thema, das zahlreiche Forscher faszinierte. Die bekannteste Veröffentlichung in jüngerer Vergangenheit stammt vom Journalisten James Surowiecki, der in seinem 2004 veröffentlichten Buch "The Wisdom of Crowds" ("Weisheit der Vielen") davon spricht, dass Gruppenentscheidungen oft besser seien als Lösungsansätze einzelner - eine These, die sich seither auch Unternehmen durch "Crowdsourcing" zu nutze machen wollen.

Das internationale Forscherteam um Jan Lorenz und Heiko Rauhut widerspricht nun dieser Annahme, dass viele besser entscheiden als das Individuum - beziehungsweise sie ergänzen, dass schon geringer "sozialer Einfluss", wie sie es nennen, die Weisheit zerstören kann. Um das zu belegen, luden sie 144 Studierende der ETH Zürich zu Entscheidungstests ein.

Jede Versuchsperson musste sechs Fragen beantworten, allerdings mit unterschiedlichen Voraussetzungen: einmal ohne jedes Wissen, wie die anderen antworten, dann mit der Informationen, wie die anderen im Schnitt geantwortet hatten, und dann noch einmal mit dem Wissen, was jeder andere der zwölfköpfigen Versuchsgruppe als Lösung angegeben hatte. Um "Spaßantworten", aber auch Anpassungen durch den Gruppendruck zu verhindern, bekamen die Studierenden Geld - je näher an der richtigen Antwort, desto mehr.

Zerbröselnde Weisheit

Laut Forschern hat das Wissen über die Antworten der anderen Teilnehmer drei Effekte: Der soziale Einfluss bewirkt, dass Menschen, sobald sie die Meinungen der anderen kennen, nach dem "gemeinsamen Nenner" streben. Die Vielfalt der Antworten geht verloren und damit auch die "Gruppenintelligenz", die sich maßgeblich aus der Unterschiedlichkeit speist.

Dadurch entsteht die nächste Fehlerquelle: Die meisten - sozial beeinflussten - Antworten gruppieren sich um einen falschen Mittelwert. Würde ein Entscheidungsträger eine solche Gruppe um Rat fragen, bekäme er den falschen Hinweis, wo die richtige Antwort zu suchen ist. Der dritte Effekt ist laut Studienautoren rein psychologisch zu erklären: Aus den Lösungsvorschlägen der anderen bezogen die Versuchsteilnehmer viel Selbstbewusstsein, wenn sie nahe an den eigenen lagen - egal, ob die Antworten richtig oder falsch waren. Das Streben nach Bestätigung kann demnach auch die Weisheit der Gruppe zerstören.

Damit Gruppen wirklich weise agieren, müssten ihre Teilnehmer sozial völlig unbeeinflusst sein, schreiben die Studienautoren - um gleich festzustellen, dass dieser Zustand in modernen Gesellschaften nahezu unmöglich zu erreichen sei. Bei der Rede von der Intelligenz der Masse sei deshalb Skepsis angebracht.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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