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Evolution des aufrechten Ganges von affenartigen Primaten bis zum Menschen.

Steht auf, um zu kämpfen!

Warum unsere Vorfahren den zweibeinigen Gang entwickelt haben, wird in Fachkreisen immer noch diskutiert. Ein US-Biologe wartet nun mit einer neuen Hypothese auf: Die aufrechte Haltung sei im Dienste des Kämpfens entstanden, sagt er.

Evolution 19.05.2011

Laufen, Sehen, Tragen

3,6 Millionen Jahre ist es her, dass sich unsere Vorfahren aufgerichtet haben. Australopithecus afarensis war es, der als erster auf zwei statt auf vier Beinen ging. Das legt zumindest ein Vergleich von Fußbadrücken nahe, den britische Forscher im Vorjahr durchgeführt haben (PLoS ONE, 5: e9769).

Stellt sich die Frage: Was veranlasste Australopithecus zur Änderung seiner Bewegungsweise? Und warum blieben seine Nachfahren bis zum Homo sapiens dabei? Die bisher üblichen Antworten verbinden diesen Übergang mit dem Leben in der Savanne. Die aufrechte Haltung habe einen Panoramablick ermöglicht und damit Jagd und Flucht erleichtert, heißt es etwa. Durch die zweibeinige Fortbewegung seien die Hände für andere Aufgaben frei geworden - zuerst zum Tragen von Beute und Nahrung, später für die Herstellung von Werkzeugen, lautet ein anderes Argument.

Ebenfalls häufig ins Treffen geführt wird der Hinweis auf die Überwindung langer Distanzen: Langstreckenlauf auf zwei Beinen sei einfach ökonomischer, so Standardantwort Nummer drei.

"... um besser schlagen zu können"

David Carrier hält letztere für falsch. "Vor 25 Jahren war ich auch noch der Meinung, dass die zweibeinige Positur die Fähigkeiten im Langstreckenlauf verbessert. Aber laut neueren Forschungen ist das unwahrscheinlich", so der Biologe von der University of Utah im Gespräch mit science.ORF.at.

"Auf zwei Beinen zu laufen kostet mehr Energie, es reduziert die Beweglichkeit und macht die Beschleunigung wie auch das Bremsen schwieriger. Es muss also einen anderen selektiven Vorteil für die Zweibeinigkeit geben - und zwar einen wichtigen."

Laborszene: Test der Schlagkraft

David Carrier, University of Utah

Hau den Laborlukas 1: Schlag aufrecht

Carrier glaubt, dass dieser Vorteil mit der Konkurrenz zwischen Männern zu tun hat. Genauer gesagt: mit innerartlichen Kämpfen. "Unsere Studie steht im Einklang mit der Hypothese, dass unsere Vorfahren die aufrechte Haltung eingenommen haben, um besser angreifen bzw. schlagen zu können. Vor allem bei der Konkurrenz um Frauen." Carrier berichtet nun im Fachblatt "PLoS ONE" (6: e19630) von Versuchen mit Sportlern, die Erfahrungen in Sachen Selbstverteidigung hatten:

Er ließ sie im Labor vier verschiedene Schläge durchführen - vorwärts, seitwärts, aufwärts und abwärts - und zwar sowohl in aufrechter Position als auch auf allen Vieren. Sämtliche Schläge mussten, das war die Vorgabe, mit Maximalkraft absolviert werden, die Wirkung war jedoch sehr unterschiedlich. Aufrecht durchgeführt fielen sie nämlich um mindestens die Hälfte kräftiger aus. Das mag zwar ein durchaus erwartbares Ergebnis sein, nachgewiesen hat diesen Unterschied jedoch bis dato niemand.

Parallelen im Tierreich

Laborszene: Test der Schlagkraft

David Carrier, University of Utah

Hau den Laborlukas 2: Schlag auf allen Vieren

Im Tierreich ist dieses Verhalten nicht unbekannt. Viele Tiere stellen sich auf zwei Beine, sofern sie sich mit Artgenossen in die Haare geraten: Löwen, Wölfe und Bären tun es, ebenso Pferde, Hasen, viele Nagetiere und natürlich auch Primaten. Allerdings haben nur die Vorfahren des Menschen daraus einen Dauerzustand gemacht.

"Warum gerade die Vormenschen im Gegensatz zu anderen Arten bei der aufrechten Haltung geblieben sind, können wir nicht mit Sicherheit beantworten", sagt Carrier. "Neben der Selbstverteidigung haben sicher noch andere Aspekte eine Rolle gespielt. Wenn man die Hände frei hat, kann man beispielsweise Früchte von Bäumen pflücken, man kann den Nachwuchs tragen, und auch die Thermoregulation verbessert sich bei aufrechter Haltung."

Carrier zufolge könnte diese Hypothese zumindest teilweise erklären, warum Frauen in der Regel größere Männer bevorzugen. Nachdem Schläge von oben nach unten laut seinen Versuchen mit Abstand die größte Krafteinwirkung hatten, könnte Körpergröße im innerartlichen Duell einen Selektionsvorteil geboten - und sich über Umwege in der weiblichen Präferenz niedergeschlagen haben.

Umgekehrt gilt dieser Zusammenhang übrigens nicht, wie Studien von Psychologen zeigen. Männer bevorzugen demnach eher mittelgroße bis kleine Frauen - statistisch betrachtet.

Robert Czepel, science.ORF.at

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