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Porträtfoto des Theologen Karl Barth

Der Ganz Andere

Vor 125 Jahren kam Karl Barth zur Welt. Er war einer der größten Theologen des 20. Jahrhunderts und gilt als der bedeutendste evangelische Theologe seit Friedrich Schleiermacher - und das mit Recht, wie der Theologe Ulrich Körtner in einem Gastbeitrag schreibt.

Religion 26.05.2011

Wie kein anderer Theologe seiner Generation hat er die theologische Diskussion seit dem 1. Weltkrieg geprägt, auch dort, wo er auf Kritik und entschiedene Ablehnung stieß. Sein Werk hat eine ökumenische Wirkung entfaltet und inspiriert nach wie vor die internationale theologische Debatte.

Zum 125. Geburtstag von Karl Barth

Von Ulrich H.J. Körtner

Über den Autor:

Ulrich Körtner

Uni Wien

Ulrich Körtner ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er leitet außerdem das Institut für Ethik und Recht in der Medizin.

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Geboren wurde Karl Barth am 10. Mai 1886 in Basel. Sein Vater Fritz Barth war dort Professor für Kirchengeschichte und Neues Testament. Barth studierte evangelische Theologie in Bern, Berlin und Marburg. Zu seinen Lehrern gehörten Adolf von Harnack und Wilhelm Herrmann. 1908/09 arbeitet Barth als Redaktionsgehilfe der "Christlichen Welt", der wichtigsten Zeitschrift des liberalen Protestantismus, bei Martin Rade in Marburg. Von 1909 bis 1911 wirkte Barth als Hilfsprediger in Genf. Anschließend war er bis 1921 Pfarrer in Safenwil im Aaargau.

1919 veröffentlichte Barth einen Kommentar zum Römerbrief, der ihn schlagartig berühmt machen sollte. 1922 erschien die zweite, völlig neu bearbeitete Auflage. Dieses Buch wurde zum Manifest einer neuen theologischen Denkrichtung, der sogenannten Dialektischen Theologie.

In Eduard Thurneysen, Friedrich Gogarten und Emil Brunner fand Barth Mitstreiter, später auch in Rudolf Bultmann. Diese junge Theologengeneration vollzog nach dem Ersten Weltkrieg die Abkehr von der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts und begründete eine neue Theologie des Wortes Gottes.

Moderne auf dem Prüfstand

Als Begründer dieser Richtung vollzog Barth einen theologischen Paradigmenwechsel von Religion zu Gott als Leitbegriff der Theologie. Gegenstand der Theologie sei nicht die Religion als Teil der menschlichen Kultur und ihrer Geschichte, sondern Gott. Die unmögliche Möglichkeit, von Gott zu sprechen, gründe einzig und allein in der Selbstoffenbarung Gottes. Gottes Offenbarung aber bedeute die Krisis aller Religion und zerbreche die kulturprotestantische Synthese von Christentum und moderner Kultur.

Diese Sätze sind nicht nur als Reaktion auf die Kulturkatastrophe des Ersten Weltkriegs zu verstehen. Barth ging es vielmehr darum, die gesamte Moderne seit der Aufklärung auf den Prüfstand zu stellen. Seine Kritiker hielten ihn für einen Neoorthodoxen und Antimodernisten.

Tatsächlich aber ist Barths Theologie auf eine spezifische Art und Weise modern, indem an die Stelle der Subjektivität des Menschen die Subjektivität Gottes tritt. Die Autonomie des Menschen soll als Theonomie, seine Selbstbestimmung als von Gott bestimmte Selbstbestimmung verständlich werden.

Karl Barth mit Martin Luther King 1962 bei einem Besuch der Universität Princeton in den USA.

AP Photo/Bill Ingraham

Karl Barth mit Martin Luther King 1962 bei einem Besuch der Universität Princeton in den USA.

Gegen Gleichschaltung im NS-Staat

1921 wurde Barth auf eine neu geschaffene Honorarprofessur für reformierte Theologie an die Universität Göttingen berufen. Weitere Stationen seiner akademischen Laufbahn waren Lehrstühle in Münster (1925) und Bonn (1930).

Mit seinen Weggefährten Gogarten und Brunner gründete Barth 1922 die Zeitschrift "Zwischen den Zeiten", das Sprachrohr der Dialektischen Theologie. Nach der "Machtergreifung" Hitlers 1933 kam es jedoch zum Bruch. Barth warf seinen einstigen Mitstreitern vor, eine natürliche Theologie zu treiben, welche der nationalsozialistischen Ideologie keinen ausreichenden theologischen Widerstand entgegenzusetzen hatte. Tatsächlich war Gogarten zeitweilig Mitglied bei der "Deutschen Christen".

Barth dagegen wurde zum Vorkämpfer der Bekennenden Kirche, die sich der Gleichschaltung der Kirche im nationalsozialistischen Staat widersetzte. Er war auch der Hauptautor der Barmer Theologischen Erklärung von 1934, auf die sich heute auch die Evangelische Kirche A. und H.B. in Österreich beruft.

Zurück in die Schweiz

Ihre erste These lautet: "Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen."

Weil er sich weigerte, den Beamteneid auf Hitler zu leisten, musste Barth Deutschland verlassen. Er kehrte in seine Schweizer Heimat zurück, wo er von 1935 bis zu seiner Emeritierung 1962 an der Universität Basel lehrte. Dort starb er am 10. Dezember 1962.

Barths Hauptwerk, die "Kirchliche Dogmatik", umfasst mehrere tausend Seiten in 13 Teilbänden. Man übertreibt nicht, wenn man sie der Theologischen Summe des Thomas von Aquin zur Seite stellt. Wie die Summe des Aquinaten blieb auch Barths Kirchliche Dogmatik unvollendet. Barth definiert die Dogmatik als wissenschaftliche Selbstprüfung kirchlicher Verkündigung und Rede von Gott. Seit seinen Anfängen stand die Aufgabe der Predigt im Zentrum der Theologie Karl Barths.

Kritik an "Offenbarungspositivsmus"

Seine Kirchliche Dogmatik ist jedoch alles andere als weltfremd oder weltflüchtig, enthält sie doch auch Barths Ethik und kann, recht verstanden, als politische Theologie gelesen werden. Tatsächlich hat sein theologisches Denken nach 1945 die protestantische Sozialethik und die evangelische Soziallehre nachhaltig beeinflusst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte die Barth-Schule neben Rudolf Bultmann und seinen Schülern für mehrere Jahrzehnte die deutschsprachige protestantische Theologie. Auch in Österreich kam es ab 1960 zu einer intensiveren Barth-Rezeption verbunden mit den Namen der beiden evangelischen Theologen Wilhelm Dantine (1911-1981) und Kurt Lüthi (1923-2010). Allerdings entwickelte sich innerhalb der Barth-Schule ein regelrechter Barthianismus mit der Tendenz zur Selbstimmunisierung von Theologie und Kirche. Schon Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) warf Barth und seinen Schülern "Offenbarungspositivsmus" vor.

Seit den 1960er Jahren kam es zunehmend zu einer Abkehr von der Wort-Gottes-Theologie und einer erneute Hinwendung zu Schleiermacher, den Barth überwinden wollte, und dem er doch bis ans Lebensende im Gespräch kritisch verbunden blieb.

Wiederkehr von Gott als dem Ganz Anderen?

Die theologische Diskussion der Gegenwart ist wieder stark vom Begriff der Religion bestimmt. Gelebte Religion und die vermeintliche Wiederkehr der Religion stehen im Zentrum theologischer Programme, die die Theologie in Abgrenzung von Barth als Kulturwissenschaft verstehen.

Eine Neuauflage des einst von Barth bekämpften Kulturprotestantismus scheint aber keine befriedigende Antwort auf die gegenwärtige Kirchenkrise zu geben. Ohne falsche Alternativen zwischen Gott und Religion aufstellen zu wollen, könnte es hilfreich sein, sich mit der Theologie Barths wieder intensiver zu beschäftigen, wie es schon seit längerem in den USA geschieht. Eine rein kulturwissenschaftliche Auffassung von Religion führt letztlich zur Auflösung der Theologie in Religionswissenschaft oder Anthropologie. Und wenn sich die evangelische Kirche erneuern soll, dann nicht durch eine religiöse Eventkultur voller Symbole und Rituale, sondern durch die Erneuerung protestantischer Predigtkultur, die gleichermaßen zu Herzen gehen und intellektuell anspruchsvoll sein sollte.

Der frühe Barth betonte den unendlich Abstand zwischen Gott und Mensch und sprach von Gott als dem Ganz Anderen. Gegenüber heutigen Spielarten von Wellness-Religion bleibt diese Botschaft unvermindert aktuell.

Gastbeiträge von Ulrich Körtner in science.ORF.at: