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Clownfisch im Wasser

Nemo hört nicht mehr

Clownfischen droht angesichts des Klimawandels die völlige Orientierungslosigkeit: Gelöstes Kohlendioxid lässt die Ozeane zusehends versauern, laut einer Studie sind die Fische unter solch widrigen Bedingungen so gut wie taub.

CO2-Effekt 01.06.2011

Meere nehmen CO2 auf

Milliarden Tonnen CO2 im dreistelligen Bereich hat der Mensch seit der Industriellen Revolution in die Atmosphäre geblasen, 142 davon haben die Ozeane geschluckt. Resultat: Der pH-Wert der Weltmeere sinkt langsam, aber stetig. Gegenwärtig liegt der CO2-Gehalt in der Atmosphäre bei 390 ppm, laut dem letzten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wird der Wert im Jahr 2100 deutlich höher liegen, nämlich zwischen 730 und 1.200 ppm.

Das würde den pH-Wert um weitere 0,3 bis 0,4 Einheiten fallen lassen - das Meerwasser wäre dann zwar noch immer im schwach basischen Bereich, die ökologische Folgen dennoch massiv: Denn Krustentiere und Muscheln haben unter diesen Bedingungen Schwierigkeiten, ihre Kalkgehäuse aufzubauen (Nature 437: 681), und Fische reagieren zusehends desorientiert.

Eine Studie aus dem Jahr 2009 wies etwa nach, dass junge Clownfische bei niedrigerem pH-Wert ihren Geruchssinn einbüßen (PNAS 106: 1848). Bei einem pH-Wert von 7,8 fühlen sie sich von Gerüchen angezogen, die sie normalerweise meiden, und können auch nicht mehr ihre Verwandten von den restlichen Artgenossen unterscheiden. Ab pH 7,6 ist überhaupt Schluss mit duftig, unter diesen Bedingungen reagieren sie auf Gerüche gar nicht mehr.

Fluchtverhalten bleibt aus

Blieb die Hoffnung, dass sie diese Einbuße durch andere Sinneskanäle kompensieren könnten. Doch die zerstreut nun ein Forscherteam um Stephen Simpson. Der Biologe von der University of Bristol hat Clownfische unter den vom IPCC vorhergesagten Bedingungen großgezogen (600, 700 und 900 ppm CO2) und sie per Lautsprecher mit Aufnahmen aus einem Korallenriff beschallt. Clownfische, die unter 390 ppm CO2 in der Aquarienluft aufwuchsen, beherrschten das normale Verhaltensrepertoire und flüchteten, sobald Geräusche von potenziellen Feinden, Krustentieren und Fischen etwa, zu hören waren.

Die Studie:

"Ocean acidification erodes crucial auditory behaviour in a marine fish", Biology Letters (doi: 10.1098/rsbl.2011.0293).

Ab 600 ppm CO2 keine Spur davon: Die Fische zeigten einfach keine Reaktion mehr, wie Simpson im Fachblatt "Biology Letters" schreibt. Warum das so ist, müssen er und seine Kollegen noch herausfinden.

Drei Erklärungsmöglichkeiten

Eine Möglichkeit ist, dass der veränderte pH-Wert das Knochenwachstum des Innenohres verändert. Studien zeigen, dass das in der Tat möglich ist, doch die im Experiment verwendeten Fische wiesen in dieser Hinsicht keine Unterschiede auf. Daher ist es wahrscheinlicher, dass sich das gelöste CO2 im Wasser auf die Reizleitung der Neuronen ausgewirkt hat. Eine dritte Möglichkeit: Vielleicht haben die veränderten Lebensbedingungen so viel Stress erzeugt, dass das Gehör der Fische dadurch in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das zusätzliche CO2 wäre dann nur noch mittelbar Ursache des Hörverlustes.

Freilich ist damit nicht gesagt, dass eine genetische Anpassung an niedrigere pH-Werte unmöglich ist. Vielleicht können zukünftige Generationen von Clownfischen damit gut leben - vielleicht auch nicht: "Wir wissen es nicht", sagt Simpson. "Wir haben Fische aus der Gegenwart in die Umwelt der Zukunft gesetzt, und der Effekt war verheerend. Es ist unklar, ob die Fische langfristig eine Toleranz entwickeln können."

Robert Czepel, science.ORF.at

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