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Fläschchen mit Homöopathie

"Homöopathen betrügen ihre Patienten"

Der Deutsche Edzard Ernst gilt als profiliertester Kritiker der Homöopathie. 1993 hat er in England den weltweit ersten Lehrstuhl für Komplementärmedizin eingenommen. Knapp vor seiner Pensionierung zieht er nun ein Resümee: Zahlreiche Studien hätten bewiesen, dass Homöopathie für sich genommen keine Wirkung hat.

Medizin 01.06.2011

Placeboeffekte und die soziale Zuwendung des Arztes zum Patienten würden zwar einen Teil der positiven Auswirkungen erklären, seien aber kein Argument für diese alternativmedizinische Methode. Schließlich würden sie auch in der konventionellen Medizin eine Rolle spielen.

Anlässlich einer "Skeptiker"-Konferenz in Wien greift Ernst gegen Ende seiner Karriere noch einmal tief in die Kiste seiner Erfahrungen - und erzählt in einem science.ORF.at-Telefoninterview auch, warum ihm der Wiener Hang zu Intrigen das Fürchten beigebracht hat.

science.ORF.at: Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere selbst mit Homöopathie gearbeitet: Wann haben sie Ihre Haltung geändert?

Edzard Ernst:

Porträtfoto von Edzard Ernst

Universities of Exeter & Plymouth

Edzard Ernst ist seit 1993 Inhaber des Laing Lehrstuhls für Komplementärmedizin an den Universities of Exeter & Plymouth.

Konferenz in Wien

Vom 2. bis 4. Juni 2011 findet in Wien die Konferenz "Fakt und Fiktion der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung der Parawissenschaften" statt. Auch Edzard Ernst ist unter den Rednern (Vortrag am Freitag, 3. Juni um 14.30 an der TU Wien, Kuppelsaal).
Ort: Naturhistorisches Museum und Technische Universität Wien

Edzard Ernst: Es hat keinen Wandel gegeben. Als Wissenschaftler muss man immer kritisch sein, ein unkritischer Wissenschaftler ist ein Widerspruch in sich. Was richtig ist: Am Anfang meiner Karriere habe ich Homöopathie in einem Krankenhaus gelernt und gelegentlich auch an Patienten eingesetzt. In Exeter später war es meine Aufgabe, Homöopathie zu untersuchen. Es wäre schön gewesen, wenn die Resultate positiv ausgefallen wären. Aber sie sind weltweit glasklar negativ.

Wie lange waren sie in dem Homöopathie-Krankenhaus?

Etwa ein halbes Jahr. Ich habe in München Medizin studiert und mein erster Arbeitsplatz war im Krankenhaus für Naturheilweisen, dem damals einzigen homöopathischen Krankenhaus in Deutschland. Danach habe ich in mehreren Gebieten der Medizin gearbeitet, war u.a. in London, habe mich auf dem Gebiet der Blutfließeigenschaften habilitiert, wurde dann als Professor für physikalische Medizin nach Hannover gerufen. Dann kam Wien, die letzte Station vor Exeter.

Sie waren, wie Sie in einem Interview mit "Nature" angedeutet haben, mit den Zuständen am AKH in Wien nicht gerade glücklich?

Es war verheerend. Die Wiener haben sich damals gerühmt, die universitäre Intrige auf die Spitze getrieben zu haben. Und Sie hatten Recht. Man hat die meiste Zeit damit vertan, mit und gegen seine Kollegen zu intrigieren. Das war anfangs zum Teil ganz amüsant, denn es gab durchaus spektakuläre Intrigen. Aber nach einer Weile fällt einem das zumindest als Deutscher ziemlich auf den Wecker. Dazu kam noch eine Bürokratie, die dafür gesorgt hat, dass man nicht mehr zum Forschen gekommen ist. Eigentlich bin ich nach Wien gekommen, um zu bleiben, aber die Wiener haben mir das Fürchten beigebracht.

Als Sie dann nach Exeter kamen: Was war die ursprüngliche Zielsetzung des Lehrstuhls?

Das war nicht fixiert. Man hat mich engagiert, weil man gute Wissenschaft von mir erwartet hat. Ich habe die Ziele dann selbst definiert: Ich wollte die Regeln der Wissenschaft auf die Komplementärmedizin anwenden und besonders klinische Fragestellungen bearbeiten. Fragen also, welche Therapieformen für welche Krankheiten effektiv sind und wie die damit verbundenen Risiken aussehen.

Wie viele Lehrstühle für Komplementärmedizin gibt es heute weltweit?

Lehrstühle sind noch immer Raritäten, ich schätze, es werden an die 30 Professoren sein. Wobei die meisten anders arbeiten als ich. Nahezu alle Kollegen sind Enthusiasten dieser oder jener Methode und setzen die Wissenschaft ein, um diese Methoden zu belegen. Ich halte das für einen Missbrauch der Wissenschaft: Sie ist kein Instrument, um etwas zu belegen, sondern um etwas zu überprüfen. Der Unterschied ist überaus wichtig, aber die Einsicht hat sich in der Alternativmedizin leider noch nicht durchgesetzt.

Welche Definition von Alternativmedizin würden Sie heute verwenden?

Am liebsten gar keine. Es gibt Dutzende schlechte Definitionen, wobei wir auch dazu beigetragen haben. Im Grunde handelt es sich um ein Sammelsurium von Methoden, die kaum zusammenhängen. Am ehesten verbindet sie, dass sie von der konventionellen Medizin nicht anerkannt werden. Aber das ist keine positive Definition. Am sinnvollsten ist es, von der konkreten Methode zu sprechen: Akupunktur, Homöopathie etc., auch wenn es da jeweils verschiedene Varianten gibt. Der Begriff "Komplementärmedizin" ist etwas weniger schlecht. Er stellt zumindest klar, dass die Methoden zusätzlich zur konventionellen Medizin angewendet werden. "Alternativmedizin" deutet an, dass die Methoden eine Alternative sein könnten, das sind sie in den meisten Fällen aber nicht.

Können Sie "Medizin" definieren?

Kann ich nicht, da müssen Sie jemand Klügeren fragen. Ich kann aber "gute Medizin" definieren. Das sind Heilmethoden, die Patienten mehr Gutes tun als Schaden anrichten.

Also die Schulmedizin?

Nein, das gilt auch nicht für alle konventionellen Methoden. Die evidenz-basierte Medizin versucht hier seit relativ kurzer Zeit, die Spreu vom Weizen zu trennen, Institutionen etwa wie die Cochrane-Foundation.

Die Evidenz spricht jedenfalls gegen die Homöopathie?

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell, 1.6., 13:55 Uhr.

Ganz eindeutig. Erstens ist die Methode nicht plausibel. In den hochverdünnten Mitteln der Homöopathie sind keine aktiven Moleküle, also gibt es keine Erklärung, warum das wirken soll. Zweitens ist der Versuch, Gleiches mit Gleichem zu heilen als Naturgesetz nicht haltbar. Beide Axiome der Homöopathie sind also nicht plausibel. Nun könnte es ja sein, dass irgendwelche Gesetze existieren, die wir nicht verstehen, und die Homöopathie dennoch effektiv ist. Um das zu klären, brauchen wir klinische Studien. Davon gibt es mittlerweile rund 200. Einige haben auch positive Ergebnisse, das hat statistische Ursachen und war zu erwarten. Die Gesamtschau zeigt aber deutlich, dass sich Homöopathika nicht von Placebos unterscheiden.

Insofern sind sie aber wirkungsvoll?

Ja, aber das ist eine ganz andere Frage. Ihre Wirkung beruht auf der therapeutischen Beziehung vom Patienten zum Arzt, auf seiner Zuwendung und nicht zuletzt darauf, dass viele Symptome auch von selbst besser werden.

Homöopathika wirken als Placebos: Meinen Sie, man sollte sie in der Medizin gezielt einsetzen?

Placeboeffekte sind wichtig für jeden Kliniker und jeden Patienten. Aber um sie hervorzurufen, brauche ich kein Placebo. Wenn ich einem Migränepatienten ein echtes Mittel gebe, und das mit Hingabe, Empathie, Zeitaufwand und Verständnis mache, wie das ein guter Arzt machen sollte, dann profitiert der Patient doppelt: von der spezifischen Therapie und zugleich vom Placeboeffekt. Wenn ich ihm hingegen nur ein Placebo - sprich Homöopathie - gebe, betrüge ich ihn um etwas, das ihm eigentlich zusteht.

Jetzt haben gerade die Homöopathen den Nimbus, dass sie sich mehr Zeit nehmen für ihre Patienten, dass sie netter sind und nicht nur Krankenscheine ausfüllen ...

Das stimmt auch. Homöopathen sind meist sehr gute Ärzte in dem Sinne, dass sie verstehen, wie wichtig Verständnis und Zuwendung sind. Das berechtigt sie aber nicht, ihre Patienten hinters Licht zu führen und Placebos zu verabreichen. Medizin ist Kunst und Wissenschaft. Wenn ein Arzt nur Wissenschaft einsetzt, liegt er falsch und betreibt keine gute Medizin. Wenn ein Arzt nur Kunst einsetzt, ebenso. Gute Medizin besteht aus beiden Elementen.

Der Titel Ihres Vortrags in Wien lautet "Quo vadis, Alternativmedizin?". Können Sie uns schon jetzt verraten, wohin sie geht?

Keine Ahnung, den Titel haben mir die Organisatoren aufs Auge gedrückt. Ich werde versuchen, einen interessanten Vortrag zu dem Thema zu halten. Prinzipiell hoffe ich, ein guter Wissenschaftler zu sein. Aber ich bin mit Sicherheit ein ganz schlechter Kaffeesatzleser.

OK, zur Präzisierung: Wohin geht die Erforschung der Alternativmedizin?

Ich denke, dass sie keine andere Wahl hat, als sich in das 21. Jahrhundert zu bewegen und evidenz-basierte Medizin zu betreiben. Wenn jemand in der Heilkunde arbeitet und das nicht tut, hat er den Beruf verfehlt - und wird langfristig von der Bildfläche verschwinden.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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