Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Naturkatastrophen sind Sozialkatastrophen" "

Japan: Brennende Häuser in überflutetem Gebiet

"Naturkatastrophen sind Sozialkatastrophen"

Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer sieht die Kultur- und Sozialwissenschaften in einer Bringschuld, wenn es um den Klimawandel geht. Denn das Thema werde zu sehr aus der Sicht der Naturwissenschaft diskutiert.

Nachhaltigkeit 09.06.2011

Was die Erderwärmung aber für Gesellschaften, Kulturen und individuelle Lebensverhältnisse bedeutet, sei stark unterbelichtet. In seinem Forschungsschwerpunkt "Klimakultur" versucht Welzer daher, eine kulturwissenschaftliche Klimafolgenforschung zu etablieren.

Harald Welzer

KWI / Welzer

Harald Welzer ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research in Essen. Er forscht zu Erinnerung, Gruppengewalt und kulturwissenschaftlicher Klimafolgenforschung. Sein mit Sönke Neitzel zusammen geschriebenes Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ ist zur Zeit in allen Bestsellerlisten und wurde vom Norddeutschen Rundfunk mit dem Titel "Sachbuch des Monats Mai 2011" ausgezeichnet.

Zum Thema Klimawandel und Gewalt veröffentlichte Welzer im Jahr 2008 das Buch "Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird". Vor Kurzem erschien von ihm der gemeinsam mit Klaus Wiegandt herausgegebene Band "Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung" im Fischer Verlag .

Cover des Buches "Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung"

Fischer Verlage

Im Interview mit science.ORF.at erzählt er von den Vorzügen einer autofreien Stadt, dem Verzicht, den wir für unseren jetzigen Lebensstil in Kauf nehmen, und dass Information überbewertet wird.

science.ORF.at: Wie gehen Menschen mit dem Klimawandel und mit Umweltkatastrophen um?

Harald Welzer: Das kann man nicht pauschal sagen. In Gesellschaften, wo dauernd etwas Katastrophales passiert, gehen Menschen anders damit um, als in unseren Inseln der Glückseligkeit in Mitteleuropa, wo relativ wenig passiert. Ein Hochwasser oder eine Schneekatastrophe kommt bei uns ja immer gleich mit der Bezeichnung Jahrhundertkatastrophe daher. Wenn Vergleichbares in Bangladesh oder in Ghana passiert, fällt das den Leuten kaum auf.

Dabei hätten wir in Mitteleuropa wahrscheinlich bessere Voraussetzungen, um mit den Folgen von Katastrophen umzugehen.

Das ist die zweite Seite: Welche Bewältigungsstrategien und -kapazitäten haben Gesellschaften? Wenn Sie einen funktionierenden Katastrophenschutz und ein funktionierendes Versicherungswesen haben, sieht eine Naturkatastrophe anders aus, als wenn beides nicht existiert. Naturkatastrophen sind in einem strengen Sinn immer Sozialkatastrophen. Naturkatastrophen, die sich nur in der Natur abspielen, haben ja für Menschen keine Folgen. Gesellschaftlich kann der selbe Typ Katastrophe zu vollkommen unterschiedlichen Auswirkungen führen.

Gewöhnt man sich an Katastrophen, wenn sie oft eintreten?

Vor einigen Jahren gab es eine kluge Studie, für die man zwei Generationen von südkalifornischen Fischern befragt hat, wie sie Umweltveränderungen wahrnehmen, wie weit hinaus sie fahren, um ihre Fänge zu machen, und was sie von der Veränderungen des Artenreichtums bemerken. Man hat festgestellt, dass das Problembewusstsein bei den Jüngsten am geringsten ausgeprägt war.

Intuitiv würde man das Gegenteil annehmen, weil wir seit Jahren intensive Diskussionen über Umweltprobleme haben. Hier kommen sogenannte Shifting Baselines zum Tragen. Sie verändern den Gewohnheits- und Wahrnehmungsapparat: Die Jüngeren haben schon unter Verhältnissen angefangen, unter denen es gar nicht mehr so viele Fische gegeben hat, während sich die Älteren daran erinnern konnten, dass zu Beginn ihres Berufslebens die Situation ganz anders war. Die konnten in Küstennähe fischen und haben das 20-fache an Arten gefangen.

Haben Sie ein Beispiel für so eine Shifting Baseline bei uns?

Ö1-Sendungshinweis:

Dem Thema Nachhaltigkeit widmet sich vom 6. bis zum 9. Juni auch das Radiokolleg.
Öl, Indium, Tantal und Co. Der weltweite Run auf Rohstoffe, jeweils 9:05 und 22:15 Uhr.

Der Begriff lässt sich weit übertragen - zum Beispiel in die Kommunikationslandschaft: Internet, E-Mail, Mobiltelefonie. Niemand heute kann sich vorstellen, dass man noch vor 20 Jahren hauptsächlich mit Schnurtelefonen kommuniziert hat und es noch Schreibmaschinen in den Büros gab.

Sieht man solche Shifting Baselines auch beim Klimawandel?

In der Verdichtung des Autoverkehrs und der Zubetonierung von Landschaften: Das passiert ja nicht eruptiv, sondern verändert schleichend unsere ganze Lebensumgebung. Das fällt einem höchstens dann auf, wenn man sich zum Beispiel an den Ort der alten Schule zurück begibt. Da, wo man sich ständig aufhält, fallen einem die Veränderungen nicht auf. Da wird Tag um Tag nachjustiert.

Reicht mehr Information, um sich Shifting Baselines bewusst zu machen?

Veranstaltungshinweis:

Das Buch "Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung" von Harald Welzer und Klaus Wiegandt ist von der deutschen Stiftung Forum für Verantwortung herausgegeben worden, die auch die Buchreihe "Mut zur Nachhaltigkeit" herausgegeben hat. Mehrere dieser Bücher wurden in Wien im Rahmen einer gleichnamigen Vortragsreihe in den letzten eineinhalb Jahren vorgestellt. science.ORF.at hat die Vortragsreihe mit Interviews begleitet.

Am 9. Juni um 20:00 Uhr findet mit einer Podiumsdiskussion zum Thema "Perspektiven für eine nachhaltige Zukunft. Wie erreichen wir die notwendigen Veränderungen?" die Abschlussveranstaltung der Vortragsreihe statt: Österreichische Akademie der Wissenschaften, Theatersaal, Sonnenfelsgasse 19, 1010 Wien.

Verbindliche Anmeldung und weitere Informationen zur Veranstaltung.

Veranstalter der Vortragsreihe sind das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der Universität für Bodenkultur, das Lebensministerium und die Initiative Risiko:dialog von Umweltbundesamt und Ö1 in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Universität Wien und der Österreichischen Nationalbank mit freundlicher Unterstützung der deutschen Stiftung Forum für Verantwortung.

Ich halte Information für grandios überbewertet. Man kann viel wissen, ohne den Konnex herstellen zu müssen, was das mit dem eigenen Leben zu tun hat. Um Dinge zu verändern, braucht man Gegenbeispiele. Statt auf Aufklärung sollten wir auf das Sichtbarmachen anderer Möglichkeiten setzen. Die muss man aber konkret in einem Unternehmen oder einer Stadt haben. Zum Beispiel indem man in einer mittelgroßen Stadt das Experiment einer autofreien Stadt startet. In Belgien gibt es so etwas in Hasselt. Man könnte zeigen, wie wunderbar das in einer autofreien Stadt vom Lärmniveau, der Bewegungsfreiheit, der Luftqualität und der Gestaltung der Straßen und Plätze her ist.

Über Klimawandel und Nachhaltigkeit wurde schon viel gesagt und geschrieben. Trotzdem steigt unser Energie- und Rohstoffverbrauch nach wie vor. Woran scheitert es?

Die Kommunikation dieser Dinge ist extrem unbildlich und hat scheinbar gar nichts mit dem eigenen Leben zu tun. Man schmeckt und riecht CO2 nicht. Man bekommt aber gesagt, dass man pro Kilometer Autofahrt so und so viel Gramm CO2 ausstoßt. Das kann sich kein Mensch vorstellen. Ich mir auch nicht. Das ist so abstrakt, dass es nur über komplizierte kognitive Operationen in Zusammenhang gebracht werden kann mit dem, was man tut. Aber die Dinge im Alltagsleben sind nicht abstrakt, sondern konkret: Wie komme ich am schnellsten von A nach B, wie bringe ich die Kinder in den Kindergarten, wo bekomme ich das preiswerteste Auto und die billigste Flugreise.

Gibt es Alternativen zum Verzicht?

Verzicht ist Blödsinn. Wir haben ja durch die Praxis, die wir haben, alltägliche Verzichtsleistungen, die ungeheuer groß sind. Sobald sich ein Kind selbstständig bewegen kann, verbietet man ihm, über die Straße zu rennen, weil es sonst platt gefahren wird. Das ist in gewisser Weise rational, ist aber eine hohe Verzichtsleistung. Sie beruht darauf, dass man meint, Mobilität müsse auf Autos basieren und wir müssten Städte haben, die nur aus Autos bestehen.

Wenn man von Veränderung spricht, kommt immer gleich der Verzicht, und man vergisst, dass man jetzt schon auf viel verzichtet. Insofern würde ich nie von Verzicht sprechen. Man kann Lebenspraktiken verändern und dabei einen Gewinn an Lebensqualität erzielen.

"Rettung der Welt. Was Sie sofort tun können: Zehn Empfehlungen", von Harald Welzer erschienen in der F.A.Z.

Sie haben für die F.A.Z. zehn Empfehlungen für die Rettung der Welt verfasst. Welche wollen Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben?

Vielleicht die erste: "Selber denken".

Interview: Mark Hammer, science.ORF.at

Mehr zum Thema: