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"Gilbert & George" stecken sich gegenseitig den Zeigefinger in den Mund.

"Kunst ist die Erweiterung des Atemvolumens"

"Künstler sind Forscher", sagt Helmut Lethen, der Direktor des Wiener Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK). Die Grenze zwischen Kunst und Wissenschaft will er dennoch nicht entfernen: "Sonst wird es langweilig."

Grenzgänge 08.06.2011

science.ORF.at: "Können Künste forschen?" lautet der Titel eines IFK-Workshops, der am 9. Juni stattfinden wird. Können sie?

Helmut Lethen: Natürlich können sie. Ich möchte gleich einen skeptischen Satz hinzufügen: Wir leben nicht in einer Leonardo-Welt, in der eine Person gleichzeitig Pionierleistungen als bildender Künstler, Erfinder und Techniker erbringt.

Die Geschichte liefert allerdings genug Beweise, dass es bahnbrechende forschende Kunst gibt: Schönberg war sicher ein Forscher im Reich der Musikwissenschaft, Musil war ein großartiger Grenzgänger. Er war Schüler Ernst Machs und kannte sich in der experimentellen kognitiven Psychologie glänzend aus, aber dilettierende Theoretiker machten ihn zornig.

Sein Urteil über den Geschichtsphilosophen Spengler war vernichtend. Dieser hatte sich auch als Mathematiker versucht. Für Musil war die Literatur ein Forschungsmedium, in dem Leidenschaften ausgelotet werden. Sein Wahlspruch lautete: "Wir haben nicht zu viel Verstand und zu wenig Gefühl, sondern wir haben zu wenig Verstand in Fragen der Leidenschaft."

Porträtfoto des Kulturwissenschaftlers Helmut Lethen

Marcus Werres

Zur Person

Helmut Lethen war bis 2004 Professor für Neueste deutsche Literatur an der Universität Rostock und danach Gastprofessor an der Indiana University Bloomington sowie an der University of California, Los Angeles.
Seit 2007 ist er Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien.

Veröffentlichungen (Auswahl):
Unheimliche Nachbarschaften: Essays zum Kälte-Kult und der Schlaflosigkeit der philosophischen Anthropologie im 20. Jahrhundert, 2009; Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit, 2006; Cool Conduct. The Culture of Distance in Weimar Germany, 2002;

Die Frage ist allerdings: Wer bestimmt, was Dilettantismus ist und was Professionalität?

Die Wissenschaften haben Verfahren entwickelt, von denen sie glauben gegen Dilettantismus gefeit zu sein. So gesehen ist Dilettantismus ein Unterschreiten der wissenschaftlichen Standards unter der Annahme, mehr zu können als die klassischen Wissenschaften.

Das Unterschreiten der Standards kann aber eine Erweiterung des Blickwinkels erzeugen.

Absolut. Nach Ludwig Fleck ist eine wissenschaftliche Tatsache ein Verfahren, das einen Konsens erzielt. Und diese Tatsache löst einen Kreislauf, eine Zirkulation aus. Sie reichert sich mit Weltbildern und Erfahrungen an, die den Standard der Wissenschaft einerseits zu unterschreiten scheinen - aber auch zu einer außerordentlichen Öffnung der wissenschaftlichen Grenzen führen können.

Also etwa der Privatzoo von Konrad Lorenz, der als Dilettantismus begann und zur Entstehung der Ethologie geführt hat.

Die gesamte Milieubiologie ist ein Wiener Grenzgang. Er beginnt mit dem Vivarium und endet im Konrad Lorenz Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung - vorläufig.

Wenn Kunst forschen kann, worin besteht dann ihr Erkenntnisgehalt?

Ich möchte das mit einem Büchner-Zitat aus dem Stück "Dantons Tod" beantworten. Danton, der Autor radikaler Manifeste, wird zum Tod verurteilt und trifft im Kerker auf das absolute Elend der auf die Hinrichtung wartenden Häftlinge. Dort begegnet er dem Rhetorik-Professor Mercier, der zu ihm sagt: "Geht einmal euren Phrasen nach, bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden."

Für mich ist das ein Satz, der für große Teile der Kunst im 19. Jahrhundert gilt: Untersucht, was Sätze mit Wahrheitsanspruch in der Gesellschaft anrichten! Das ist ein Forschungsprozess.

Literatur hat eben auch eine soziologische Komponente ...

... einen Erkenntniswert über Beziehungsgeflechte in der Gesellschaft. Es geht immer um Sexualität und Tod, um Trennungen und Zuflucht, Symbiose und Kälteschock - das sind anthropologische Konstanten. Literatur, aber nicht nur Literatur, stellt dieses Beziehungsgeflecht aus, macht es sichtbar. Und zwar bis zu kurz vor dem Punkt, wo es in einem wissenschaftlichen System kristallisieren könnte.

Das heißt: Kunst ist wissensamorph.

Ja, ihre Tiefe liegt im Prädiskursiven. Sie navigiert in einem Feld der Unschärfe, das der Wissenschaft oft verschlossen ist. Das verfänglichste Wort in den Kunsttheorien ist meiner Meinung nach das "Experiment".

In der Wissenschaft bedeutet das: Isolation bestimmter Variablen, die in künstlichen Räumen zu bestimmten Reaktionen gezwungen werden. Das Resultat lässt sich wiederholen und wird in die Wissenschaftssprache übersetzt. In den Künsten gibt es das Element der Wiederholbarkeit und der wissenschaftlichen Standards nicht. Das System kennt die Kriterien von richtig und falsch nicht.

Und wie verfährt im Gegensatz dazu die forschende Kunst?

Workshop

Können die Künste forschen?
9. Juni 2011, IFK
Reichsratsstraße 17, 1010 Wien

Ich bin bei der Vorbereitung auf den Workshop zum Beispiel auf folgenden Fall gestoßen: Eine Studentin der Stockholmer Kunstakademie stellt sich im Jahr 2009 auf ein Brückengeländer. Sie simuliert einen Selbstmordversuch.

Die Passanten tun das einzig Vernünftige, rufen die Polizei, die sie in ein psychiatrisches Krankenhaus bringt, in dem sie für eine Nacht in eine Zwangsjacke gesteckt wird. Am nächsten Morgen enthüllt sie, dass sie diesen Versuch simuliert habe, es sei Teil eines Kunstprojekts.

Daraufhin Empörung beim Krankenhauspersonal, es ruft die Polizei und beschuldigt sie einer arglistigen Täuschung und des körperlichen Widerstands. Es folgt ein Prozess mit großem Medienecho. Das Ziel der Performance war, Mängel und Missstände des staatlichen Gesundheitswesens aufzudecken.

Für Wien gibt es natürlich noch ein besseres Beispiel: Schlingensiefs Aktion "Ausländer raus!" - Asylbewerber in einem Container vor der Oper inklusive Medienempörung. Im Gegensatz zu den Wissenschaften liegt hier der Schwerpunkt nicht bei einem Resultat, sondern es geht um die Praktiken.

Man könnte den Spieß umdrehen und sagen: Wissenschaft ist Kunst. Paul Feyerband meinte einmal: Sich für oder gegen die Wissenschaft zu entscheiden ist wie das Votum für oder gegen Punk Rock.

Ich gelte unter Fachkollegen als Essayist und stand immer schon im Verdacht, kein richtiger Wissenschaftler zu sein. Ich bin kein systematischer Kopf und, wenn man so will, verdorben durch die Frankfurter Schule. Dennoch würde ich darauf beharren, dass meine Arbeit falsifizierbar ist und keine Kunst. Die Quellenachweise müssen schon stimmen – darum braucht sich Kunst nicht zu kümmern.

Das Kriterium der Widerlegbarkeit würden sie als Trennlinie zwischen Kunst und Wissenschaft bestehen lassen?

Ja, obwohl es natürlich umstritten ist. In der Wissenschaftsgeschichte sind viele Modelle fasifiziert worden, um dann Jahrhunderte später wieder aufzutauchen. Goethes Farbenlehre etwa, die feiert nun ein regelrechtes Revival. Ich meine: In dem Augenblick, da wir die Grenzen abschaffen, wird es langweilig für die Künstler und die Wissenschaft.

Apropos Grenze - eine humorlose Definitionsfrage: Was ist Kunst?

Kunst ist die Erweiterung des Atemvolumens.

Picasso hat einmal gesagt: Wenn ich es wüsste, würde ich es für mich behalten.

Wenn ich es wüsste, würde ich es hinausposaunen.

Interview: Robert Czepel

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