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Bild von Jackson Pollock (1866-1944) in einer Austellung, im Hintergrund ein Muesumsbesucher.

"Das können auch Gorillas"

Wenn Naturwissenschaftler über Kunst schreiben, entsteht mitunter Kurioses. Ein US-Physiker hat das "künstlerische Gewicht" von Malerei zu messen versucht. Sein Fazit: Abstrakte Künstler arbeiten nur um vier Prozent besser als Gorillas.

Abstrakte Kunst 20.06.2011

Quiz mit "lächerlichen Fälschungen"

Man darf vermuten, dass Mikhail Simkin in der Kunstszene nicht allzu beliebt ist. Der Physiker von der University of California packt gerne die Statistikkeule aus, wenn er über abstrakte Kunst spricht. "Mein Statistiker hätte das malen können!" lautet etwa der Titel eines Texts, den er vor vier Jahren im Fachmagazin "Significance" (Bd. 4, 2007) veröffentlicht hat.

Darin stellte er die Ergebnisse des Online-Quiz "True art, or a fake?" vor. Simkin präsentierte auf seiner Website zwölf Bilder, darunter abstrakte Werke von Paul Klee, Piet Mondrian und Kasimir Malevich, darunter aber auch, wie er schreibt, "lächerliche Fälschungen von mir selbst".

Die Quiz-Teilnehmer waren nicht sonderlich erfolgreich, wie die Auswertung der Daten zeigt. Sie konnten die Kunstwerke von den Fälschungen nur in etwa 66 Prozent der Fälle unterscheiden. Freilich hängt der Erfolg bei diesem Test auch vom Bildungsgrad und Vorwissen ab, aber der Effekt ist nicht so groß, wie man meinen sollte. Simkin wählte anhand der IP-Adressen der Computer jene Teilnehmer aus, die von Ivy-League-Universitäten sowie von Hochschulen in Cambridge und Oxford auf seine Website zugegriffen hatten. Die US-amerikanische bzw. britische Intelligenzia erreichte eine Trefferquote von 71 Prozent - auch nicht wesentlich mehr als der durchschnittliche Quizteilnehmer.

Trefferquote: Zwei Drittel

Dass die Quote realistisch ist, zeigt auch eine aktuelle Untersuchung zweier Psychologen: Angelina Hawley-Dolan und Ellen Winner vom Boston College, Massachusetts, haben kürzlich 30 Kunststudenten Bilderpaare vorgelegt. Jeweils eines davon war Kunst - abstrakter Expressionismus, das andere war stilistisch ähnlich, jedoch das Werk von Kindern, Schimpansen, Gorillas oder Elefanten. Trefferquote: 67 Prozent (Psychological Science, online).

Die Frage ist nur: Was folgt daraus? Beziehungsweise: Folgt überhaupt etwas daraus? Simkin, der so gerne die Pose des Provokateurs einnimmt, hat darauf eine Antwort. Und die ist, wieder mal, statistischer Natur. Er verweist in einem aktuellen Papier (arXiv, 1106.1915v1) auf eine klassische Studie aus dem Jahr 1910. Damals untersuchte der Psychologe F. M. Urban die Wahrnehmung von Gewichten beim Menschen.

Um herauszufinden, wie fein unsere Wahrnehmung in dieser Hinsicht arbeitet, gab Urban Probanden zwei Gewichte in die Hand und bat sie zu sagen, welches davon das schwerere sei. Die Trefferquote war wie zu erwarten umso geringer, je näher die beiden Massen beieinander lagen. Im Fall von 96 versus 100 Gramm lag sie etwa bei 71 Prozent - also in etwa jene Größe, die auch Simkins Kunst-Quiz ergeben hatte.

Simkins entwickelt daraus eine Metrik, ein Bewertungssystem künstlerischen Gewichts, was auch immer unter Gewicht in diesem Zusammenhang zu verstehen ist: "Wenn man den Größen abstrakter Kunst 100 Kunst-Gramm zurechnet, dann folgt, dass Kinder und Tiere etwa 96 Kunst-Gramm erreichen. Mit anderen Worten, ihre Differenz beträgt lediglich vier Prozent." Und das dürfte ernst gemeint sein.

Prozentualrechnung für die Künste

Simkin hat jedenfalls noch ein paar statistische Kalauer auf Lager, die verdeutlichen sollen, was eine Differenz von vier Prozent bedeutet. Beim Gewichtheben, schreibt er, betrage der Unterschied der verschiedenen Gewichtsklassen etwa zwölf Prozent. Und im Schach würde die Differenz 200 Elo-Punkten (bzw. einer 77-prozentigen Siegwahrscheinlichkeit) entsprechen, also in etwa dem Leistungsunterschied zwischen Anfänger und D-Klasse-Amateur.

Simkin: "Wenn wir einen Gorilla als Anfänger betrachten, dann sind die Großmeister der abstrakten Kunst bestenfalls D-Klasse-Amateure." Gut, die Botschaft ist angekommen. Simkin mag die abstrakte Kunst nicht so. Und das Fälschungsargument scheint diese Haltung zu belegen.

Nur: Fälschungen gibt es, daran darf auch einmal erinnert werden, auch in der Wissenschaft. Der koreanische Stammzellenforscher Hwang Woo Suk hat etwa jahrelang Fake-Studien im renommierten Fachblatt "Science" publiziert, ohne dass den Fachkollegen etwas aufgefallen wäre. Hwang war bis zu seinem Fall ein wissenschaftlicher Weltstar und die fachliche Plausibilität seiner Arbeiten wurde nicht nur per Online-Quiz geprüft.

Soweit der Stand in der Stammzellenforschung, die nicht seriöser oder unseriöser als andere Wissenschaftsdisziplinen sein dürfte. Was folgt daraus? Beziehungsweise: Folgt überhaupt etwas daraus? Simkin könnte die Antwort kennen. Vielleicht hat sie etwas mit Gorillas oder Gewichthebern zu tun.

Robert Czepel, science.ORF.at

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