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Zwei Ärzte im OP

Hinter dem Körper liegt der Mensch

Damit Chirurgen einen guten Job machen, müssen sie ihrem Arbeitsgegenstand - den menschlichen Körper - distanziert gegenübertreten. Hinter dem Körper befindet sich aber immer eine Person mit ihren Hoffnungen und Sorgen, und das kann zu ethischen Problemen führen.

Ethik 28.06.2011

Über die Notwendigkeit des aufspaltenden Blicks in der Chirurgie und ihren ethischen Grenzen schreibt der Theologe Ulrich Körtner in einem Gastbeitrag.

Ethische Grenzen in der Chirurgie

Von Ulrich H.J. Körtner

Über den Autor:

Ulrich Körtner

Uni Wien

Ulrich Körtner ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er leitet außerdem das Institut für Ethik und Recht in der Medizin.

Buchhinweis

Ulrich H.J. Körtner, Leib und Leben. Bioethische Erkundungen zur Leiblichkeit des Menschen, Göttingen 2010.

Jeder chirurgische Eingriff ist eine Grenzüberschreitung. Er überschreitet die Grenzen eines fremden menschlichen Körpers und bedeutet eine Verletzung nicht nur der körperlichen, sondern auch der seelischen Unversehrtheit eines Menschen. Sofern die vom Eingriff betroffene Person nicht zugestimmt hat oder eine gesetzlich geregelte Notlage vorliegt, erfüllt jeder chirurgische Eingriff den Tatbestand einer Körperverletzung. Auch wenn der Eingriff die Heilung und Rettung eines Menschenlebens zum Zweck hat, handelt es sich doch um eine Form von Gewalt.

Die grundlegende ethische Problematik aller Zweige der Chirurgie liegt genau darin, dass der menschliche Körper zum Zweck seiner Heilung verletzt wird. Das ist in gewisser Weise paradox, und diese Paradoxie zeigt sich nicht nur in Grenzbereichen der Chirurgie, sondern auch in ihrer alltäglichen Routine.

Körper haben und Körper sein

Was dem Körper geschieht, geschieht nicht nur diesem allein, sondern der ganzen menschlichen Person. Wir haben eben nicht nur einen Körper, sondern wir sind auch dieser. Mit dem französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty können wir geradezu vom inkarnierten Ich sprechen. Deshalb hat Hegel recht, wenn er sagt: "Meinem Körper von anderer Seite Gewalt angetane Gewalt ist Mir angetane Gewalt."

Dieser Satz hat allgemeine Bedeutung, gilt aber in besonderer Weise auch für die Chirurgie. Während Menschenrechte und spezielle Patientenrechte durchgängig als Rechte der Person ausformuliert werden, geschieht, wie Gernot Böhme feststellt, "die Verletzung der Menschenwürde heute überwiegend am menschlichen Leibe".

Was aus der Beobachterperspektive als menschlicher Körper erscheint, ist aus der Perspektive des Selbsterlebens wie in der zwischenmenschlichen Kommunikation der Leib einer Person. Leiblichkeit ist die Signatur unserer menschlichen Existenz. Der Leib verkörpert die Einheit und die Geschichte unseres Lebens. Es hinterlässt an und in unserem Körper seine Spuren, und das Gesicht eines Menschen enthält in Kurzschrift seine ganze Biographie.

Der distanzierende Blick der Medizin

Leib und Leben, Leibgeschichte und Lebensgeschichte bilden eine innere Einheit. Daher bedeutet auch jeder chirurgische Eingriff einen Einschnitt, nicht nur buchstäblich, sondern auch lebensgeschichtlich. Manche Operationen, zumal dann, wenn es um eine lebensbedrohliche Krankheit geht, bedeuten im Leben des Patienten eine tiefe Zäsur. "Das war vor, das nach meiner Operation", erzählen Betroffene.

Das Verhältnis des Chirurgen, der Chirurgin zum leibhaften Gegenüber des Patienten ist freilich ambivalent. Auf der einen Seite wird der Chirurg vor und nach der Operation mit der Person kommunizieren, die ihm leibhaftig gegenübersitzt und von ihren Beschwerden, ihren Sorgen, Ängsten und Hoffnungen erzählt. Auf der anderen Seite nimmt der Chirurg eine distanzierte Beobachterperspektive ein, aus welcher er den Leib der ihm gegenübersitzenden oder später auf dem OP-Tisch liegenden Person als funktionierenden oder in seinen Funktionen gestörten Körper wahrnimmt.

Schon der diagnostische Blick auf den Patienten, der vielleicht subjektiv noch gar keine Symptome spürt und zum Beispiel noch nichts von einer beginnenden Krebserkrankung weiß, ist ein distanzierter und distanzierender, der in gewisser Weise die Person von ihrem Leib abspaltet. Das ist insofern paradox, als die Person niemals ohne oder außerhalb ihres Körpers existiert und dieser Körper stets der Körper einer menschlichen Person mit ihrer Individualität und ihrer Krankheits- und Lebensgeschichte ist.

Notwendige Anästhesie spaltet ...

Es wird der modernen Medizin allgemein zum Vorwurf gemacht, dass sie die Person von ihrem Körper abspaltet oder den Leib von der Seele. Ihr Menschenbild sei reduktionistisch und müsse zugunsten eines ganzheitlichen Bildes vom Menschen und seiner Krankheit überwunden werden.

Tatsächlich führt die Auffassung, die Medizin behandle Krankheiten statt kranken Menschen, zu einer reduktionistischen Auffassung vom Menschen und seiner Krankheiten. Der starke Zulauf, den die sogenannte Komplementärmedizin zu verzeichnen hat, ist auf das verbreitete Unbehagen in der vorherrschenden medizinischen Kultur zurückzuführen.

Eine wesentliche Voraussetzung moderner Chirurgie und ihrer bisweilen stundenlangen Eingriffe ist freilich genau jene vielfach beklagte Abspaltung der Person von ihrem Körper - nämlich in Gestalt der Anästhesie. Wer wollte sich schon einer größeren Bauch- oder Herzoperation bei vollem Bewusstsein unterziehen?

... zwischen Person und Körper

Auch bei einer Lokalanästhesie findet partiell eine Abspaltung der zu behandelnden Person von ihrem Körper statt. Die Person wird gewissermaßen aus einem Teilgebiet ihres Körpers zeitweise ausgeschlossen, dadurch dass sie in diesem Teil des Körpers kein Schmerzempfinden und keine Körperwahrnehmung mehr hat, solange die Narkose wirkt. In gewisser Weise verändert sich für diese Zeit das Köperschema des Patienten.

Und auch wenn sich der Operateur während des Eingriffs mit dem Patienten unterhält - was bisweilen ja notwendig ist, um den Erfolg des Eingriffs überprüfen zu können - wird doch jene Körperregion, die vorübergehend betäubt ist, gewissermaßen zu einer neutralen Zone zwischen Chirurg und Patient.

Kurz: Es gäbe die moderne Chirurgie nicht ohne die moderne Anästhesie, die auf pharmakologischer Grundlage eine Spaltung zwischen Person und Körper, zwischen Leib und Bewusstsein erzeugt.

Wesen des Menschen

Für die Dauer eines chirurgischen Eingriffs vollzogen, ist die Trennung von Leib und Seele für den Patienten ein Segen. Problematisch aber wird es, wenn der zwischen Leib und Seele oder Leib und Person aufspaltende Blick zur anthropologischen Grundhaltung der Chirurgie wird; so wie bei dem berühmte Pathologen Rudolf Virchow, der erklärte, er habe schon so viele Leichen seziert, aber noch nie eine Seele gefunden.

Gerät die grundlegende Einsicht, dass der Mensch eine dialektische Einheit von Leib und Seele darstellt - dialektisch deshalb, weil er eben nicht nur Leib ist, sondern auch einen Leib hat, zu dem er sich verhalten muss - aus dem Blick der Chirurgie, dann verkennt diese das Wesen des Menschen und hat bereits eine elementare ethische Grenze überschritten.

Das Wechselspiel zwischen Leib und Seele, Person und Körper wird ja nicht nur von Tiefenpsychologie und Psychosomatik beschrieben, sondern es wird auch in der Chirurgie zum Thema. Ethische Probleme entstehen zum Beispiel, wenn darüber zu entscheiden ist, ob ein Gliedmaß, das ständig Schmerzen verursacht, die sich durch Analgetika nicht wirksam behandeln lassen, amputiert werden soll.

Beispiel Plastische Chirurgie

Ethische Fragen, die die dialektische Einheit von Person und Leib betreffen, treten aber auch auf dem Gebiet der plastischen Chirurgie auf. In welchen Fällen sind ästhetische Eingriffe medizinisch gerechtfertigt? Anhand welcher Kriterien wird dem subjektiven Leiden eines Menschen an seinem Äußeren ein Krankheitswert zugemessen? Wann ist ein chirurgischer Eingriff anstelle einer Psychotherapie das medizinische Mittel der Wahl?

Und auf welcher theoretischen Grundlage glaubt man, ein psychisches Leiden mittels eines ästhetisch-chirurgischen Eingriffs heilen zu können? Wenn die Chirurgie glaubt, psychische Probleme allein mit Skalpell und Silikon behandeln zu können, überschreitet sie ethische Grenzen.

Die plastische Chirurgie ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig - wenn nicht unmöglich - es ist, zwischen Therapie und Enhancement eine klare Grenze ziehen zu können. Man kann die Frage nach den ethischen Grenzen der Chirurgie wie der Medizin insgesamt ja auch so verstehen, dass es um die Grenze zwischen medizinisch indizierter Therapie und anderen Formen der Manipulation des menschlichen Körpers geht, die zwar medizinisches Können voraussetzen, aber selbst nicht mehr als Therapie zu betrachten sind.

Menschenwürde plus Aushandeln

Leibphänomenologische Reflexionen über das Verhältnis von Person und Körper bieten keine ausreichende ethische Basis für konkrete ärztliche Entscheidungen, zum Beispiel in der Chirurgie. Dass das Leibsein die Grenze des Verfügenkönnens markiert, lässt sich kaum aus einer phänomenologischen Analyse der Leiblichkeit als solcher schließen, sondern hängt von anthropologischen, metaphysischen oder theologischen Vorannahmen ab.

Der Leib als solcher hat jedenfalls keine hinreichende normative Kraft, wenn es darum geht, über die ethische Zulässigkeit konkreter medizinischer Maßnahmen zu entscheiden. Erfahrungen der Leiblichkeit und des Leibseins sind vielmehr ihrerseits Gegenstand von Kommunikation und von Aushandlungsprozessen, so dass die allerdings unabweisbare konstitutive Bedeutung unseres Leibseins nur soweit ethisch relevant werden kann, als sie ihrerseits in eine moralphilosophische oder theologisch-ethische Rahmentheorie eingezeichnet wird.

Die ethischen Grenzen der Chirurgie werden daher einerseits durch die Achtung der Menschenwürde und durch die Menschenrechte bestimmt. Sie stehen andererseits aber nicht ein für allemal fest, sondern sind in kommunikativen Prozessen immer wieder neu zu bestimmen, in denen versucht werden muss, das Selbstbestimmungsrecht des Patienten mit den Prinzipien des Nichtschadens, der Benefizienz und der Gerechtigkeit auszutarieren. In solchen Aushandlungsprozessen zeigt sich freilich stets aufs Neue, dass nicht alles, was chirurgisch machbar ist, darum auch schon moralisch gerechtfertigt ist.

Gastbeiträge von Ulrich Körtner in science.ORF.at: