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Dagobert Duck schlägt Donald mit einem Sack Geld

Je reicher, desto selbstsüchtiger

Reichtum ist nicht nur eine Frage des Bankkontos. Auch in ihren Gefühlen und ihrem Verhalten unterscheiden sich Reiche von ihren Mitmenschen. Sie sind laut einer aktuellen Studie egoistischer, können sich weniger in andere hineinversetzen und neigen überhaupt weniger zu sozialem Verhalten.

Psychologie 12.08.2011

Die soziale Klasse prägt eine eigene soziale Kultur, schreibt ein Psychologenteam um Dacher Keltner von der University of California in Berkeley.

Die Studie:

"Social Class as Culture: The Convergence of Resources and Rank in the Social Realm" von Michael W. Kraus und Kollegen ist in der Fachzeitschrift "Current Directions in Psychological Science" erschienen.

Luxuswaren boomen - auch in der Krise

Während sich die Welt vor einer neuen Rezession fürchtet, in den USA und Europa Sparpakete für den öffentlichen Haushalt geschnürt werden wie nie zuvor und sich in zahlreichen Staaten zum Teil blutige Protestbewegungen gebildet haben, geht es einigen Wirtschaftsbranchen nach wie vor blendend. Eine davon betrifft die Luxuswaren.

"Wenn ein Designerschuh statt 800 US-Dollar plötzlich 860 kostet - wenn kümmert das?", wird ein ehemaliger Vorsitzender eines New Yorker Luxuskaufhauses in einem Artikel der "New York Times" zitiert.

Mitgefühl nicht zu erwarten

Die Reichen haben mit der aktuellen Wirtschaftssituation kaum ein Problem, selbst wenn sie bei den vergangenen Kurseinbrüchen an den Börsen viel Geld verloren haben sollten. Man sollte zur Lösung der Krise deshalb nicht auf sie bauen - ungefähr so lässt sich das Ergebnis des Artikels zusammenfassen, den die US-Psychologen soeben veröffentlicht haben.

Darin haben sie zahlreiche Studien kompiliert, die das unterschiedliche Verhalten von reichen und armen Menschen untersucht haben. "Sie alle kommen zu dem Schluss, dass man sich nicht darauf verlassen sollte, dass die Reichen den Armen etwas zurückgeben werden. Dass das Mitgefühl der Begüterten steigt, ist aus psychologischen Gründen unwahrscheinlich", sagt Dacher Keltner von der University of California in Berkeley.

Klassengegensätze der Gefühle

In mehreren Experimenten zeigte sich, dass ärmere Menschen mehr an ihren Mitmenschen interessiert sind, zu altruistischerem und hilfsbereiterem Verhalten neigen als reichere. Der einfache psychologische Mechanismus laut den Forschern: Sie sind mehr von anderen abhängig und bemühen sich deshalb auch mehr um sie.

"Wer wenig Ressourcen und Bildung hat, muss sich anderen Menschen zuwenden", sagt Keltner. Und das führt etwa dazu, dass sie besser in der Lage sind, die Gefühle ihrer Mitmenschen zu erraten, die diese etwa mit ihrem Gesicht ausdrücken.

Weitere Studienergebnisse: Reichere Menschen fühlen sich in Konversationen mit anderen eher gelangweilt, schauen dann auf ihre Handys oder in die Luft und weniger in die Augen ihrer Gesprächspartner; beim Betrachten von Bildern mit emotionalen Inhalten - etwa von hungernden Kindern - werden die entsprechenden Gehirnregionen weniger aktiviert; im Vergleich zu ärmeren Mitmenschen sind sie auch weniger bereit für eine bestimmte Sache zu spenden.

Grenzen des Aufstiegsglücks

Leute der Upper-Class sind anders, resümiert Keltner. "Reichtum, Erziehung und Prestige geben ihnen die Freiheit, sich auf sich selbst zu konzentrieren." Der große amerikanische Traum, den sozialen Aufstieg mit eigener Kraft zu schaffen und damit das Glück zu verfolgen, habe aber seine Grenzen.

Reichere Menschen sind zwar glücklicher, aber nicht so viel, wie man das glauben möchte - denn die Empathie, die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen, nimmt beim sozialen Aufstieg nämlich ab. "Ich denke, einer der Gründe liegt darin, dass die menschliche Psyche nicht mehr das Bedürfnis hat, sich mit anderen zu verbinden. Und das ist, wie wir wissen, eine der wichtigsten Quellen für Glück", sagt Keltner.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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