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"Wir ziehen keine Schlüsse"

Zitate und Publikationsstatistiken sind das Metier von Wolfgang Glänzel. Er misst, wer was wo in der Wissenschaft publiziert. In einem ORF-Interview spricht der Szientometriker über Fetische der Forschung, Wahrheit und die Messbarkeit der Liebe.

Szientometrie 14.09.2011

science.ORF.at: Die sogenannte Sziento- bzw. Bibliometrie ist eine Wissenschaft zweiter Ordnung: Sie misst das, was Wissenschaftler publizieren. Wie kam man auf die Idee, das zu tun?

Wolfgang Glänzel: Die Idee stammt aus den USA. Das Institute for Scientific Information (ISI) hat in den 1960er Jahren die erste multidisziplinäre bibliografische Datenbank erstellt. Das heißt, darin waren nicht nur wissenschaftliche Fachartikel zu finden, sondern auch deren Zitate und Referenzlisten. Dadurch konnte man sich viel schneller als vorher über den Stand der Wissenschaft informieren.

Und weil die Daten schon da waren, konnte man damit auch den Forschungsoutput messen: Zum Beispiel wer wie viel publiziert. Oder die Reaktion der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf bestimmte Arbeiten, gemessen durch die Zahl der Zitate. Und diese Methoden wurden später auch auf die Forschungsevaluation angewandt. Damit wurden Fragen beantwortet wie etwa: Welches Land ist in welchem Fachgebiet führend?

Ursprünglich waren diese Datenbanken nur ein fachliches Orientierungswerkzeug für die Wissenschaftler.

In erster Linie war es ein Instrument der wissenschaftlichen Information für die Forscher. Es ging zunächst darum, diese Dienstleistung zu verbessern. Die Forschungsevaluation mit Hilfe dieser Daten kam erst später hinzu.

Ist die Szientometrie mehr als eine beschreibende Wissenschaft? Kann sie auch Schlüsse aus dem von ihr Beschriebenen ziehen?

Wolfgang Glänzel

Katholieke Universiteit Leuven

Zur Person

Wolfgang Glänzel ist Professor für leitende Ökonomie, Strategie und Innovation an der Katholieke Universiteit Leuven (KUL) und forscht am Centre for R&D Monitoring.

Im Rahmen der "European Summer School for Scientometrics" an der Universität Wien hielt er einige Vorträge zum Thema Szientometrie.

Nein, das würde ich nicht sagen. Die Szientometrie soll messen und vergleichen. Wir geben Ansätze zur Interpretation unserer Berechnungen, aber wir ziehen keine Schlüsse. Wir sagen sicher nicht: Der ist der beste in diesem oder jenem Fachgebiet. Das ist Aufgabe der Wissenschaftspolitik. Im Übrigen wäre die Bibliometrie für solche Urteile auch nicht ausreichend. Dazu braucht es auch qualitative Methoden, wie etwa das Peer-Review-System, die Beurteilung durch Fachkollegen.

Kann wissenschaftliche Qualität gemessen werden?

Tja, kann man Qualität überhaupt messen? - Das ist die Frage: Dass Qualität in der Wissenschaft direkt messbar ist, glaube ich nicht. Aber man hat Anhaltspunkte. Es gibt zumindest Indikatoren, die bestimmte Aspekte von Qualität wiedergeben. Wenn beispielsweise eine neue Entdeckung sehr schnell in die Kommunikation der Forscher weltweit einfließt, dann ist das auch ein Hinweis darauf, dass sie wichtig war.

Die von einer Arbeit ausgelöste Resonanz in der Fachgemeinde wird auch Impact genannt. Ein häufiger Kritikpunkt lautet: Viele setzen Impact mit Qualität gleich - irrigerweise.

Das ist sicherlich ein Trugschluss. Häufige Zitierungen einer Arbeit sagen etwas über ihre Wichtigkeit im Moment aus. Aber das ist noch kein Qualitätsurteil und sagt auch nichts über die Wahrheit aus. Nehmen sie etwa das geozentrische Weltbild: Das war lange Zeit wichtig und hat sogar die Planetenbewegungen gut beschrieben. Dennoch hat es sich als falsch herausgestellt.

Häufig wird behauptet, die Szientometrie verwende nicht-reaktive Methoden. Soll heißen: Das, was gemessen wird, wird durch die Messung nicht beeinflusst. Stimmt das?

Wenn man korrekt misst, sollten die Daten reproduzierbar sein.

Ich meinte: Die Publikation ihrer Messergebnisse könnte die Wissenschaft selbst verändern - etwa in ihren Machstrukturen.

Natürlich, wenn wir unsere Ergebnisse der Wissenschaftspolitik und dem Forschungsmanagement präsentieren, verändert das beispielsweise die Vergabe von Forschungsgeldern. Und das kann wiederum das Publikations- und Zitierverhalten in der Scientific Community beeinflussen. Beispielsweise haben Forscher gelernt, dass es sich lohnt, Kooperationen einzugehen oder in angesehenen Fachzeitschriften zu publizieren.

Ist die Tendenz der Wissenschaftler, in möglichst potenten Journalen wie "Nature" oder "Science" zu publizieren, ein Fetisch geworden?

Ja, aber nicht durch die Bibliometrie. Zeitschriften mit hohem Status hat es vor der Erfindung des Impact-Faktors auch schon gegeben. Das gleiche gilt für die Zusammenarbeit mit prominenten Kollegen. Die Bibliometrie mag ein Katalysator gewesen sein, aber im Grunde war das immer so.

Apropos prominenter Fachkollege: Der Szientometriker Anthony van Raan wurde einmal von einem Forscher mit dem Satz konfrontiert: Wissenschaft ist wie Liebe. Man kann sie nicht messen.

Ich kenne seine Antwort. Er sagte: "Wenn die Qualität der Beziehung gegen null geht, ist es auch mit der Liebe nicht weit her." Die Gesamtheit der Wissenschaft ist nicht messbar, bestimmte Aspekte aber schon. Im Grunde ist das wie in der Psychologie: Einzelne Messungen geben natürlich nicht den Gesamtzustand der Psyche wieder. Aber sinnvoll sind sie trotzdem.

Szientometrie lernen

An der Universität Wien findet vom 12. - 16. September die "European Summer School for Scientometrics" (esss) statt. Die esss wurde 2010 von der Universität Wien in Kooperation mit drei weiteren Institutionen (Humboldt Universität Berlin, Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung – iFQ, Katholieke Universiteit Leuven) gegründet und kombiniert einen Fachkongress für Experten mit praktischen Einführungskursen für Einsteiger.

Szientometrie kann man in Österreich zwar nicht als Hauptfach studieren, zwei Curricula bieten jedoch entsprechende Kurse bzw. Vorlesungen an: der Universitätslehrgang "Library and Information Studies" (Wien und Graz) sowie das Kursangebot des DoktorandInnenzentrums an der Universität Wien.

Kommen wir von der Wissenschaftsevaluation zur Wissenschaftsgeografie: Welche Gewichtsverlagerungen haben Sie in den letzten Jahren beobachtet?

In den 90er Jahren hat die Forschung der EU im Vergleich zu den USA an Gewicht zugenommen. In den letzten 10 Jahren haben die wachsenden Ökonomien in Asien und Südamerika stark zugelegt. China ist beispielsweise hinsichtlich der Publikationszahlen mittlerweile weltweit an zweiter Stelle. Bei den Impact-Messungen hat China allerdings noch nicht aufgeschlossen: In Bezug auf die Beachtung der Forschung sind die USA und Europa nach wie vor führend.

Ansonsten ist Brasilien sicher ein kommendes Land. Im europäischen Raum hat sich die Türkei sehr stark entwickelt, innerhalb der EU gab es gewisse Verschiebungen in Richtung Spanien. Führend in Europa sind nach wie vor Großbritannien, Deutschland, Frankreich.

Die Firma Thomson Reuters, hervorgegangen aus dem Institute for Scientific Information (ISI), ist ein Monopolist. Die ISI-Datenbank ist nach wie vor das Maß aller Dinge.

Ein wenig Konkurrenz gibt es mittlerweile. Der Verlag Elsevier bietet etwa die Datenbank Scopus an. Google Scholar ist auch ein nützliches Instrument, wenn auch keine Datenbank im engeren Sinne. Es gibt auch andere Alternativen, aber zugegeben: Bei der ISI-Datenbank "Science Citation Index" merkt man schon die 50 Jahre Erfahrung, die da drin stecken. Und man darf nicht vergessen: Der "Science Citation Index" wurde von Wissenschaftlern aufgebaut.

Aber die Bibliotheken zahlen Länge mal Breite dafür.

Klar, das ist gebührenpflichtig, genauso wie Scopus von Elsevier.

Welchen Einfluss hat eigentlich die Open-Access-Bewegung auf die Wissenschaft?

Wir sehen in unseren Daten, dass Open-Access-Publikationen häufiger zitiert werden. Wenngleich klar ist: Auch bei Open Access muss irgendjemand für die Publikation bezahlen. Wenn es nicht der Leser tut, dann muss es der Autor tun – oder sein Institut.

Die ISI-Datenbanken schließen bestimmte Publikationsformen von der Erfassung aus - Bücher und die sogannte graue Literatur etwa. Technisch müsste es doch heutzutage möglich sein, diese Literatur ebenfalls aufzunehmen. Ist die Datenbank der gesamten Wissenschaft eine Utopie?

Der Trend geht tatsächlich in Richtung Erweiterung. Vor allem um Buchkapitel und Monografien, die in den Geistes- und Sozialwissenschaften relevant sind. Zeitschriftenpublikationen sind ja eher die Domäne der Naturwissenschaftler. Die Frage ist: Wie weit soll die Erweiterung gehen?

Datenbanken sind immer noch dazu da, damit Wissenschaftler darin Informationen finden. Wenn alle Publikationsformen abgedeckt wären, hätten wir große Redundanzen. Dann wäre eine Entdeckung einmal als Paper, als Buchkapitel, als Technical Report, als Kongressbericht etc. vorhanden. Irgendwo muss man eine Grenze ziehen, sonst wird es inflationär.

Interview: Robert Czepel

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