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Geschlungene Pfade auf einer Wiese

Die wichtigsten sozialen Fragen der Zukunft

Krisenzeiten sind gute Zeiten für Innovationen, meint der Soziologe Josef Hochgerner, und zwar sowohl für technologische als auch für gesellschaftliche. Bei einer Tagung haben sich nun 350 Experten aus aller Welt getroffen, um die wichtigsten sozialen Bereiche zu ermitteln, die in Zukunft Veränderungen brauchen.

Sozialwissenschaft 21.09.2011

Herausgekommen ist die "Wiener Erklärung über die wichtigsten sozialen Innovationen und damit zusammenhängende Forschungsfragen". Sie wird Anfang November bei einer Veranstaltung in London an EU-Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn überreicht, wie Josef Hochgerner im science.ORF.at-Interview erzählt. Er ist Leiter des Zentrums für Soziale Innovation in Wien (ZSI) und einer der Tagungsveranstalter.

Porträtfoto von Josef Hochgerner

ZSI

Josef Hochgerner

science.ORF.at: Vor 20 Jahren haben Sie das ZSI gegründet. Damals war "Innovation" ein Begriff, den man eher mit Technologie in Verbindung gebracht hat als mit Gesellschaft. Die Sozialwissenschaften benutzen ihr eigenes Vokabular - warum haben sie beides verknüpft?

Josef Hochgerner: Dahinter steht eine einfach Erfahrung: Ich habe damals in der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Arbeiterkammer gearbeitet und war für Forschung und Innovation zuständig. Ich hatte viel mit Innovations- und Gründerzentren zu tun. Als Soziologe habe ich mir gedacht, warum immer industrielle Innovation gefördert wird, wenn zugleich immer geklagt wird, dass die Gesellschaft der technischen Entwicklung hinterherhinkt.

Die Idee war, im Sozialbereich genauso an Neuerungen zu arbeiten wie im technischen Bereich. Diese Idee wird heute von der Europäischen Kommission, von der Obama-Regierung und vielen anderen Politikern vertreten: Gesellschaft braucht Entwicklung, und diese Entwicklung muss gefördert und wissenschaftlich unterstützt werden.

Die "Wiener Erklärung":

Auszug aus den 14 Themenbereichen der "Wiener Erklärung zu den wichtigsten sozialen Innovationen der Zukunft und die dazugehörigen Forschungsfragen":
- genauere Definition von "sozialer Innovation"
- aktiverer Beitrag der Sozialwissenschaften beim Versuch, den gesellschaftlichen Einfluss von Technologie zu messen und zu bewerten
- lebenslanges Lernen, Arbeiten und generationenübergreifende Solidarität als Bestandteile des Alterns
- Klärung der Frage, wie soziale Innovationen Werte schaffen
- Bürgerbeteiligung und Selbstorganisation als zentrale Elemente sozialer Innovationen
- Neuerfindung des Staates

Links:

Wenn ein Unternehmen an einer technologischen Innovation arbeitet, etwa an einem neuen Auto, um mehr Profit zu machen, ist das Ziel klar. Was wäre ein Beispiel von sozialer Innovation?

Weil Sie vom Auto gesprochen haben. Die Verkehrsregeln sind eine unglaublich relevante soziale Innovation. Heute sind sie nicht mehr neu, da jede Innovation einen Lebenszyklus hat. Sie beginnt mit einer oft vagen Idee. Dann muss man eine Methode finden, sie zu entwickeln, umzusetzen und den Beweis in der Praxis erbringen, dass sie funktioniert. Wenn das der Fall ist, ist die Innovation keine mehr, sondern Routine.

So war es auch mit den Verkehrsregeln. Erst hat man Autos entwickelt, sie auf die Straßen gelassen. Dann gab es die ersten Unfälle sowie Tote und damit die Notwendigkeit etwas zu tun. Die Verkehrsregeln haben das Problem nicht endgültig gelöst, aber ohne sie würde das Auto nicht funktionieren. Die Technik ist darauf angewiesen, dass es komplementäre soziale Maßnahmen gibt, die genauso innovativ sein müssen wie die Technologie.

Hinken die sozialen Innovationen den technologischen hinterher oder gehen sie ihr voraus?

Das ist ein Henne-Ei-Problem. Technologien sind in die Gesellschaft eingebettet. Die Gesellschaft hat Normen, Regeln und Brauchtum - Tatbestände, die auch einer technischen Entwicklung vorangehen oder eine Technik erfordern. Wenn wir heute an Globalisierung denken, dann an jene der Wirtschaft, die zweifellos die Triebkraft ist, und an Technologien. Aber dadurch dass wir sie anwenden, entstehen auch neue Kommunikationsmuster.

Bei einer Konferenz wie unserer in Wien kann man das sehen: 350 Leute aus 54 Ländern rund um den Erdball haben ein Bedürfnis miteinander zu kommunizieren. Da wir ein konkretes Ergebnis produzieren wollten - die "Wiener Erklärung" - sollten alle Teilnehmer in den Prozess der Entscheidungsfindung noch während der Tagung einbezogen werden. Das gelang mit Hilfe eines digitalen Votings, ähnlich dem Publikums-Voting bei der Millionenshow.

Ingesamt wurden 14 Themen ermittelt: die wichtigsten und notwendigsten sozialen Innovationen der Zukunft und die dazugehörigen Forschungsfragen, die die Sozialwissenschaften lösen sollen. Die "Wiener Erklärung" wird der EU-Kommission übergeben, die an diesen Themen sehr starkes Interesse hat.

Ist das Interesse der Politik in den vergangenen Jahren gestiegen?

Sehr sogar, speziell in den vergangenen zwei Jahren, und das hat viel mit der Krise zu tun. Wenn man will, kann man zurückgehen bis zur Erfindung der attischen Demokratie im alten Griechenland. Auch die Erfindung der Demokratie ist eine fundamentale Innovation gewesen, die aus einer Krise entstanden ist.

Das heißt nicht, dass man jetzt glücklich sein soll, wenn es Krisen gibt. Aber jede Krise ist eine Situation, in der es notwendig ist, etwas zu ändern, und deshalb entstehen in solchen Zeiten oder in unruhigen Gesellschaften mehr Innovationen als in anderen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 21.9., 13:55 Uhr.

Was steht in der "Wiener Erklärung" konkret?

Eines der 14 Themen betrifft die Frage, wie soziale Innovationen Wert schaffen und was Wert überhaupt bedeutet. In der klassischen Betrachtungsweise von Innovation ist das immer ein ökonomischer Wert. Es wird gemessen, wieviel mehr Umsatz, Beschäftigung oder Profit, dadurch entsteht. Bei sozialen Innovationen ist das nicht so einfach.

Sie können natürlich auch einen ökonomischen Wert produzieren, aber das ist nicht ihr primäres Ziel, sondern sie schaffen soziale Werte: etwa bessere Beziehungen zwischen Menschen oder die Bewältigung von Konflikten zwischen Angehörigen verschiedener Nationalitäten und Sprachen in Firmen.

Ein anderes Beispiel betrifft die Entwicklung der Sozialwissenschaften selbst, nämlich die Frage, wie wir es als Angehörige der scientific community besser schaffen als bisher, Wissen zu generieren, das nicht in der Schublade landet und auch nicht bloß zur Verfügung gestellt wird, damit es andere vielleicht verwenden. Ziel wäre ein Wissen, bei dem diejenigen, die es betrifft, bereits im Prozess der Wissensproduktion eingebunden sind.

Sie haben die Tagung dem Ökonomen Joseph Schumpeter gewidmet, der genau vor 100 Jahren seine "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" veröffentlicht hat. Er hat darin den Unternehmer als Motor der Innovation dargestellt, wer ist die handelnde Person sozialer Innovationen?

Das kann eine einzelne Person sein, etwa der Erfinder einer neuen Technik, aber auch Gruppen, die eine bestimmte Funktion haben wie z.B. Lehrer oder Organisationen, wie etwa eine Consultingfirma, die einen neuen Weg sucht, Probleme in einem Unternehmen zu lösen. Heute gibt es die Möglichkeit, über Crowdsourcing oder Social Media Menschen zu organisieren, die eine soziale Innovation bewirken. D.h. das geht quer durch die Gesellschaft - anders als bei technologischen Innovationen, bei denen nach Schumpeter der Unternehmer der Innovator war. Er hat das zwar in späteren Lebensphasen auf ganze Firmen ausgeweitet, diese blieben aber im Zentrum. Bei sozialen Innovationen geht das nicht.

Schumpeter hat auch von der kreativen Zerstörung der Wirtschaft gesprochen, bei der Neues Altes verdrängt. Wird bei sozialen Innovationen auch immer etwas zerstört, damit etwas Neues entsteht?

Schumpeter hat die "kreative Zerstörung" im Sinne von "schöpferisch" und diese als das Wesen des Kapitalismus verstanden. Da der Kapitalismus ihmzufolge instabil ist, braucht er Innovationen. Natürlich verdrängen auch soziale Innovationen Altes. Wenn sich im Unterricht etwa neue Schulformen durchsetzen, ist das eine große systemische Innovation. Montessori-Schulen etwa haben bestimmte andere Schulen verdrängt oder "schöpferisch zerstört". Ich würde den Begriff in diesem Zusammenhang aber nicht verwenden.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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