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Ein Marienkäfer sitzt auf einer Blüte.

Soziologin: "Die Stadt der Zukunft ist grün"

Die Sehnsucht der Städter nach mehr Natur in ihrem Lebensraum wächst: "Urban Gardening" ist da nur ein Vorbote, glaubt die Soziologin Christa Müller. Städtische Gärtner seien Teil einer post-demokratischen Generation, die Dinge kurzerhand selbst in die Hand nimmt.

Gesellschaft 26.09.2011

Immer mehr Städter entdecken ihren grünen Daumen. Verantwortlich sei dafür vor allem die Sehnsucht nach Natur und das Misstrauen gegenüber der globalisierten Ökonomie, sagt die Soziologin Christa Müller im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Die Münchnerin forscht seit Jahren zu nachhaltigen Lebensstilen und neuen Wohlstandsmodellen.

Es gibt etliche Projekte wie "Guerilla Gardening", Gemeinschafts-oder interkulturelle Gärten. Ist das alles das gleiche?

Christa Müller: Es sind unterschiedliche Spielarten des Phänomens urbanen Gärtnerns. Der Unterschied zum traditionellen Kleingarten ist, dass diese Projekte ökologisch motiviert sind, sie politisch auf den Nahraum wirken wollen und stark auf Gemeinschaft setzen.

Was ist "Guerilla Gardening"?

Das ist eine punktuelle Intervention im öffentlichen Raum, bei der "Saat-Bomben" geworfen werden, ohne dass dies mit der Stadtverwaltung abgesprochen ist. Damit soll in einer zunehmend "verregelten" Gesellschaft darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Stadt nicht nur Autos und Kommerz vorbehalten ist.

Wie gehen die Städte mit solchen urbanen Garten-Projekten um?

Die Städte sind zunehmend daran interessiert, dass sich Bürger an der Begrünung beteiligen, weil sie selber dafür oft nicht mehr die finanziellen Mittel haben. In München etwa gibt es darum eine Kooperation mit den Aktivisten, bei der die Stadt Saatgut zur Verfügung stellt. Viele Städte wollen da nachziehen.

Buch-Tipp:

Christa Müller (Hg.): "Urban Gardening - Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt", oekom verlag München, 2011, 352 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-86581-244-5

Warum interessieren sich so viele Menschen wieder für das Gärtnern?

Ein Grund ist das wachsende Misstrauen in eine anonyme, globalisierte Ökonomie, in der Produktion und Konsum weit auseinanderklaffen. Das gilt in Bezug auf die Lebensmittelindustrie oder die wackeligen Finanzmarktstrukturen. Darum experimentieren viele mit neuen Wohlstands- und Lebensmodellen. Außerdem geht es um Lebensqualität: Viele Städter wollen nicht auf Natur verzichten.

Was reizt Städter am Gärtnern?

Sie suchen sinnliche und körperliche Erfahrungen mit der Erde. Das hängt mit der Virtualisierung von Kommunikation und Wahrnehmung zusammen. Die Sehnsucht nach der Verbindung des Ichs mit der Umwelt nimmt zu. Die Begegnung mit der Natur ermöglicht eine Begegnung mit uns selbst. Gärten erfordern einen anderen Umgang mit Zeit und Raum, sie werden zum Erfahrungsraum.

Ist das Gärtnern auch Ausdruck eines politischen Bewusstseins?

Nicht im klassischen Sinne. Es handelt sich vielmehr um eine post-demokratische Generation, die sehr pragmatisch ist. Sie kritisiert nicht das System, sondern nimmt das Ruder selbst in die Hand. Es geht darum, einen Ort schöner, lebensnaher zu machen.

Wird der "Urban Gardening"-Boom Bestand haben?

Ich glaube ja. Die Stadt der Zukunft ist grün und partizipativ. Darum wird man viele der Strategien brauchen, die jetzt schon in dieser Bewegung realisiert werden.

Was ist eigentlich mit dem guten alten Schrebergarten?

Auch der ist dabei, sich zu verändern. Das muss er auch, wenn er Bestand haben will. Junge Leute wollen nicht mehr so viele starre Regeln. Viele würden am liebsten ohne Zäune gärtnern oder etwa mehr Gemüse anbauen, als es vorgesehen ist.

Interview: Julian Mieth, dpa

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