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Kollidierende Flugzeuge

"Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts"

Der Erste Weltkrieg (1914-1918), war für den US-Historiker George F. Kennan die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts". Ein Kongress an der Universität Wien beleuchtet nun den Krieg aus der Perspektive der Frauen- und Geschlechtergeschichte.

Konferenz 27.09.2011

"Rückständige" Geschichtsschreibung

Ein "kritischer Auftakt" zum erwarteten Veranstaltungsreigen 2014 soll die vom 29. September bis 1. Oktober stattfindende Veranstaltung sein, erklärte Mitorganisatorin und Historikerin Christa Ehrmann-Hämmerle im APA-Gespräch. Vor allem in Österreich sei eine "Rückständigkeit der Weltkriegshistoriographie" - die Militärgeschichte sei übebetont, sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtliche Zugänge indes vernachlässigt worden.

Problematisch sei auch die in der Geschichtsschreibung zur späten Habsburgermonarchie und ihrer Armee noch immer spürbaren Tendenz zur "nostalgischen Verklärung". Und im Gegensatz zu Deutschland sei hierzulande die Kriegsschuldfrage in Bezug auf das Geschehen im Sommer 1914 bisher wenig thematisiert worden. Verwunderlich sei dies nicht besonders, habe sich Österreich doch auch bei der Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs "schwer getan", so Ehrmann-Hämmerle.

Grund zur kritischen Beschäftigung gebe es aber auch hinsichtlich der Kriegsführung: Neueste Forschungsergebnisse belegten, so die Forscherin, dass Kriegsgräuel, wie sie etwa 1914 durch Soldaten der Donaumonarchie in Serbien verübt wurden, manche Aspekte des von den Nazis geprägten "totalen Kriegs" vorwegnahmen.

"Deutungskämpfe" setzen ein

Veranstaltungen

Tagung: "The First World War in a Gender Context. Topics and Perspectives", 29. 9. bis 1. 10. 2011 am Campus der Universität Wien, 9., Spitalgasse 2-4.

Tagung: "Geo-Politics in the Age of the Great War 1900-1930", 6. bis 8. 10. 2011 im Institut für Kulturwissenschaften, 1., Reichsratsstraße 17.

Das Verhältnis von Kriegsfront und "Heimatfront", etwa Frauen, die in Fabriken und Ämtern die Arbeitsplätze der Männer einnahmen, sei ebenfalls im Zusammenhang mit dem Konzept eines totalen, alle Bevölkerungsschichten umfassenden "Volkskriegs" zu sehen. "Man kann die Geschichte des Ersten Weltkriegs ohne Frauen- und Geschlechtergeschichte einfach nicht schreiben", sagt Ehrmann-Hämmerle.

Solche Ansätze dürften nicht mehr nur zu einem "Zusatzkapitel" in der Kriegsdarstellung gemacht werden. Auch das Geschehen an den vielen Frontverläufen, Gewalterfahrungen oder die Kriegspropaganda seien geschlechtergeschichtlich zu analysieren, ebenso wie die damals konstruierten Männlichkeits- und Weiblichkeitsideale, die den Menschen vorgaben, wie sie sich im Krieg verhalten sollten.

Nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa ist bis 2014 mit einer Vielzahl von Veranstaltungen zu rechnen. Das "Neuschreiben der Geschichte" des Ersten Weltkriegs und damit verbundene "Deutungskämpfe" hätten aber bereits eingesetzt, so die Forscherin, die die Konferenz an der Uni Wien gemeinsam mit der Wiener Historikerin Birgitta Bader-Zaar und dem Hildesheimer Weltkriegsexperten Oswald Überegger konzipiert hat.

In Innsbruck fand vergangene Woche eine Tagung statt, die sich unter dem Motto "Other Front, other Wars?" bisher wenig untersuchten Fronten des Ersten Weltkriegs gewidmet hat. Im Rahmen dieser Tagung wurde auch das europäische Projekt "Europeana" präsentiert, in dessen Rahmen private Kriegserinnerungsstücke digitalisiert und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurden. Auch in Wien wird im Oktober weiter konferiert: Das Institut für Kulturwissenschaften (IFK) veranstaltet vom 6. bis 8. Oktober die Tagung "Geo-Politics in the Age of the Great War 1900 - 1930".

science.ORF.at/APA

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