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Kerzen auf dem Friedhof

Suizidgefährdung ist schwer einschätzbar

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) nehmen sich weltweit jährlich etwa eine Million Menschen das Leben, das entspricht einem Toten alle 40 Sekunden. Eine Studie zeigt, wie schwer es ist, diese Todesfälle zu verhindern. Denn selbst oder gerade Nahestehende sind oft nicht in der Lage, den Zustand des Gefährdeten zu erkennen.

Gesundheit 24.10.2011

Nationale Präventionspläne

Selbstmorde zählen laut WHO zu den größten Gesundheitsproblemen der Gegenwart, weltweit sterben etwa eine Million Menschen pro Jahr daran, die Dunkelziffer ist vermutlich noch höher. Auch hierzulande kommen auf 100.000 Einwohner etwa 15 Selbsttötungen im Jahr (Zahlen aus 2007). Den traurigen Spitzenplatz belegt Weißrussland mit ca. 35 Todesfällen.

Viele Staaten haben daher eigene Präventionsstrategien entwickelt, so auch Österreich. Bereits 1948 gründete der österreichische Psychiater Erwin Ringel in Wien das weltweit erste Zentrum zur Suizidprävention, 1960 war er maßgeblich an der Gründung der International Association for Suicide Prevention beteiligt, und seit 1985 gibt es die Österreichische Gesellschaft zur Suizidprävention (ÖGS).

Bewusstseinsbildung und Betreuung

Die Studie im "British Medical Journal":

"Recognising and responding to suicidal crisis within family and social networks: qualitative study" von Christabel Owens et al.

Die Präventionsmaßnahmen setzen auf unterschiedlichen Ebenen an, generell versucht man etwa, die Fähigkeit der Bevölkerung zu stärken, mit Problemen des Lebens besser fertigzuwerden. Konkret Betroffene will man mit Betreuungsangeboten erreichen. Eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung spielt natürlich das Umfeld der Gefährdeten, das betonen auch manche internationale Kampagnen unter dem Motto "Suicide ist everybody’s business", wie die Autoren um Christabel Owens vom Peninsula College of Medicine and Dentistry schreiben.

Erhebungen zufolge waren 75 Prozent der Selbstmörder vor der Tat in keinerlei Betreuungseinrichtung, die meisten hatten nicht einmal ihren Hausarzt besucht. Oft sind Verwandte, Freunde und Kollegen tatsächlich die Einzigen, die von den Problemen der Betroffenen wissen, bei der Prävention könnten sie eine Schlüsselrolle einnehmen. Wie das allerdings im Konkreten funktionieren soll oder könnte, ist weitgehend unklar: Wie soll das soziale Umfeld den Ernst der Lage erkennen und wie soll es in der Folge reagieren?

Unklare Vorzeichen

In der Studie hat das Team um Owens nun retrospektiv untersucht, was Nahestehende im Vorfeld eines Selbstmords erleben. Sie sprachen mit Angehörigen von insgesamt 14 Selbstmordtoten zwischen 18 und 34 Jahren in London und Wales, die vor ihrem gewaltsamen Ende keine Betreuung erfahren hatten. Sie führten 31 Tiefeninterviews, um mehr über die Situation zu erfahren.

Dabei kristallisierten sich unterschiedliche Probleme heraus: Zum Teil lagen diese auf der kommunikativen Ebene. Direkte Warnsignale waren beispielsweise bei sehr verschlossenen Menschen oft gar nicht sichtbar, häufig waren sie auch sehr widersprüchlich. Und selbst wenn klar war, dass es dem Betroffenen ernsthaft schlecht ging, waren die Angehörigen ratlos, was sie tun sollten: das Problem ansprechen? Professionelle Hilfe suchen? Mit anderen darüber reden?

Die emotionale Nähe zu einer Person kann den Forschern zufolge mitunter sogar hinderlich sein. Ängste angesichts des bedrohlichen Zustands eines geliebten Menschen führen manchmal zu Blockaden oder Selbstschutz. Manche fürchten auch, die Situation noch mehr zu verschlimmern, wenn sie in das Leben des anderen eindringen, oder die Beziehung selbst zu gefährden, indem sie das Falsche sagen. Es handle sich eben um eine emotional unglaublich geladene Situation.

Laien sind überfordert

Leider gibt es keine eindeutigen Vorzeichen wie bei anderen Krankheiten. Selbst Ärzte können oft nach einer einschlägigen Ausbildung und mit vielen Jahren Erfahrung nicht eindeutig beurteilen, wie ernsthaft die Gefährdung eines Einzelnen tatsächlich ist. Und Laien begeben sich hier auf völlig unbekanntes Terrain. "Suizidgefährdete geben mitunter sehr indirekte Hinweise, oft wenn sie bspw. durch Alkohol enthemmt sind. Aber für das Umfeld ist es sehr schwer zu entscheiden, wie ernst sie diese nehmen sollen", so Owens.

Die Studie machte laut den Forschern auch deutlich, wie lange Menschen in emotionalen Notlagen warten, bis sie medizinische Hilfe suchen - manchen fehlt einfach der nötige Mut. Die Angehörigen sind aber mit der mehrdeutigen und beängstigenden Situation in der Regel verständlicherweise überfordert. Diese Problematik zu lösen ist schwer. Nach Ansicht der Forscher sollte sie zumindest im Rahmen gesellschaftlicher Präventionsmaßnahmen thematisiert werden.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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