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Johannes Hahn

Wo setzt man Gänsefüßchen?

Postskriptum zur Doch-kein-Plagiat-Dissertation von Johannes Hahn: Der Philosoph Herbert Hrachovec sieht die Angelegenheit juristisch als abgeschlossen an - und verdeutlicht noch einmal die Zitierpraxis des nunmehrigen EU-Kommissars. Fazit: widersinnige Anführungszeichen, Täuschungsabsicht nicht nachweisbar.

Hahn-Dissertation 08.11.2011

Anführungszeichen? Ein kleiner Zitierkurs

Von Herbert Hrachovec

Die Plagiatsvorwürfe gegen Johannes Hahn hatten zur Folge, dass Exemplare seiner mit Schreibmaschine getippten Doktorarbeit plötzlich nicht mehr auffindbar waren. Eine Kopie hatte den Weg zu mir gefunden. Darauf gestützt verfasste ich 2009 einen gründlichen Bericht über die ersten 100 Seiten dieses Werkes. Das Resultat deckt sich ziemlich genau mit dem Ergebnis der internationalen Gutachten, deren Schlussfolgerungen bekannt geworden sind:

Herbert Hrachovec

Privat

Der Autor

Herbert Hrachovec ist außerordentlicher Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien.

"Plagiat in einem etwas weiteren Sinn ist mit Täuschungsabsicht, d.h. mit dem systematischen Verstecken der Herkunftsorte des Arbeitstexts verbunden. So gesehen trifft der Vorwurf auf Johannes Hahn nicht zu. Er hat jene Publikationen, aus denen er unquotierte Passagen übernimmt,
ausgiebig zitiert. Diese Verteidigung reicht allerdings nicht weit. Die Frage der Beurteilung der Dissertation stellt sich in einem umfassenderen Kontext.

Es handelt sich um eine Arbeit minderer Qualität, die stellenweise an das Banale und sogar Peinliche grenzt. In ihrer Abfassung sind elementare Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens vielfach missachtet worden. Die Schlamperei grenzt an Fahrlässigkeit. Mit Wissenschaft hat das nur als abschreckendes Beispiel zu tun."

Zitate ohne Trennschärfe

Juridisch scheint mir die Affäre damit erledigt. Inhaltlich soll sie hier in zwei Punkten ergänzt werden. Erstens wird dargestellt, wie es zum Vorwurf des "Abschreibens" kommt und warum dazu unterschiedliche Positionen eingenommen werden. Zweitens wird mit Hilfe eines fiktiven Beispiels verdeutlicht, wie sich der Rechtsstreit und die allgemeine Empörung über eine zusammengekleisterte Abschlussarbeit zueinander verhalten.

Der Standard beim Zitieren besteht darin, dass am Beginn der übernommenen Textpassage ein Anführungszeichen gesetzt wird, am Ende ein zweites, und darauf ein Verweis folgt: eine Endnote oder Fußnote. Weniger gebräuchlich, und wegen der mangelnden Trennschärfe zusehends unerwünscht, ist eine Variante. In ihr werden keine Anführungszeichen, jedoch an geeigneter Stelle eine Marke gesetzt, die auf eine andere Stelle verweist (oft am Ende des Textes).

An dieser Stelle steht dann etwa "wie dort und dort ausgeführt wird" oder "siehe dort und dort". Diese "schlampige" Zitierweise, erlaubt es nicht, den herangezogenen Text eindeutig zu bestimmen. Dennoch ist es eine Art Zitat. Wer die Marke verfolgt, wird darüber aufgeklärt, dass es sich um eine Textübernahme handelt.

Johannes Hahn bedient sich stellenweise dieser Variante. Die Verteidigung, er verwende bloß ein überholtes Format, bezieht sich auf diese Fälle. Aber er setzt gleichzeitig die Standardtechnik ein und das ist über die Zeit hinweg bedenklich. Hahn beginnt stellenweise mit Anführungszeichen, führt ein Zitat an und beendet es wiederum mit Anführungszeichen. Unmittelbar darauf, wo es nach allgemeinem Verständnis zu Ende ist, setzt er einfach die zitierte Passage fort.

Das ist in der wissenschaftlichen Praxis niemals erlaubt gewesen. Am Ende der unzitierten Fortsetzung steht dann ein Zahlenverweis. Er führt zu einer Endnote, die mitteilt, woher der Textteil stammt, den jede unvoreingenommene Leserin als Beitrag Hahns auffasst.

Imageschaden für akademisches System

Ö1-Sendungshinweis:

Über das Thema berichten auch die Ö1-Journale.

Man kann diesem Verfahren Täuschungsabsicht unterstellen. Das Ausmaß der ausgewiesenen Zitate in der Arbeit liegt über dem Durchschnitt und Hahn spart sich durch sein Manöver weitere Gänsefüßchen. Dagegen ist der Vorwurf, Hahn zitiere seine Quellen nicht, unzutreffend. Er dokumentiert sie in einem widersinnigen System. Das ist der Kern der Plagiatsdebatte.

Nun zum illustrativen (frei erfundenen) Beispiel. Sie kaufen eine Flasche "Weinviertel DAC" und schenken das erste Glas ein. Ein fürchterliches Gebräu! Sie lesen die Etikette und finden, dass der Wein in Wien abgefüllt wurde. Die Beschwerdestelle wird eingeschaltet, doch die enttäuscht sie. Rechtlich gesehen müssen bloß die Trauben aus dem Weinviertel stammen.

Wenn diese Bedingung erfüllt ist, spielt der Abfüllort keine Rolle. "Ja aber der Wein selbst! Er ist nicht zu trinken." "Es tut uns leid, doch das ist Geschmackssache." Verantwortlich ist die Instanz, die das Gütesiegel verliehen hat. Sie ist für den Missstand verantwortlich; ihre Vertrauenswürdigkeit leidet.

Es ist ein Streitfall für Juristinnen, aber am Tatbestand der Erschleichung eines akademischen Grads schrammt Hahns Dissertation haarscharf vorbei. Dagegen steht außer Frage, dass sich das System zur Verleihung akademischer Würden gehörig blamiert hat. So gesehen ist sogar ein wenig Mitgefühl für den EU-Kommissar angebracht. Er ist ein Sündenbock (selber schuld), der von einer Fehlfunktion ablenkt.

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