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US-Astronom Edwin Hubble, 1931

Freispruch für den kosmischen Zensor

Der US-Astronom Edwin Hubble könnte 1931 die Veröffentlichung eines belgischen Fachkollegen zensuriert haben, um sich wissenschaftlicher Konkurrenz zu entledigen. Neue Dokumente entlasten Hubble, der Krimi scheint abgesagt.

Fall "Hubble" 16.11.2011

Der Physik-Nobelpreis ging dieses Jahr an drei Supernova-Forscher, die entdeckt haben, "dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt". Das entscheidende Wort in der Begründung des Nobelpreis-Komitees: "beschleunigt". Denn dass das Universum grundsätzlich expandiert, ist schon viel länger bekannt. 1929 veröffentlichte der US-Astronom Edwin Hubble eine Arbeit, in der er einen Zusammenhang zwischen der Distanz und der Bewegung ferner Galaxien feststellte.

Er zeigte: Je weiter die Galaxien entfernt sind, desto schneller bewegen sie sich von der Erde fort - und zwar offenbar in jeder Raumrichtung. Was später dadurch erklärt wurde, dass sich der Kosmos eben selbst ausdehnen muss. Hubble erhielt für diesen Beitrag die wissenschaftlichen Lorbeeren, er gilt heute als "Pionier der fernen Sterne", verewigt im Vokabular der Astronomie: Hubble-Gesetz, Hubble-Konstante, Hubble-Weltraumteleskop - sein Name ist quasi das Synonym für die kosmische Expansion.

Expandeur des Universums

Einziger Schönheitsfehler daran: Hubble war nicht der erste, der die kosmische Expansion entdeckte. Der belgische Priester und Astronom Georges Lemaître beschrieb das Phänomen schon im Jahr 1927. Und während Hubble in seiner ersten Arbeit (wohl aus interpretativer Vorsicht) noch gar nicht von einer Ausdehnung reden wollte, wies Lemaître schon 1927 auf die revolutionären Konsequenzen hin.

Einstein und Lemaitre, Hubble

AP

Albert Einstein und Georges Lemaître (links), Edwin Hubble (rechts)

Nur veröffentlichte der Belgier seine Arbeit in einem international unbedeutenden Journal, den "Annales de la Société scientifique de Bruxelles". So gesehen kein Wunder, dass sein Beitrag übersehen wurde und die Priorität irrtümlich Hubble zugesprochen wurde. "Wenn man jemanden auswählen müsste, dem der größte Verdienst zusteht, dann ist das Lemaître ", sagt etwa der kanadische Wissenschaftshistoriker Robert Smith.

Nachlese

"Lost in translation: Mystery of the missing text solved", Nature (doi: 10.1038/479171a).

"Edwin Hubble in translation trouble", Nature online (doi: 10.1038/news.2011.385).

"The Curious Case of Lemaitre's Equation No. 24", arXiv (1106.1195v1).

"A Hubble Eclipse: Lemaitre and Censorship", arXiv (1106.3928v2).

Lost in translation

Im Juni dieses Jahres meldete sich der Astronom Sidney van den Bergh zu Wort. Er hatte die englische Übersetzung von Lemaîtres Arbeit, erschienen 1931 in den "Monthly Notices of the Royal Astronomical Society", studiert und dabei folgendes entdeckt: In der Übersetzung fehlten just jene Passage, die das "Hubble-Gesetz" vorwegnahm. Van den Bergh vermutete, jemand könnte das Papier zensuriert haben, um Hubble die Priorität für die Entdeckung zu sichern.

Der Mathematiker und Amateur-Historiker David Block ging sogar so weit zu behaupten, Hubble selbst könnte die Passage aus dem Manuskript gestrichen haben - eine Vermutung, die nicht alle Fachleute teilen wollten. Robert Smith kommentierte etwa: "Es ist eine Sache Spekulationen anzustellen - aber eine andere, es zu beweisen."

Entlastung durch Brief

Nun hat der Astronom Mario Livio im Fachblatt "Nature" neue Dokumente vorgelegt. Und die dürften Edwin Hubble von dem ventilierten Vorwurf entlasten. Livio hat im belgischen Georges-Lemaître-Archiv eine Korrespondenz ausgehoben, die zeigt, wie es zur Veröffentlichung der englischen Version kam.

Aus einem Brief Lemaîtres geht hervor, dass er selbst die Übersetzung als auch die Kürzung des Textes vorgenommen hat. Letzteres deswegen, weil er - laut Brief - in der englischen Version andere, aktuellere Berechnungen veröffentlichen wollte.

Ganz nachvollziehbar ist die textuale Selbstbeschneidung des belgischen Astronomen dennoch nicht. Es könnte auch sanfter Druck auf Lemaître ausgeübt worden sein, der eine Mitgliedschaft in der Royal Astronomical Society anstrebte. Möglicherweise war auch übertriebene Bescheidenheit im Spiel: Hier endet allerdings die Beweiskraft der Korrespondenz.

Robert Czepel, science.ORF.at

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