Standort: science.ORF.at / Meldung: "Naturschutz schützt vor Hunger nicht"

Ein Wasserbüffel in einem Naturschutzpark.

Naturschutz schützt vor Hunger nicht

Dass wildes Jagen in Naturschutzgebieten verboten ist, versteht sich von selbst. Genau dieses Verbot kann aber die Gesundheit der ansässigen Bevölkerung schädigen. US-Forscher haben am Beispiel von Kindern in Madagaskar untersucht, wie sich das Streichen von "Bushmeat" von ihrem Speiseplan auswirken würde. Das Ergebnis: Starke Blutarmut wäre die Folge.

Ernährung 22.11.2011

Dennoch könne das nicht bedeuten, dass der Naturschutz seinen Stellenwert verliert, sobald Menschen ihre Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können, schreiben Christopher Golden von der Harvard University und Kollegen. Man müsse eben nach Alternativen suchen.

Die Studie:

"Benefits of wildlife consumption to child nutrition in a biodiversity hotspot" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen (DOI:10.1073/pnas.1112586108).

Unklarer Zusammenhang

2003 hielt der damalige Präsident von Madagaska, Marc Ravalomanana, eine Aufsehen erregende Rede vor der internationalen Staatengemeinschaft. Er unterstrich damals den Willen des Staates, die Biodiversität der Insel zu bewahren und zu diesem Zweck die Fläche der designierten Naturschutzflächen zu verdreifachen. Der Applaus war ihm sicher - unsicher sei hingegen gewesen, wie sich die Ankündigung auf die in den betreffenden Gebieten lebenden Menschen auswirken würden.

Sowie generell erstaunlich wenig über das Zusammenspiel zwischen Natur und lokaler Bevölkerung nachgedacht werde, schreiben der Ökologe und Epidemiologe Christopher Golden und seine Kollegen, die ihre Studie in Zusammenarbeit mit der Wildlife Conservation Society von Madagaskar durchgeführt haben. Denn obwohl weltweit hunderte Millionen Menschen vom Jagen und Verspeisen der sie umgebenden Kleintiere leben, gebe es kaum Untersuchungen dazu, wie die Bevölkerung mit dem Wegfall einer wichtigen Nährstoffquelle umgeht.

Hämoglobin-Gehalt

Ein Mann brät ein Exemplar einer gefährdeten Lemurenart über dem offenen Feuer.

Christopher Golden

Ein Mann brät ein Exemplar einer gefährdeten Lemurenart über dem offenen Feuer.

Die Harvard-Forscher wollten die Probe auf's Exempel machen, und das in einer der ärmsten Regionen der Welt. Madagaskar wird immer wieder als eines der zehn ärmsten Länder der Erde aufgelistet, und der Landstrich, auf den sich die Wissenschaftler konzentriert haben, gehört innerhalb des Landes noch einmal zu den benachteiligten Gebieten: Die Naturschutzregion Makira im Osten der Insel beherbergt laut World Conservation Society viele vom Aussterben bedrohte Tierarten wie die Fossa (auch Frettkatze genannt) und verschiedene Lemurenarten.

Eine Schüssel voll gebratener Flughunde.

Christopher Golden

Eine Schüssel voll gebratener Flughunde.

Genau von diesen Tieren und den gerne verspeisten Flughunden ernähren sich aber auch die Menschen, die in der Makira-Region leben. Sie stellen mehr oder weniger exklusiv das Fleisch auf dem Speiseplan dar. Die Forscher wollten herausfinden, wie sich eine Verminderung oder gar das Verschwinden des "Bushmeat" auswirken würde und wählten dazu 77 Kinder der lokalen Bevölkerung aus. Den Kindern im Alter von zwölf Jahren oder jünger wurde während eines Jahres einmal monatlich Blut abgenommen, um den Hämoglobin-Gehalt zu messen.

30 Prozent mehr Eisenmangel

"Jeder Bissen Fisch, jedes Stück Fleisch wurde abgewogen, bevor es in den Kochtopf wanderte", beschreiben die Wissenschaftler ihre Methode. Nach einem Jahr wurden die Hämoglobin-Werte mit der Menge an verspeistem Fleisch - und damit tierischem Eisen - in Beziehung gesetzt.

Das Ergebnis war eindeutig: Würden vom Speiseplan der Kinder alle Wildtiere verbannt, gäbe es in dieser speziellen Population rund um den Makira-Naturschutzpark 30 Prozent mehr Fälle von Anämie - in den ärmsten Familien würde sich die Anzahl der Fälle von akutem Eisenmangel sogar verdreifachen.

Eisenmangel:

Eisenmangel ist der weltweit am häufigsten vorkommende Nährstoffmangel. Eisen stellt die Basis zur Bildung von Hämoglobin dar, den roten Blutfarbstoff in den roten Blutkörperchen. Es ist ein wichtiger Sauerstoff-Transporteur im Körper. Fehlt dem Körper Eisen, sinken die Hämoglobinwerte ab, es entsteht eine Anämie. Besonders bei Kindern kann Eisenmangel dramatische Folgen haben und zu körperlichen und geistigen Entwicklungsverzögerungen führen.

Alternativen suchen

"Die Schlussfolgerung aus unserer Studie kann aber nicht sein, dass man den Artenschutz vergessen und den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung Vorrang geben soll", betont Christopher Golden. Außerdem gäbe es in der untersuchten Region gar nicht genügend Wildtiere, um die lokale Bevölkerung ernähren zu können - von einer nachhaltigen Nutzung der Natur ganz zu schweigen.

Christopher Golden und seine Kollegen fordern deshalb, über Alternativen nachzudenken, etwa die Menschen bei der Haltung von Hühnern und Ziegen zu unterstützen - und gleichzeitig die kulturellen Unterschiede nicht aus den Augen zu lassen. Denn in Guinea oder Gabun, wo "Bushmeat" zu den Luxusgütern zählt, wird eine Umstellung der Ernährung nicht so schnell möglich sein. Der Konflikt zwischen - oft als vom "Westen" aufgezwungen wahrgenommener - Naturschutz und den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung wird also weiter schwelen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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