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Das Braunkohlekraftwerk Neurath bei Grevenbroich, Deutschland.

Der Mensch und der Klimawandel

Noch immer bezweifeln manche, dass der Klimawandel etwas mit uns Menschen zu tun hat. Zwei Arbeiten liefern nun jedoch weitere Belege: 74 Prozent der globalen Erwärmung seit 1950 sind vom Menschen verursacht, besagt die eine. Die zweite zeigt, wie sich die Finanzkrise auf die weltweiten Emissionen ausgewirkt hat.

Klimawandel 05.12.2011

Umstritten und komplex

Der Klimawandel ist umstritten, die Diskussionen darüber häufig ideologisch gefärbt und selbst unter Experten herrscht mitunter Uneinigkeit. Dazu kommen noch Skandale wie der sogenannte Climategate vor zwei Jahren. Gehackte Mails der University of East Anglia gaben damals Anlass zur Vermutung, die Klimaerwärmung basiere auf gefälschten Daten. Die Forscher wurden zwar voriges Jahr von diesem Verdacht freigesprochen, die Skepsis ist geblieben.

Das liegt unter anderem auch an der komplexen Materie, denn in globalen Klimamodelle fließen eine Menge Größen ein - die wichtigsten klimarelevanten physikalischen Vorgänge in der Erdatmosphäre, den Ozeanen und auf der Erdoberfläche, die auf unterschiedliche Weise miteinander verknüpft sind. Heraus kommen komplizierte Gleichungssysteme, die enorme Rechenleistung beanspruchen. Dass es hier viele Fehlerquellen bzw. große Unsicherheiten geben kann, leuchtet ein.

Energiebilanz als Referenzmodell

Die Studie in "Nature Geoscience":

"Anthropogenic and natural warming inferred from changes in Earth's energy balance" von Markus Huber und Reto Knutti.

Aus räumlichen und zeitlichen Mustern der Temperaturveränderungen in Abhängigkeit von unterschiedlichen Einflussgrößen versuchen Forscher abzuleiten, ob es eine globale Erwärmung gibt und ob der Mensch diese verursacht hat. Schwankungen im globalen Energie- bzw. Strahlungshaushalt blieben laut Markus Huber und Reto Knutti von der ETH Zürich bei diesen Methoden bisher weitgehend unberücksichtigt. Genau diese Energiebilanz haben die beiden für ihre aktuelle Berechnung herangezogen, auch um den Sachverhalt von einer anderen Seite als üblich zu untersuchen.

Im Gleichgewicht emittiert die Erde durch Strahlung am Rand der Atmosphäre genau so viel Energie, wie sie von der Sonne aufnimmt. Beobachtungen und Modelle zeigen, dass die Erde so gesehen in den letzten 50 Jahren aus der Balance geraten ist. Mit Hilfe von Simulationsrechnungen haben die Forscher nun versucht nachzuvollziehen, was dazu geführt hat. Das Ergebnis: Es ist extrem wahrscheinlich, dass menschliche Einflüsse die treibende Kraft dahinter waren. D.h., auch in diesem Modell ist der Mensch hauptverantwortlich für die globale Erwärmung, der natürliche Einfluss hingegen verschwindend.

Natürliche Ursachen unwahrscheinlich

In Zahlen: Mindestens 74 Prozent des Temperaturanstiegs seit 1950 sind vom Menschen verursacht, weniger als 26 Prozent sind auf zufällige Schwankungen zurückzuführen. 0,85 Grad Celsius der Erwärmung sind demnach in erster Linie eine Folge des steigenden Ausstoßes von Treibhausgasen, etwa die Hälfte davon wird vom kühlenden Effekt der Aerosole wieder abgefangen, netto bleiben ca. 0,56 Grad Celsius Anstieg. Veränderungen der Sonneneinstrahlung haben demgegenüber nur 0,07 Grad Celsius beigetragen.

Für die nächsten 50 Jahre erwarten die Forscher einen weiteren Anstieg um etwa 1,29 Grad Celsius. Besonders CO2 werde dafür verantwortlich sein, falls die Emissionen nicht drastisch sinken. Die Meere könnten es einfach nicht so schnell aufnehmen.

Rekordanstieg

Der Kommentar in "Nature Climate Change":

"Rapid growth in CO2 emissions after the 2008-2009 global financial crisis" von Glen Peters et al.

Und wie es derzeit aussieht, sind die CO2-Emissionen weit davon entfernt zu sinken, im Gegenteil: Sie steigen weiter, wie eine weitere gerade veröffentlichte Publikation zeigt. Die letzte Analyse des Global Carbon Project ergab demnach, dass allein die Emissionen aus fossilen Brennstoffen 2010 um 5,9 Prozent gestiegen sind, um 49 Prozent seit 1990 (das Referenzjahr für das Kyoto Protokoll).

Der gesamte weltweite Ausstoß an schädlichem Kohlenstoff - inklusive Abholzung und anderer Quellen - hat letztes Jahr das Ausmaß von 10 Milliarden Tonnen erstmals überschritten.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die derzeit laufende UNO-Klimakonferenz in Durban berichten die Ö1 Journale.

Klimafreundliche Wirtschaftkrise

Sieht man sich die Entwicklung der letzten zehn Jahre genauer an, zeigen sich laut Hauptautor Glen Peters vom Centre for International Climate and Environmental Research in Norwegen interessante Details. Denn die globale Finanzkrise (2008-2009) ist auch für den Klimawandel nicht ohne Folgen geblieben. 2009 war erstmals ein Rückgang bei den Emissionen feststellbar.

Das sei nichts Ungewöhnliches, energieintensive Aktivitäten werden in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gedrosselt, z.B. der internationale Warenhandel, besonders in den entwickelten Staaten gehen auch die konsumbasierten Emissionen zurück. Das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt sinkt und parallel dazu der Ausstoß an CO2.

Im Gegensatz zu früheren Krisen, waren die positiven Folgen für die Umwelt und das Klima allerdings nur von kurzer Dauer. Dem steilen Abfall folgte 2010 erneut ein rasanter Anstieg. Damit wurde sozusagen alles wieder wettgemacht.

Krise als verpasste Chance

Ein Absenken der Energiepreise sowie Investitionen seitens der Regierung zur schnellen Konsolidierung der Wirtschaft haben zu einem schnellen Aufschwung geführt und damit zu einem erneuten Anstieg der Emissionen.

Besonders stark beigetragen haben die enormen Wachstumsraten in sich schnell entwickelnden Industrieländern - allen voran China und Indien. Nicht zuletzt deswegen, weil reiche Länder ihre Produktion und damit auch ihren CO2-Ausstoß dorthin auslagern. Aber auch die konsumbasierten Emissionen dieser Regionen haben im vergangenen Jahr erstmals jene der westlichen Industriestaaten übertroffen - ein Trend, der sich weiter fortsetzen wird, wie die Autoren befürchten.

Die Krise ist nach Ansicht der Forscher eine verpasste Chance: "Viele dachten die Wirtschaftskrise wäre eine Möglichkeit gewesen, den Emissionsanstieg zu stoppen, heute kann man sagen: Sie wurde nicht genutzt", so Peters.

Die letzten Zahlen entsprechen laut den Forschern den schlimmsten Prognosen - nicht sehr beruhigend, angesichts der Tatsache, dass die Aussichten für ein Folgeabkommen des 2012 auslaufenden Kyoto-Protokolls nicht besonders rosig sind.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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