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Mathematische Formel

Mädchen mögen Mathe - bei Gleichberechtigung

Mädchen können schlechter rechnen, Frauen bringen es in mathematischen Fächern kaum an die Spitze: Thesen zu den Gründen gibt es viele, von mangelnden biologischen Voraussetzungen bis zu störenden Klassenkollegen. US-Forscher werteten vorliegende Daten neu aus. Ihr Ergebnis: Je "gleicher" die Gesellschaft, desto besser Mädchen - und Buben.

Gender 13.12.2011

Zahlenmaterial zu insgesamt 86 Ländern flossen in die Studie von Jonathan Kane und Janet Mertz ein, geographisch und kulturell weit gestreut: Von Schweden und die USA über Südkorea bis hin zu Marokko, Tunesien und Bahrain.

Die Studie:

"Debunking Myths about Gender and Mathematics Performance" erscheint in den "Notices of the American Mathematical Society" (DOI:10.1090/noti790 - sobald online).

Zu hübsch für die Mathematik

"I'm too pretty to do math" stand auf einem T-Shirt, das dieses Jahr für so große Aufregung in den USA gesorgt hat, dass es schließlich aus den Läden verbannt wurde. Ist das schlicht fehlender Humor bzw. übertriebene "Political Correctness", die keine (Selbst-)Ironie mehr erlaubt? Oder war der Protest deshalb so heftig, weil sich viele noch immer weigern zu akzeptieren, dass Buben bzw. Männer einfach besser in Mathematik sind?

Jonathan Kane und Janet Mertz wollten Antworten auf diese Fragen finden und griffen in ihrer Meta-Analyse mehrere Thesen auf, die in den letzten Jahren zur Erklärung des "Gender Gap" in der Mathematik formuliert wurden. Weil es immer mehr internationale Analysen gibt, wird auch der interkulturelle Vergleich zunehmend aussagekräftiger. So finden sich in den von ihnen ausgewerteten Untersuchungen Angaben zu 86 Ländern.

Männlicher Geist flexibler?

Der erste Erklärungsansatz, den die beiden Forscher aufgreifen, läuft unter dem Titel "greater male variability", also dass der männliche Geist flexibler sei, und zwar in beide Richtungen: sowohl an der Spitze als auch bei den schlechtesten Leistungen. Damit ließe sich auch erklären, warum bisher beispielsweise nur Männer die Fields Medaille, einer der höchsten Auszeichnungen für Mathematiker, bekamen.

In ihrer Analyse stellten Kane und Mertz fest, dass diese generelle Aussage so nicht haltbar ist. Zwar gibt es Länder wie beispielsweise die USA, in denen mehr Buben als Mädchen besonders gut in Mathematik abschneiden, es gibt aber auch Gegenbeispiele: In Marokko etwa fielen die Tests bei beiden Geschlechtern gleich gut bzw. schlecht aus. In Tunesien schnitten die Mädchen sogar besser ab. Und selbst in den USA veränderten sich die Verhältnisse grundlegend: Während in den 1970er Jahren das Verhältnis Buben zu Mädchen unter den besonders begabten "Mathematikern" 13:1 lautete, kommt aktuell schon auf jeden dritten Buben ein Mädchen. "Wenn es tatsächlich ein biologisches Merkmal wäre, dass der männliche Geist variabler ist, dürfte es nicht so viele Abweichungen geben", schreiben Jonathan Kane und Janet Mertz.

Schule und Glaube

Viel wahrscheinlich sei demnach, dass gesellschaftliche und kulturelle Umstände die Mathematik-Fähigkeiten der beiden Geschlechter prägen. Und hier kommen zwei weitere Thesen ins Spiel, die die Diskussionen der letzten Jahre prägten: Erstens jene, dass reine Buben- bzw. Mädchenklassen beiden Geschlechtern nützen, weil sie ihre Fähigkeiten besser entwickeln. Und zweitens die - mit der ersten in Verbindung stehende - Behauptung, dass die Mädchen eben deshalb in moslemischen Staaten besser abschneiden, weil sie von den Buben beim Lernen nicht gestört werden.

Beide Thesen hielten der Überprüfung nicht stand: In Südkorea werden Buben und Mädchen nach dem Zufallsprinzip homogenen bzw. gemischt-geschlechtlichen Klassen zugeteilt - für ihre Mathematik-Kenntnisse hatte das keine Bedeutung. In Dubai schnitten die Schüler in den gemischten Klassen sogar besser ab. Zwar stimme es, dass Mädchen in machen moslemischen Staaten besser abschnitten als die Buben, aber nur deshalb, weil die Buben so extrem schlecht waren, schreiben die Wissenschaftler.

Als Beispiel ziehen sie das streng religiöse Bahrain heran, auch dort waren die Mädchen die besseren Mathematikerinnen. Gleichzeitig besuchen aber schon deutlich weniger Mädchen als Buben die achte Schulstufe - ein Hinweis darauf, dass schlechtere Schülerinnen schon früh von den Eltern aus der Schule genommen werden. Außerdem besuchen viele der schlechten Buben eine Religionsschule, in denen Mathematik nur eine geringe Rolle spielt. Das Ergebnis zum Vorteil der Mädchen kam demnach nur zustande, indem die Umstände vor Ort außer Acht gelassen wurden.

Win-Win-Situation

Was als Hypothese laut der aktuellen Analyse aber sehr wohl hält, ist der Zusammenhang mit der Gleichberechtigung der Geschlechter. Um ihn zu überprüfen, glichen die Forscher die Ergebnisse der Mathematik-Tests mit dem "Gender-Gap Index" ab, mit dem das World Economic Forum jährlich die Gleichstellung der Geschlechter hinsichtlich Einkommen, Bildung, Gesundheit und politischer Partizipation misst. Hier zeigte sich ein eindeutiger Zusammenhang: Je "gleicher" eine Gesellschaft, desto besser schnitten beide Geschlechter ab und desto geringer war der Unterschied zwischen Mädchen und Buben.

Je vielfältiger die Perspektiven, die eine Gesellschaft ihren Mädchen eröffnet, desto mehr engagieren sie sich auch in Fächern, die ihre Elterngeneration vielleicht noch dem anderen Geschlecht zugeordnet hätte, schreiben Jonathan Kane und Janet Mertz. "Viele Menschen glauben, dass Emanzipation ein Nullsummenspiel ist: Was die Frauen gewinnen, verlieren die Männer. Unsere Ergebnisse zeigen - zumindest für Mathematik-Kenntnisse -, dass Gleichberechtigung eine Win-Win-Situation ist."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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