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Nacktmull in Nahaufnahme

Die Schmerzbremse der Nacktmulle

Nacktmulle empfinden beim Kontakt mit Säure offenbar keinen Schmerz - Berliner Forscher wissen, warum: Die Tiere besitzen Schmerzrezeptoren, die von elektrisch positiv geladenen Teilchen blockiert werden.

Physiologie 16.12.2011

Nachdem auch Säuren solche Protonen abgeben, entstehe in der Folge kein Aktionspotenzial: Die Nervenzelle "feuert" nicht, sie leitet kein Schmerzsignal weiter.

Anpassung an hohen CO2-Gehalt

Doch warum verzichten die Tiere auf den wertvollen Warnreiz? Nacktmulle (Heterocephalus glaber) leben in großen Gruppen in engen unterirdischen Bauten. In den Tunneln und Höhlen ist der Sauerstoffgehalt gering, der Kohlendioxidgehalt hingegen hoch. Dies könne zu einer Übersäuerung des Gewebes führen, schreiben die Forscher vom Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin.

Die Studie

"The Molecular Basis of Acid Insensitivity in the African Naked Mole-Rat", Science (Bd. 334, S. 1557).

Vermutlich hätten die Nacktmulle die Säuretoleranz entwickelt, um unter diesen Umständen überleben zu können. Ihre Untersuchung könne auch beitragen, das Verständnis chronischer Schmerzen beim Menschen zu vertiefen, die durch Übersäuerung von Gewebe entstehen.

Hohe Kohlendioxid-Konzentrationen und Säure verursachen normalerweise bei Säugetieren - auch beim Menschen - sehr schmerzhafte Verätzungen und lösen Entzündungen aus, heißt es in einer MDC-Mitteilung. So sei das Gewebe von Patienten mit entzündlichen Gelenkerkrankungen wie Rheuma stark mit Säure angereichert.

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Der Säuregehalt des Gewebes aktiviere die Schmerzfühler. Substanzen, die den Kanal blockieren, werden in der Medizin eingesetzt - zum Beispiel zur lokalen Betäubung beim Zahnarzt. Menschen, bei denen der Kanal wegen genetischer Veränderungen beschädigt ist, fühlen keinen Schmerz.

Nacktmulle sind fast blinde, kaum behaarte Nagetiere kaum größer als Mäuse, die unterirdisch in den Halbwüstenregionen Ostafrikas leben. Die kleinen Säugetiere mit der faltigen, rosabraunen Haut leben dicht gedrängt in großen Kolonien mit bis zu 300 Individuen, die von einem Weibchen angeführt werden. Ihr Sozialsystem ähnelt dem von Bienen. Ihre großen Nagezähne nutzen Nacktmulle, die bis zu 30 Jahre alt werden können, auch zum Graben.

science.ORF.at/APA/dpa

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