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Weltkugel umringt von Figuren im Kreis

Wohin geht die internationale Entwicklung?

Kulturelle Vorurteile haben lange die Entwicklungspolitik bestimmt. Den technisch und gesellschaftlich "Unterentwickelten" sollte geholfen werden, sich nach Vorbild der westlichen Industrienationen zu verbessern. Ein Ursprung dieser Vorurteile liegt im Kalten Krieg, erklärt die Soziologin Hanna Hacker.

Soziologie 23.12.2011

Sie ist Professorin am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien, das diese traditionellen Entwicklungsideen kritisiert. Obwohl im deutschsprachigen Raum einzigartig und bei Studierenden sehr beliebt, ist die Zukunft des Instituts ungewiss.

Porträtfoto der Soziologin Hanna Hacker

Universität Wien

Hanna Hacker ist Soziologin und Historikerin. Sie forscht und lehrt am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien im Rahmen der Stiftungsprofessur für sozial- und kulturwissenschaftliche Entwicklungsforschung der Austrian Development Agency.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag im "Dimensionen"-Magazin, 23.12., 19:05 Uhr.

science.ORF.at: Sie sind eine "habilitierte Entwicklungshelferin". Inwieweit haben Ihre Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit Ihre wissenschaftliche Forschung beeinflusst?

Hanna Hacker: Ich war bereits habilitierte Soziologin, als ich mit der Berufsbezeichnung "Entwicklungshelferin" zuerst nach Burkina Faso und dann nach Kamerun gegangen bin. Als Soziologin wusste ich natürlich, was das Problematische am "Entwicklungshandeln" ist. Aber ich habe erst durch diese Erfahrung im Development mein Interesse für Fragen der Entwicklungskritik konkretisiert und alternative Ansätze gesucht.

Das heißt, ich habe mein Interesse an Konstruktionen des "Afrikanischen", der afrikanischen Geschichte, afrikanischen Feminismen, Afrika als Projektionsraum des Kolonialismus und der Gegenwart auch aus meiner Praxis gezogen. Und mir Fragen der Globalisierung, der Globalisierungskritik, der internationalen Mobilität, Migrationsansätze und -theorien erst durch meine Arbeit in einem afrikanischen Land als Entwicklungshelferin gestellt.

science.ORF.at: Woher kommen diese Vorstellungen von Entwicklung und Unterentwicklung?

Hacker: Die Antwort, die man den Studierenden auf diese Frage gibt, ist, dass der Begriff von entwickelten und unterentwickelten Ländern und die damit verbundene Mission entwickelter Länder, einzugreifen und den armen Ländern zu helfen, so zu werden wie wir, ein klassisches und typisches Produkt des Kalten Krieges ist. Es gibt auch Positionen in der Entwicklungsforschung, die sagen, man kann das nahezu mit einem Datum benennen, nämlich mit der Antrittsrede des Präsidenten Truman in den USA im Jahr 1949. Dort hat er sein Bild vom Kalten Krieg, der christlichen Mission und der freien Welt formuliert. Da wurde auch definiert, was "arm" bedeutet, wie man aus dieser Armut herauskommen soll und welche Regionen davon betroffen sind. Es gibt also einen Moment der Erfindung dieser Idee von Entwicklung als etwas, das sich mit gegenwärtigen Praktiken von Entwicklungszusammenarbeit und -politik verbindet.

science.ORF.at: Diese Ideen und Vorurteile sind aber wesentlich älter.

Hacker: Natürlich ist diese Idee, dass es Regionen, Kulturen und Menschen gibt, die sich als fortgeschrittener und in dem Sinn auch als "entwickelter" sehen als andere, nicht erst im Jahr 1949 aufgekommen. Das ist eine Idee der langen Geschichte des Kolonialismus und der kolonialen Gewalt. Dass "die Anderen", "die Fremden" und "die Kolonialisierten" pädagogisiert und gebessert werden sollen, dass sie mitgenommen werden sollen in eine Modernität oder Fortschrittlichkeit, ist sicher eine Idee, die wesentlich älter ist als die von Entwicklung und Unterentwicklung.

science.ORF.at: Hat sich der Begriff der Entwicklung bzw. der Unterentwicklung seit dem Ende des Kalten Krieges gewandelt?

Hacker: Die Kritik an dieser "Entwicklungsidee" ist sehr massiv geworden. Es gibt theoretische Ansätze, die formulieren, warum diese Idee nicht funktionieren kann, und die zeigen, wo da die Präpotenz des globalen Westens oder Nordens liegt. Ich würde auch keineswegs sagen, dass die Menschen, die in der Praxis der Entwicklungspolitik tätig sind, nicht ebenso die Schwächen dieses ganzen Denkmodells genau sehen.

Im Prinzip kommt es mir manchmal so vor, dass schon niemand mehr "entwickeln" will. Manche Organisationen benennen sich um, nehmen das Wort Entwicklung aus ihrer Überschrift heraus. Denn dass im Namen von Entwicklung ungeheuerliche Fehler passiert sind, das ist zu weiten Teilen auch schon Common Sense.

Das hat das Problem aber nicht gelöst und die internationalen Ungleichheitsverhältnisse nicht verbessert. Ganz im Gegenteil. Ein "Entwicklungsfortschritt" - wenn man dieses Wort überhaupt verwenden will - in dem Sinn, dass es weltweit mehr Gleichheit gibt, gleichen Lohn, weniger Gewaltverhältnisse, davon kann ja nicht die Rede sein.

science.ORF.at: Sie haben in der Vergangenheit auch viel zu Frauenrecht und Frauenbewegungen geforscht. Inwieweit fließt das in Ihre Forschungsarbeit in der Internationalen Entwicklung ein?

Hacker: Für mich sind Ansätze der feministischen Theorien die zentralen Ansätze, mit denen ich arbeite, von denen aus ich Fragen internationaler Ungleichheit und Entwicklungskonzepte betrachte. Das ist für mich einer der Grundpfeiler. Zusammen mit anderen, gut vereinbaren Ansätzen wie postkolonialer Theorie. Ich denke, dass man Ungleichheit, egal ob global oder lokal, nicht verstehen kann, wenn man nicht Ungleichheitsverhältnisse zwischen den Geschlechtern miteinbezieht. Und ich denke, dass man auch historische Kämpfe um mehr Gleichheit, mehr Gerechtigkeit nicht verstehen kann, wenn man nicht sieht, welche Rolle hier internationale Frauenbewegungen in den letzten 200 Jahren gespielt haben.

science.ORF.at: Sie beschäftigen sich generell mit Ungleichheitsverhältnissen in Bezug auf Minderheiten und Rassismus. Gibt es aktuelle Forschungsprojekte, die sich mit diesen Themen in der Entwicklungszusammenarbeit befassen?

Hacker: Ich habe hier am Institut eine Forschungsgruppe mit aufgebaut, die sich arge_bodies_gender_sex nennt. Wir versuchen der Frage nachzugehen, welche Rolle Sexualitäten, Körper und Geschlechterverhältnisse im Entwicklungsdenken oder überhaupt in internationalen Verhältnissen spielen.

Wir verstehen Sexualität auch als eine Strukturkategorie, als eine Markierung, entlang derer auch Machtverhältnisse und Ohnmachtsverhältnisse organisiert werden. Und ich selber arbeite im Moment zu der Frage, in welcher Form Körper in Autobiografien und Memoiren von Entwicklungshelfern und Entwicklungshelferinnen thematisiert werden. Dabei versuche ich mein historisches und mein biografisches Interesse miteinzubringen. Es geht ja auch immer um Körper, die einander begegnen. Die Vorstellung des "kranken", des "faulen", des "schmutzigen", des nicht modernisierten Körpers ist ja auch eine sehr belastete und sehr wichtige Idee in dem Nord-Süd-Konzept. Zuschreibungen wie Aids als afrikanische Krankheit wäre hier ein Stichwort.

science.ORF.at: Wie hat sich die Internationale Entwicklung im universitären Betrieb positioniert?

Hacker: An der Universität Wien haben wir eine Geschichte der stets prekarisierten Positionierung. Es gibt das Studium jetzt ungefähr seit zehn Jahren. Es begann als kleines Projekt. Wir nennen uns jetzt Institut, sind interfakultär organisiert und haben fast 3.000 Studierende. Das heißt, das Interesse und der Zulauf sind sehr groß. Es gibt im deutschsprachigen Raum praktisch kein vergleichbares Studium. Auch deshalb der große internationale Andrang.

science.ORF.at: Wie steht es um die Zukunft des Instituts?

Hacker: Obwohl das studentische und wissenschaftliche Interesse groß ist, steht das Institut von der Finanzierung, von den Ressourcen, von der Infrastruktur, von der ganzen Studienplangestaltung her völlig in Schwebe. Wir wissen nicht sicher, wie es nächstes Jahr aussehen wird. Wir haben keinen regulären Master, wir haben noch einen Bachelor, dessen Abschaffung aber relativ evident vor uns steht. Das heißt, die Studierenden, die heute hier anfangen, wissen nicht wirklich, wie es mit ihnen weitergehen wird. Und das ist natürlich eine sehr schwierige und sehr traurige Situation. Weil die Universität Wien eigentlich stolz sein könnte, ein so attraktives Studium anbieten zu können.

Interview: Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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