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Eine Stradivarigeige

Geiger wollen keine Stradivari

Es ist der Traum jedes Geigers und jeder Geigerin, einmal eine Stradivari zu spielen. Dass dieser Traum der Wirklichkeit nicht standhält, zeigt nun eine Studie unter Profimusikern. Im Blindversuch waren sie von neuen Geigen viel mehr angetan als von den Instrumenten alter Meister.

Musik 03.01.2012

Die Studie:

"Player preferences among new and old violins" Claudia Fritz und Kollegen ist in "PNAS" erschienen (sobald online).

Die Stradivari war überhaupt die unbeliebteste aller Violinen, berichten Forscher um Claudia Fritz vom Institut Jean Le Rond d’Alembert in Paris. Sie mutmaßen, dass die Liebe zu alten Instrumenten eher mit ihrem hohen Preis als mit ihren tatsächlichen Klangeigenschaften zu tun hat.

Die Goldene Zeit des Geigenbaus

Die Zeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert gilt als "Goldenes Zeitalter des Violinenbaus". Zu seinem Ende lebten die bis heute bekanntesten Geigenbauer, beide stammen aus Italien: Antonio Stradivari und Guarneri del Gesù.

Nahezu alle berühmten Geiger seit dem frühen 19. Jahrhundert spielten oder spielen eine Stradivari- bzw. Guarneri-Geige. Die Vermutungen, warum die Instrumente so besonders gut klingen, sind mannigfaltig: Sie reichen von der Verwendung eines speziellen Lacks über die Auswirkungen der kleinen Eiszeit auf das Holz bis zu Form und Biegung der Geige.

Viele Musiker behaupten, am Klang des Instruments sofort erkennen zu können, ob es sich um eine neue oder eine alte Geige handelt. Auch die Musikwissenschaft ist bisher davon ausgegangen, dass Profigeiger Klang und Qualität neuer und historischer Instrumente voneinander unterscheiden können, und das in sehr kurzer Zeit. Nur: Systematisch und empirisch untersucht hat das bisher niemand.

Vergleich von alten und neuen Instrumenten

Ö1 Sendungshinweis:

Die Ö1 Klassiknacht: 6.1, ab 1:03 Uhr, u.a. mit dem Stradivari-Solisten Nikolaj Znaider.

Diese Forschungslücke haben nun Claudia Fritz und ihre Kollegen geschlossen. Sie untersuchten im September 2010 die Vorlieben von 21 Musikern und Musikerinnen aus dem Umfeld des Internationalen Geigenwettbewerbs in Indianapolis, darunter Teilnehmer, Jurymitglieder und Teile des Symphonieorchesters der Stadt im US-Bundesstaat Indiana.

Die Musiker sollten die Qualität von sechs Geigen beurteilen. Drei davon fielen in die Kategorie "neu" und waren maximal ein paar Jahre alt. Zwei der Geigen waren echte Stradivaris und wurden ungefähr in den Jahren 1700 und 1715 gebaut, ein Instrument stammte von Guarneri aus dem Jahr 1740.

In zwei Versuchsreihen hatten nun die Probanden die Aufgabe, ihre Lieblingsgeigen zu finden. Da der Raum, in dem das Experiment stattfand, abgedunkelt war und sie zudem modifizierte Schweißerbrillen trugen, konnten sie die Instrumente optisch nicht identifizieren. Eine geruchliche Beeinflussung wurde dadurch ausgeschlossen, dass die Forscher unter die Kinnstücke aller Geigen eine kleine Menge Duftstoff strichen. Und um den Bedingungen eines Doppel-Blind-Versuchs zu entsprechen, trugen auch Teile der Forschergruppe eine Schutzbrille, mit der sie die untersuchten Violinen nicht identifizieren konnten.

Nicht auseinanderzuhalten

Die Musiker sollten die Qualität der Geigen nach typischen Kategorien beurteilen, u.a. nach Tonfarbe und Spielbarkeit. Sie sollten auch entscheiden, welche der Geigen sie am ehesten mit nach Hause nehmen würden und welche gar nicht. Zudem sollten sie beurteilen, welche von jeweils zwei nacheinander gespielten Geigen die bessere ist.

In den Tests zeigte sich, dass die Musiker die Geigen im Grunde nicht auseinanderhalten konnten. Die neuen Instrumente schnitten sogar besser ab. So entschieden sich zum Beispiel nur acht der 21 Musiker, eine alte Geige mit nach Hause zu nehmen, 13 wählten eine neue.

Die ältere der beiden Stradivaris wurde in beiden Tests gar als das schlechteste Instrument bewertet, die beliebteste Geige war eine aus der Kategorie "neu".

Direkter Klangeindruck

Wie kann es zu diesen Ergebnissen nach Jahrhunderten der Stradivari-Verehrung kommen? Darauf geben die Forscher keine endgültigen Antworten, aber ein paar Hinweise und Einschränkungen ihrer Studienresultate. Die Musiker hatten den Klang direkt beim unmittelbaren Spielen der Instrumente verglichen, sozusagen "unter ihren Ohren": Über den Klangeindruck von Zuhörern in einiger Entfernung lässt sich dadurch nichts aussagen, er könnte aber ein anderer sein und besser für die alten Geigen ausfallen.

Tendenziell, so betonen die Forscher, sei der individuelle Geschmack von Musikern wichtiger als die grundsätzliche Unterscheidung von "alten" und "neuen" Instrumenten. Statt nach dem "Geheimnis" der italienischen Geigenbauer zu suchen, sollte deshalb in Zukunft besser untersucht werden, wie Musiker überhaupt Instrumente bewerten. Es solle geprüft werden, auf welche Merkmale sie besonders Wert legen und wie diese mit messbaren Eigenschaften des Instruments zusammenhängen - egal, ob alt oder neu.

Alles eine Frage des ökonomischen Werts?

Einer dieser Werte ist mit Sicherheit messbar, nämlich der ökonomische. Für eine echte Stradivari werden heute bis zu zehn Millionen Euro auf den Tisch gelegt. Und das könnte zumindest unbewusst das Klangempfinden beeinflussen.

Die Forscher verweisen auf eine frühere Studie, bei der Versuchspersonen die Qualität von Wein beurteilten. Obwohl sie stets den gleichen Wein vorgesetzt bekamen, bewerteten sie ihn unterschiedlich: Je "teurer" er ihnen von den Versuchsleitern verkauft wurde, desto besser war der subjektive Geschmackseindruck.

Das Motto "Je teurer, desto lieber" der Weintrinker könnte auch auf die Profigeiger zutreffen. So sehr ihre Ohren auch spezialisiert und geschult sind: Auch sie könnten sich vom Preiszettel und von der Geschichte eines Instruments beeindrucken lassen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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