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Ein Soldat bewacht ein Hakenkreuz-Enblem

Kriegstrauma vs. Schuld

Das NS-Regime hat nicht nur Millionen Menschen getötet, es hat möglicherweise eine ganze Gesellschaft traumatisiert. Der Schweizer Sozialpsychologe Markus Brunner weist in einem Gastbeitrag auf eine Schwierigkeit hin: Das Sprechen über dieses kollektive Trauma könnte dazu missbraucht werden, das Leid der Opfer zu relativieren.

NS-Zeit 09.01.2012

Traumatisierte "Täternation"?

Von Markus Brunner

In den letzten Jahren hat nicht nur der Begriff des Traumas einen Aufschwung erfahren, sondern damit einhergehend auch die Idee, dass angesichts erschütternder historischer Ereignisse ganze Gesellschaften traumatisiert seien.

Proträtbild Markus Brunner

Markus Brunner

Zum Autor:

Markus Brunner studierte Sozialpsychologie und Soziologie in Zürich und Hannover, ist Mitglied des Koordinationsteams der Hannover Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie und Lehrbeauftragter an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien.

Zur Zeit arbeitet er als Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien an seiner Dissertation, in der er sich kritisch mit dem Begriff des "kollektiven Traumas" auseinandersetzt.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 9.1. hält Markus Brunner einen Vortrag mit dem Titel "Die Volksgemeinschaft als Trauma-Schiefheilungsangebot".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Publikationen:

Markus Brunner, Jan Lohl, Rolf Pohl & Sebastian Winter (Hg.) (2011): Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus. Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Nationalsozialismus und seiner Nachwirkungen. Gießen (Psychosozial).

Markus Brunner & Jan Lohl (Hg.) (2011): Unheimliche Wiedergänger? Zur Politischen Psychologie des NS-Erbes in der 68er-Generation. Psychosozial Bd. 124, 34. Jg.

Einen solchen Traumadiskurs gibt es, bezogen auf den Zweiten Weltkrieg, auch in Deutschland: Seit der Zeit um die Jahrtausendwende wird in Zeitschriften, in einer Flut von populärwissenschaftlichen Büchern und Autobiographien, im Kino, aber auch in wissenschaftlichen Publikationen über die verheerenden seelischen Auswirkungen des alliierten Luftkriegs, von Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und von den Fronterfahrungen der Soldaten der Wehrmacht gesprochen.

Dabei wird implizit oder explizit die These vorgebracht, dass quantitativ gesehen wohl die meisten Deutschen – gemeint sind die nicht aus der ehemaligen nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" ausgeschlossenen Deutschen – durch die Kriegsgeschehen traumatisiert wurden, viele von ihnen bis an ihr Lebensende unter ihrem Trauma litten und diese massenhaften Traumatisierungen auch die Mentalität der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft geprägt hätten.

"Neuer deutscher Opferdiskurs"

Wie KritikerInnen gezeigt haben, ist diese Debatte nicht immer nur von einem wirklichen Interesse für das Leid von Menschen geprägt, sondern dient auch dazu, andere Realitäten auszublenden oder anderes Leid zu relativieren.

So wird erstens die vielschichtige, von positiven wie negativen Gefühlen geprägte psychosoziale Wirklichkeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs auf die Gewalterfahrungen reduziert. Zweitens werden über den Trauma- und den Opferbegriff die Erfahrungen der ehemaligen Angehörigen der "Volksgemeinschaft" mit denjenigen der aus dieser Ausgeschlossenen und von ihr Verfolgten parallelisiert, was Differenzen in den Hintergrund rücken lässt.

Der "neue deutsche Opferdiskurs" lässt sich so auch als Neuauflage alter Aufrechnungsdiskurse und Täter-Opfer-Relativierungen lesen, die durch die Unterfütterung durch den Traumabegriff neuen Aufwind erhalten.

Trotzdem lässt sich nicht von der Hand weisen, dass viele "Volksgenossen" und "Volksgenossinnen" im Krieg extremen Gewalterfahrungen ausgesetzt waren, welche auch traumatische Folgen haben konnten. Wie lässt sich also über dieses Leid sprechen, ohne problematischen Opferdiskursen Vorschub zu leisten oder es mit dem das Leid von KZ-Überlebenden gleichzusetzen?

Trauma als kontextabhängiger Prozess

Der Traumabegriff wuchert m.E. deshalb so, weil ihm eine hohe Suggestivkraft innewohnt: Das Trauma ist ein "Einbruch des Realen"; eine erschütternde Realität bricht über die Menschen herein, die sie zusammenbrechen lässt.

Diese Erfahrung wird psychisch abgespalten, bleibt unverändert als stets präsente Vergangenheit bestehen und kann die Betroffenen in Form von Flashbacks immer wieder überrollen oder prägt leise als depressive Tönung ihr ganzes Leben.

Mit dem Verweis auf ein Trauma scheint sich fast alles erklären zu lassen: melancholische wie manische Zustände, Stummheit wie laute Aggressionsausbrüche, Vermeidungsstrategien wie Wiederholungszwang. Gleichzeitig tragen die Menschen für ihr Verhalten, das als bloßer Effekt eines äußeren Ereignisses vorgestellt wird, keine Verantwortung.

Übersehen wird in einer so einfachen Konzeption des Traumas, dass das Trauma als Prozess verstanden werden muss und Traumaprozesse sehr unterschiedlich verlaufen können. Wie sie verlaufen, hängt auch vom sozialen und psychosozialen Kontext ab.

Sinn stabilisiert die Psyche

Erstens ist das Trauma ein relativer Begriff: ob ich bei einer Gewalterfahrung zusammenbreche, hängt von meiner vorherigen psychischen Verfassung ab. Untersuchungen haben beispielsweise gezeigt, dass sehr religiöse KZ-Überlebende weniger starke spätere Symptome zeigten als weniger religiöse.

Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und die Möglichkeit, dem Erlittenen einen Sinn zuzuschreiben, hatten eine nachhaltig stabilisierende Wirkung. Zweitens lassen sich aber auch nachträglich der psychische Zusammenbruch und die überwältigende, traumaspezifische "namenlose Angst" wieder auffangen.

Ernst Simmel, ein deutscher Militärarzt im Ersten Weltkrieg, ließ traumatisierte Soldaten gegen eine lebensgroße Puppe kämpfen, welche einen feindlichen Krieger verkörperte. Die Symptome verschwanden; die Angst konnte in Form von Aggressionen abreagiert und imaginär konnte der Respekt der Truppe wieder erworben werden.

Die NS-Ideologie als "Schiefheilungsangebot"

Diese Kontextualisierungen ermöglichen auch einen anderen Blick auf die Traumatisierung der "Volksgenossen" und "Volksgenossinnen". Während in den ersten Kriegsjahren die militärischen Erfolge der deutschen Wehrmacht die Identifikation mit dem Regime steigen ließ und sich die "Volksgemeinschafts"gefühle verstärkten, wuchs v.a. gegen Kriegsende die antisemitische Stimmung drastisch.

Victor Klemperer spricht davon, dass sich jüdische Zwangsarbeiter, die in den bombardierten Städten die Trümmer beseitigen und Blindgänger entschärfen mussten, vor der Lynchjustiz der Zivilbevölkerung fürchten mussten. Dass Kollektiv- und Feindbildungsprozesse der Abwehr von Angst dienen, ist der Sozialpsychologie schon längst bekannt.

Konnten die von der NS-Ideologie zur Verfügung gestellten Schablonen aber nicht auch dazu dienen, gegen traumatische Angstzustände und Zusammenbrüche zumindest tendenziell zu immunisieren oder aber diese nachträglich wieder aufzufangen?

Sowohl die Vorstellung der "Volksgemeinschaft" wie die antisemitische Wahrnehmung, der Krieg sei die Folge eines "jüdischen Vernichtungswunsches gegen das deutsche Volk", produzierten Sinn und gaben psychischen Halt.

Es bedürfte sicher weiterer historischer Untersuchungen, bis wann und von wem das Angebot der NS-Propaganda zur "Schiefheilung", wie Freud diese massenpsychologische Verarbeitung oder Abwehr von innerpsychischen Konflikten nannte, angenommen wurde. Aber Tagebücher und Feldbriefe von Kindern und Erwachsenen legen solche Dynamiken, also die Verknüpfung von Gewalterfahrungen und NS-Ideologie, zumindest nahe.

Sprechen über das Leiden

Das heißt nicht, dass es kein Leiden gab und dass nicht von Traumatisierungen gesprochen werden soll. Spätestens mit der Kapitulation wurde die möglicherweise Halt gebende NS-Ideologie zumindest entwertet. Aber es wird klar, dass über die Traumatisierungen nicht gesprochen werden kann, ohne den spezifischen Verarbeitungskontext mit zu thematisieren.

So kann nicht nur Opfer-Täter-Relativierungen begegnet werden, sondern eine solche Perspektive wird auch klinisch-therapeutisch relevant: Wer an den Kern des Traumas, die überwältigenden Angst- und Hilflosigkeitsgefühle herankommen will ohne mögliche Schiefheilungsstrategien und ihre Wandlungen durchzuarbeiten, gerät in Gefahr, auch die alten Feindbildungsmechanismen wieder zu reaktivieren.

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