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Bunte Punkte und Kreise vor dunklem Hintergrund

Ein Gehirn auf "Pilz-Trip"

Wird das Gehirn durch "Zauberpilze" ("Magic Mushrooms") in einen Rauschzustand versetzt, verändern sich Durchblutung und Reizweitergabe massiv. Dabei gehen Intensität der Gehirnveränderungen und Heftigkeit der Halluzinationen parallel. Britische Forscher erstellten eine Landkarte eines Gehirns auf Pilz-Trip.

Neurowissenschaften 24.01.2012

David Nutt vom Imperial College London und seine Kollegen verabreichten Versuchspersonen die in Pilzen enthaltene psychotrope Substanz und verfolgten mit funktioneller Magnetresonanztomografie die Veränderungen. Die Beobachtungen würden auch erklären, warum der - vom Arzt kontrollierte - Einsatz von Psilocybin, so der Name des halluzinogenen Inhaltsstoffs, gegen Depressionen helfen kann.

Die Studie:

"Neural correlates of the psychedelic state as
determined by fMRI studies with psilocybin" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen (DOI: 10.1073/pnas.1119598109).

"Ich sehe komische Muster"

Der Konsum von hallzinogenen Pilzen hat eine lange Tradition. So gibt es schon Berichte von den Azteken, die sich vor wichtigen Zeremonien mit den Pilzen berauschten. 1957 machte der Ethnologe Gordon Wasson die "magic mushrooms" durch einen Artikel im Westen bekannt - und abseits des gefährlichen Missbrauchs wurden sie immer wieder in der Psychotherapie eingesetzt, um "die Bewusstseinsebene zu erweitern". Trotz der vielen "Erlebnisberichte" ging bisher aber niemand den Veränderungen im Gehirn auf den Grund.

Das wollte der Psychiater David Nutt, der auch schon die britische Regierung zu Drogenfragen beraten hat, ändern. Er lud deshalb insgesamt 30 Männer und Frauen, die mit Halluzinogenen bereits Erfahrungen gesammelt hatten, zu einem Experiment ein. Zuerst wurde an 15 Personen überprüft, ob sich der Blutfluss im Gehirn verändert. Die Testpersonen bekamen eine Spritze mit Psilocybin. Die Intensität der Halluzinationen konnten sie während und nach dem Trip durch Knopfdruck bewerten.

Die Versuchspersonen spürten die stärkste Reaktion zirka vier Minuten nach der Injektion. Als typische Auswirkungen der Droge wurde beschrieben: "Ich sehe ungewöhnliche Veränderungen meiner Umwelt", "Ich sehe geometrische Muster", "Ich nehme meinen Körper ungewöhnlich wahr" oder "Meine Vorstellungen sind besonders lebhaft".

Gehemmter Blutfluss

Die begleitende Magnetresonanztomografie zeigte, dass sich auch die Durchblutung des Gehirns veränderte: Besonders in Regionen, die für Assoziationen zuständig sind wie dem Posterioren Cingulaten Cortex, konnte ein starker Rückgang der Durchblutung beobachtet werden. Die Forscher glichen Selbstbeschreibung und fMRI-Bilder mit einander. Das Ergebnis: Je intensiver die Halluzinationen beschrieben wurden, desto stärker war auch der Blutfluss gehemmt.

Die Regionen mit reduziertem Sauerstoffgehalt wurden blau eingefärbt.

PNAS

Die Regionen mit reduziertem Sauerstoffgehalt wurden blau eingefärbt.

Ein ähnliches Resultat zeigte auch die Untersuchung des Sauerstoffgehalts des Bluts. Wieder nahm die Sauerstoffsättigung in jenen Regionen des Gehirns besonders stark ab, die mit den auftretenden Halluzinationen in Verbindung gebracht werden, besonders im mittleren präfrontalen Cortex, dem Putamen und dem Subthalamus.

Keine Selbstexperimente

"Psilocybin verringert die Durchblutung wichtiger Teile des Gehirns substanziell", fassen die Forscher zusammen. Da dem Posterioren Cingulaten Cortex eine wichtige Rolle bei der Bildung von Bewusstsein und solchen Konstrukten wie dem "Ich" bzw. dem "Ego" zugeschrieben wird, können die von den Versuchspersonen beschriebenen Bewusstseinsänderungen direkt von den Modifikationen in diesem Teil des Gehirns kommen.

Die Ergebnisse der Forscher passen auch zu jüngsten Überlegungen, Psilocybin in der Behandlung psychischer Erkrankungen einzusetzen. Bei Depression etwa sind jene Teile des Gehirns überaktiv, deren Durchblutung das Halluzinogen reduziert. Das würde erklären, warum Betroffene schon nach kurzer Behandlung von einer Besserung berichten. Dazu bräuchte es aber noch weitere Forschungsarbeiten, betonen David Nutt und Kollegen. Und vor allem: keine Selbstexperimente.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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