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Diplomarbeit: 100 Prozent Zitate

Als der Philosoph Herbert Hrachovec die Diplomarbeit eines seiner Studenten bekam, glaubte er seinen Augen nicht: Kein einziges Zitat war gekennzeichnet. Auf seinen empörten Protest erklärte ihm sein Student, dass die gesamte Arbeit nur aus Zitaten bestehe - und sie deshalb auch nicht hervorgehoben werden müssten.

Wissenschaftliches Schreiben 10.02.2012

Hrachovec schildert in einem Gastbeitrag, wie er mit dieser Infragestellung des wissenschaftlichen Selbstverständnisses umgegangen ist.

Die ganze Arbeit ist ein Plagiat

Von Herbert Hrachovec

Worte haben ihre eigene Geschichte. "Missbrauch" bezeichnete bis vor kurzem Amtsmissbrauch und (nach Duden) nur selten "Vergewaltigung, Notzucht". "Plagiat" bezog sich auf eine Kuriosität, die vorzugsweise Bibliothekare und Historikerinnen interessierte. Die undokumentierte Übernahme fremder Textpassagen in wissenschaftliche Arbeiten war verpönt und angesichts der oft überschaubaren Quellenlage auch nicht geraten. (Natürlich kam es vor, dass z.B. eine in Griechenland geschriebene Dissertation von einem Wiener Wissenschaftler stillschweigend übersetzt und großteils abgeschrieben wurde.)

Herbert Hrachovec

Privat

Der Autor

Herbert Hrachovec ist außerordentlicher Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien.

Kontroversen, ausgelöst durch die Doktorarbeiten von Johannes Hahn und Karl Theodor zu Guttenberg, haben die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Detail der wissenschaftlichen Methode gelenkt, das freilich für ein Grundprinzip der Geisteswissenschaften steht. Textausschnitte unzitiert zu übernehmen ist verpönt, weil es die Leserin der Orientierung beraubt. Es ist, als ob am Bauernmarkt Produkte aus Peru als Marchfelder Spargel ausgegeben würden. Das Verbot des Plagiats soll die Integrität der wissenschaftlichen Leistung sicherstellen.

Ein Super-Guttenberg

Einige Zeit vor den Plagiatsdebatten, im Jahr 2000, approbierte ich eine Diplomarbeit aus Philosophie, die ausschließlich aus Zitaten bestand, welche im Text nicht nachgewiesen waren. Kein einziger Satz dieser Einreichung stammte vom Autor selbst. Als ich den ersten Entwurf sah, kamen mir Passagen bekannt vor und ich forderte (empört) korrekte Zitation. Groß war die Überraschung, als ich erfuhr, dass der gesamte Entwurf aus fremdem Material zusammengesetzt war. Ich hatte nur die offensichtlichsten Beispiele bemerkt. Ein Super-Guttenberg avant la lettre?

Die Sache ist komplizierter und kratzt an einer Selbstverständlichkeit des Wissenschaftsbetriebs. Der Titel der projektierten Arbeit lautete "Cento. Die Welt im Zitat". Cento heißt lateinisch Flickwerk und bezieht sich im übertragenen Sinn auf ein literarisches Genre, das vorwiegend in der Spätantike auftritt. Es handelt sich um Kunstwerke, die aus lauter Übernahmen aus anderen Werken bestehen. Walter Benjamin hat einmal die Absicht geäußert, ein Werk aus lauter Zitaten zu verfassen. Die Zumutung des Studenten knüpfte an diesen Aphorismus an. Wenn es ausschließlich Zitate sind, ohne zugrundliegenden Text, dann könnte man doch im Prinzip auch ihre Markierung als Zitat weglassen. Sie unterscheiden sich nichtmehr von einem Haupttext.

Covern und recyclen

Die Idee ist provokant und zeitgemäß. Firmen wie Gabarage oder Freitag werden für das Recycling von Rohstoffen gelobt. Niemand kann glauben, dass unablässig neue, originelle Sätze geschrieben werden. Cover-Versionen und found footage sind gängige Strategien der Medienproduktion. Die Prärogative der Autorin werden durch dekonstruktive Analysen zerlegt.

Man kann, wie Marie Okáčová in einem literaturwissenschaftlichen Beitrag ausführt, in der Praxis des Centos einen hochaktuellen Beitrag zur "Intertextualität" sehen. Literarische und wissenschaftliche Produktion ist immer auf - oftmals gar nicht greifbare - Voraussetzungen und Einflüsse angewiesen.

Irritierende Namenlosigkeit

Ein überzeugendes Argument gegen dieses postmoderne Experiment entdeckte ich erst Jahre später, im Zusammenhang mit dem kooperativen Schreiben in Wikis. Warum soll zu einem Beitrag, der von allen Teilnehmerinnen bearbeitet und verändert werden darf, die ursprüngliche Autorin angegeben werden? Wir versuchten, ohne die Zuschreibung auszukommen, doch das erwies sich als ausgesprochen irritierend. Worauf soll jemand antworten, wenn zwei (oder mehrere) Bearbeitungen eines Textes ineinanderfließen? Was geschieht, wenn eine Person sich auf die Äußerungen einer anderen beziehen will? Wer erklärt im Zweifelsfall, ob eine Passage ironisch gemeint war? Für wissenschaftliche Zwecke eignet sich diese Vorgangsweise überhaupt nicht.

Transparente Lösung

Der Text mit den darüber gelegten Quellennachweisen.

Herbert Hrachovec

Der Originaltext mit dem darüber gelegten Transparentpapier

Wie geht die Geschichte vom Totalplagiat einer Diplomarbeit weiter? Der Student wollte dem Eindruck eines Cento möglichst nahe kommen, der Gutachter musste auf Standards des korrekten Zitierens bestehen. Das Ergebnis des Tauziehens war eine salomonische Lösung. Die Arbeit enthält auf den ersten Blick keine Zitate. Sie reiht die Fundstücke aneinander und erweckt den Anschein, es handle sich um einen durchgehenden Text. Zwischen den Seiten liegt jeweils ein Blatt Transparentpapier. Auf ihm sind die Fundstellen so verzeichnet, dass sie sich auf den Ort legen, an dem eine Fußnote zu erwarten wäre. Mir graut vor dem Gedanken, wie man diese Konstruktion durch die neuerdings eingeführten Plagiatsprüfungen bringen könnte.

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