Standort: science.ORF.at / Meldung: "Hang zum Alkoholismus am Gehirn ablesbar"

Wodkaflasche und drei Schnapsgläser

Hang zum Alkoholismus am Gehirn ablesbar

Alkoholmissbrauch verursacht mehr Todesfälle als Aids, Tuberkulose und Malaria. Laut einer Studie lässt sich die Affinität zum Alkohol an den Hirnströmen ablesen: Bei Trinkern sind die Kontrollareale für Risikoverhalten weniger aktiv.

Studien 16.02.2012

Devi Sridhar, Gesundheitsforscherin an der University of Oxford, läutet in der aktuellen Ausgabe von "Nature" die Alarmglocken. Jährlich würden 2,5 Millionen Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums sterben - das seien vier Prozent aller Todesfälle weltweit, schreibt sie in einem Kommentar. Der Missbrauch des Alkohols sei in Ländern mit mittlerem Einkommen (die fast die Hälfte der Weltbevölkerung stellten) der größte Risikofaktor für den Verlust an Lebensjahren.

Sridhar nimmt angesichts dieser Zahlen die Weltgesundheitsorganisation WHO in die Pflicht. Sie solle ein Abkommen erlassen, ähnlich jenem für die Kontrolle des Tabakkonsums. "Die WHO ist das einzige Organ für globale Gesundheit, das rechtlich verbindliche Konventionen erlassen kann." Globale Abkommen seien in den letzten 60 Jahren lediglich zwei Mal erlassen worden, kritisiert sie: "Das ist eine große verpasste Gelegenheit."

Geschwächte Risikokontrolle

Studien

"Health policy: Regulate alcohol for global health", Nature (doi: 10.1038/482302a).

"Neural Processes of An Indirect Analog of Risk Taking in Young Nondependent Adult Alcohol Drinkers—An fMRI Study of the Stop Signal Task" Alcoholism: Clinical & Experimental Research(doi: 10.1111/j.1530-0277.2011.01672.x).

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 16.2., 13:55 Uhr.

Derweil Sridhar in globalen Zusammenhängen argumentiert, haben Wissenschaftler von der Yale University das Problem aus organischer Perspektive beleuchtet. Die neurologische Studie an 41 jungen Frauen und Männern stellt einen Zusammenhang zum Risikoverhalten her. Die Forscher untersuchten die Aktivität zweier Hirnregionen - nämlich des Nucleus caudatus und des frontalen Cortex, die laut früheren Studien besonders in riskanten Situationen aktiv werden.

Bei jenen Probanden, die Befragungen zufolge tiefer ins Glas schauten, war die Aktivität allerdings messbar vermindert. "Stärkere Trinker zeigen in diesen Bereichen geringere Reaktionen", sagt Studienleiter Chiang-shan Li. "Vermutlich deshalb, weil es sie weniger Überwindung kostet, sich auf ein Risiko einzulassen." Wie Li und Kollegen im Fachblatt "Alcoholism: Clinical & Experimental Research" schreiben, sei der Effekt vor allem bei Frauen ausgeprägt.

Jugendliche besonders gefährdet

In der gleichen Ausgabe des Journals berichten Forscher von den neurologischen Pfaden zum Suchtverhalten. Jugendliche sind demnach besonders gefährdet, sich ein problematisches Verhältnis zum Alkohol anzueignen. Der Grund dafür liege in den unterschiedlichen Reifungsperioden der verantwortlichen Hirnzentren, schreibt Sara Peters von der Universität Nijmegen.

Denn während der Alkohol bereits in der Pubertät die volle emotionale Wirkung entfalte, seien die Motivations- und Kontrollzentren in diesem Alter noch nicht komplett entwickelt: "Bei Heranwachsenden ist die Gefahr besonders hoch, dass die Balance zwischen Impuls und Kontrolle verloren geht." Zur Vorbeugung votiert Nijmegen für eine Old-School-Maßnahme: strikte Regeln im Elternhaus. "Je mehr Regeln es gibt, desto geringer fällt der Alkoholkonsum aus. Das ist durch Studien klar belegt."

Robert Czepel, science.ORF.at

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