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Illustration von Galaxien und Molekülen im All.

Jabberwocky erklärt das Universum

Eine kuriose Theorie sorgt in der Wissenschaftsgemeinde für Aufsehen. Sie erklärt nach Ansicht ihres Erfinders das Verhalten der Elementarteilchen, die Entstehung des Mondes und den Ursprung des Lebens. Kritiker sagen: Sie erklärt nichts - sie ist nicht einmal falsch.

Mad Science? 20.02.2012

Am 23. Dezember 2011 erschien im Open-Access-Journal "Life" eine Arbeit mit dem Titel "Theory of the Origin, Evolution, and Nature of Life". Das hat den Sound von Douglas Adams, auch thematisch scheint Studienautor Erik Andrulis auf den Spuren des britischen Science-Fiction-Autors zu wandeln. Seine Theorie handelt tatsächlich vom Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

Vergeblich haben Physiker nach einer "Theory of Everything" gesucht. Eine Supertheorie, die Quantentheorie und Gravitation vereinigt, die Grundkräfte der Welt unter einem gemeinsamen Dach versammelt - und idealerweise alle anderen Theorien als Spezialfälle beinhaltet. Groß war daher die Überraschung, dass nun ein Molekularbiologe von der Case Western University den Heiligen Gral der Wissenschaft im Alleingang gefunden hat - beziehungsweise: gefunden haben will.

Die Gyrustheorie für Alles

Denn seine 105 Seiten starke Arbeit mit rekordverdächtigen 800 Zitaten überfordert selbst den geneigten Leser, zu neu, zu radikal ist ihre Sprache. Was sie wirklich bedeutet, wenn sie denn überhaupt etwas bedeutet, ist gelinde gesagt noch präzisierbar. Die Grundidee ist jedenfalls folgende: Das Universum, vom subatomaren Teilchen bis zum Menschen, besteht aus helikalen Elementarstrukturen, genannt "gyre" (das englische Äquivalent des lateinischen "gyrus").

Diese "gyres" transformieren Materie, Energie und Information und bringen auf diese Weise die Vielfalt aller Dinge in die Welt, Elementarteilchen, Moleküle, Lebewesen, alles eben. Das hat erstaunliche Konsequenzen. Andrulis zufolge ist nämlich die gesamte Materie lebendig. Zitat: "Diese Theorie zeigt, dass die Erde lebt - wie jedes andere physikalische System."

Was sind die "gyres"? Nun, das ist schwer zu sagen. Laut Andrulis handelt es sich dabei um "ein nicht-mathematisches Kernmodell", gleichwohl um ein offenbar leistungsfähiges: Denn es löst nach Ansicht des Autors nicht nur physikalische Grundlagenprobleme, es erklärt auch die Entstehung des Mondes, den Triplet-Code der DNA, die Chiralität von Zuckern und Aminosäuren ... Chapeau!

Auf der Suche nach dem Sinn

Um all diese Bereiche abzudecken, braucht es freilich eines vielfältigen Vokabulars. Was Neologismen betrifft, ist Andrulis wirklich gut. Ein Ausschnitt aus dem Glossar seiner Arbeit:

Screenshot Lexikon

ORF

Ob es sich um den genialen Wurf eines Revolutionärs handelt oder um eine gyrologische Störung in Form eines wissenschaftlichen Papers, wird seit der Veröffentlichung in diversen Weblogs diskutiert. Die meisten neigen der zweiten Variante zu, obwohl Andrulis bisher durchaus vernünftige Arbeiten aus dem RNA-Bereich abgeliefert hat.

Ein Hoax?

Wie dem auch sei, das Problem an der Theorie ist: Sie ist nicht testbar. Ihr empirischer Gehalt konvergiert gegen Null. Letztlich leere Rede mit 800 Literaturverweisen. Der US-Biologe Paul Zachary Myers fühlt sich in einem Blogbeitrag an das Nonsense-Gedicht "Jabberwocky" von Lewis Carroll erinnert. Dort heißt es:

Twas brillig, and the slithy toves
Did gyre and gimble in the wabe;
All mimsy were the borogoves,
And the mome raths outgrabe.

Ein Zufall? Vielleicht hat sich Andrulis ein Beispiel an Alan Sokal genommen und versucht nun die Naturwissenschaften mit einem Hoax zu unterwandern? Dafür würde sprechen, dass er beispielsweise eine theoretische Entität namens "Ohiogyre" in seine Theorie aufgenommen hat, das kann eigentlich nur ein Scherz sein. Andererseits ist der Tonfall der Arbeit seriös gehalten, der Autor will offenkundig ernst genommen werden. Doch: Ein guter Hoax muss ernsthaft sein (siehe Sokal), ansonsten funktioniert er nicht.

Lasches Peer Review

Erstaunlich jedenfalls, dass die Arbeit das Peer Review der Zeitschrift "Life" passiert hat. Sie wurde also vor der Publikation von Fachkollegen gelesen (und offenbar auch verstanden). Nachdem Medien kritisch über den Artikel berichtet haben, sind Mitglieder des Editorial Boards zurückgetreten, etwa der Geochemiker Stephen Mojzsis. Auch an der Western Case University hat man reagiert: Eine auf der Uni-Website publizierte Pressemitteilung wurde mittlerweile wieder offline genommen (sie ist noch hier nachzulesen).

Bliebe noch zu klären, was Andrulis mit seiner Publikation bezwecken wollte. Auf seiner Website schreibt er: "Ich habe kürzlich eine inkommensurable, transdisziplinäre, neologistische, axiomatische Theorie des Lebens von der Quantengravitation bis zur lebenden Zelle entwickelt."

Robert Czepel, science.ORf.at

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