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Die Blüten einer Pflanze, die aus einem 30.000 Jahre alten Vorfahren entstanden ist.

30.000 Jahre alte Pflanze "wiederbelebt"

In einem Eichhörnchenbau im ewigen Eis von Sibirien haben Forscher eine große Ansammlung von Pflanzensamen gefunden. Nach anfänglichen Misserfolgen gelang ihnen mit Samen eines Leimkrauts der Durchbruch: Die Pflanze trieb nach 30.000 Jahren Wurzeln und erblühte sogar.

Botanik 21.02.2012

Einen noch früheren Einblick in die Pflanzenwelt als die Forscher um David Gilichinsky von der Russischen Akademie der Wissenschaften bietet ein Team aus chinesischen und US-amerikanischen Paläobotanikern: In der Inneren Mongolei wurde ein durch Vulkanasche konservierter Wald entdeckt. Die Abdrücke der Pflanzen sind so reich an Details, dass ein Bild eines Waldes vor 300 Millionen Jahren rekonstruiert werden konnte.

Die Studien:

"Regeneration of whole fertile plants from 30,000 year old fruit tissue buried in Siberian permafrost" (DOI:10.1073/pnas.1118386109) und "A Permian vegetational Pompeii from Inner Mongolia and its implications for landscape paleoecology and paleobiogeography of Cathaysia" (DOI:10.1073/pnas.1115076109) erscheinen in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Emsig, aber vergesslich

Eichhörnchen sind im Herbst ständig im Stress: Permanent sind sie auf der Suche nach Essbarem, das sie in ihren Verstecken vergraben, um es bei Nahrungsmangel im Winter wieder hervorholen zu können. Leider sind Eichhörnchen aber nicht nur emsig beim Sammeln, sondern auch beim Vergessen. An die meisten Verstecke können sie sich einfach nicht mehr erinnern, was wiederum von großem Vorteil für die Pflanzenwelt ist. Denn dadurch können manche der gebunkerten Samen wieder keimen und für den Bestand ihrer Art sorgen.

Eine Pflanze, die aus 30.000 Jahre altem Samen entstanden ist.

David Gilichinsky

Diese Silene stenophylla entwickelte sich aus einem 30.000 Jahre alten "Vorfahren".

So ähnlich lief es wohl auch im Fall von Silene stenophylla, einem Leimkraut, ab - aber mit einem wichtigen Zwischenschritt: Denn zwischen dem Verfrachten der Samen in eine Eichhörnchenhöhle und dem Austreiben der Wurzeln lagen 30.000 Jahre. Die Eichhörnchenhöhle wurde nämlich durch den sibirischen Permafrost verschlossen. Unter Permafrost versteht man eine Eisschicht, die mehrere hundert Meter dick werden kann und rund 20 Prozent der Erdoberfläche bedeckt.

Permafrostboden als reiche Lagerstätte

In einer Tiefe von 38 Metern wurden die russischen Forscher im Nordosten Sibiriens fündig und entdeckten Samenanlagen mehrerer Pflanzen. Zu Beginn waren ihre Versuche, aus den alten Samen neue Pflanzen zu züchten, nicht erfolgreich. Einzelne Samen begannen zwar zu keimen, trieben aber keine Blätter bzw. Blütenstände aus. Aus früheren Studien wussten die Forscher, dass Silene stenophylla besonders widerstandsfähig ist, weshalb sie ihr Glück mit den zahlreichen Samen dieser Art versuchten.

Sie entnahmen aus noch unreifen Früchten der Pflanze embryonales Gewebe und entwickelten daraus zunächst im Labor kleine Setzlinge. Diese pflanzten sie ein - die Gewächse entwickelten sich prächtig, blühten sogar im zweiten Jahr und produzierten wiederum Samen. Die Forscher freuen sich nicht nur, mit den Pflanzen den "ältesten, vielzelligen, lebenden Organismus" in Händen zu halten, sondern auch das besondere Potenzial des Permafrostbodens belegen zu können "als Lagerstätte für Leben, das längst von der Erde verschwunden geglaubt schien".

Ein Wald vor 300 Millionen Jahren

Eine künstlerische Darstellung des durch Asche verschütteten Waldes.

Ren Yugao

Eine künstlerische Darstellung des durch Asche verschütteten Waldes.

Hängt man an die 30.000 Jahre, die das Leimkraut in Sibirien am Buckel hat, noch vier Nullen dazu, bewegt man sich in jenen Zeiten, die sich Jun Wang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und Hermann Pfefferkorn von der University of Pennsylvania bei ihren Untersuchungen präsentierte. Die beiden Paläobotaniker haben in der Nähe von Wuda in der Inneren Mongolei einen durch Vulkanasche konservierten, 300 Millionen Jahre alten Wald entdeckt und 1.000 Quadratmeter davon untersucht.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die nach 30.000 Jahren wieder wachsende Pflanze berichtet auch "Wissen Aktuell" am 21. Februar 2012 um 13.55 Uhr.

Den Zustand der Funde beschreiben die Forscher als "vergleichbar mit jenen in Pompei", bis hin zu Abdrücken der Blätter, Äste und Stämme ist vieles detailgetreu erhalten geblieben. Aufgrund dieser Qualität gelang es den Wissenschaftlern, insgesamt sechs Baumarten zu bestimmen, darunter niedrige Baumfarne und höher wachsende baumartige Samenpflanzen. "So wie Pompei einen Einblick in die römische Kultur und Lebensweise gibt, liefern uns die Funde in China einen Eindruck, wie es in diesem Teil der Erde vor 300 Millionen Jahren ausgesehen hat", erklärt Hermann Pfefferkorn in einer Aussendung der Universität Pennsylvania. Eine Aussage über klimatische Veränderungen seit damals seien aber nicht möglich, dazu bräuchte man weitere verschüttete Wälder zum Vergleich.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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