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Explosion im japanischen Kernkraftwerk Fukushima

Große Tragödie, aber nicht durch Reaktor

Der Ausfall der Kühlsysteme im Atomreaktor Fukushima Daiichi war das schwerstmögliche Unglück, das einem Kraftwerk dieser Bauart passieren kann. Trotzdem wurde die wahre Tragödie durch Erdbeben und Tsunami ausgelöst, die Rolle der Radioaktivität blieb relativ klein, meint Georg Steinhauser vom Atominstitut der TU Wien.

Fukushima-Jahrestag 07.03.2012

Wie er die Zukunft der Antomenergie sieht, warum er jederzeit Lebensmittel aus einem japanischen Supermarkt verzehren würde und weshalb noch immer Radioaktivität austritt, obwohl die Situation unter Kontrolle ist, erklärt der Radiochemiker im science.ORF.at-Interview.

Georg Steinhauser

TU Wien

Georg Steinhauser arbeitet als Strahlenphysiker am Atominstitut der Technischen Universität Wien.

science.ORF.at: Am 11. März jähren sich das Erdbeben und der Tsunami vor Japan, die zum Atomunfall von Fukushima führten. Welche Bilanz ziehen Sie im Rückblick?

Georg Steinhauser: Eine große Tragödie und eine menschliche Katastrophe, die fast ausschließlich auf das Konto von Erdbeben und Tsunami gehen. Die Folgen der Radioaktivität erachte ich als vergleichsweise gering.

Wie schwer war das Unglück von Fukushima tatsächlich? Es wurde ja im April 2011 auf Stufe 7 gehoben, also gleich eingestuft wie Tschernobyl.

Tschernobyl war ohne jeden Zweifel das schwerste Unglück eines Kernreaktors, das wir bisher erlebt haben, und Fukushima das zweitschwerste. Aber zwischen den beiden Ereignissen ist doch ein großer Unterschied. Allein wenn man die Zahl der Toten betrachtet: In Tschernobyl starben schon unmittelbar nach dem Unglück rund 50 Menschen - Soldaten und Freiwillige, die hinein geschickt wurden. In Fukushima gibt es bis heute keine Toten durch das Reaktorunglück.

Wurde die Schwere der Havarie von den Experten unterschätzt? Es gab etwa schon am 13. März Wortmeldungen von Atomphysikern, dass wohl in zwei bis drei Tagen Entwarnung gegeben werden könnte. Letztlich dauerte es bis Dezember 2011, bis die japanische Regierung offiziell bekannt gab, dass die Reaktoren wieder unter Kontrolle seien und sich im Zustand der Kaltabschaltung befänden.

Das Unglück von Fukushima:

Am 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9,0 den Nordosten Japans und löste einen verheerenden Tsunami aus. Die Stromversorgung und das Kühlungssystem des an der Küste gelegenen Atomkraftwerks Fukushima Daiichi rund 220 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokio wurden beschädigt. Die Brennstäbe im Inneren der Reaktoren überhitzten, in den folgenden Tagen kam es zu mehreren Explosionen in verschiedenen Reaktorgebäuden. Die Gebiete um die Anlage werden nach Einschätzung der Behörden auf unabsehbare Zeit verseucht bleiben.

Da muss man unterscheiden, ob man die kurzfristigen Maßnahmen meint oder die Zeit, bis ein "Cold Shutdown" erreicht ist. Bis zur Kaltabschaltung dauert es Monate, weil bestimmte physikalische Größen erreicht werden müssen. Die kurzlebigen Spaltprodukte müssen abklingen, das kann man nicht beschleunigen. Es hat aber in der Tat einige Tage länger gedauert, die Kühlsysteme wieder in Gang zu bringen, als die nukleare Community angenommen hatte. Die Infrastruktur war wohl derart zerstört, dass es nicht gelang, die Stromversorgung schneller wieder herzustellen. Das hat mich auch sehr überrascht.

Dass auch Experten momentan mit der Einschätzung der Situation überfordert waren, glauben Sie demnach nicht?

Nein, auf keinen Fall. Ein Totalausfall der Kühlung ist das schwerstmögliche Unglück, das einem solchen Reaktor passieren kann. Das hat niemand auf die leichte Schulter genommen. Es hat nur dann erstaunlich lang gedauert, die Kühlung wieder instand zu setzen - und bei dieser Einschätzung haben sich auch Experten verkalkuliert.

Kann man den Versicherungen des Betreiberunternehmens Tepco, dass alles unter Kontrolle sei, glauben? Global 2000 etwa kritisiert, dass nach wie vor radioaktiv verstrahltes Kühlwasser durch Risse im Gebäude in den Boden laufen.

Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Die Situation ist jetzt definitiv so unter Kontrolle, dass sie nicht wieder außer Kontrolle geraten kann. Das bedeutet aber nicht, dass es zu keinerlei Freisetzung von Radioaktivität mehr kommen kann. Aber da bewegen wir uns im Millionstel-Prozent-Bereich von dem, was bisher schon in die Umwelt gelangt ist. Was momentan etwa durch verseuchtes Kühlwasser noch frei wird, fällt nicht mehr ins Gewicht. Der Boden ist schon total verseucht und muss sowieso endgelagert werden.

Wie beurteilen Sie im Nachhinein die getroffenen Maßnahmen? Wie sehen Sie etwa die Ableitung von radioaktiv verseuchtem Wasser in den Pazifik?

Tagung in Wien:

Der Situation ein Jahr nach Fukushima widmet sich auch eine Tagung an der Universität für Bodenkultur am 8. März 2012 - Programm als pdf.

Ö1 Sendungshinweis:

Eine Reihe von Sendungen widmet sich derzeit dem Thema "Japan - ein Jahr nach Fukushima". Diese Schwerpunktseite bietet einen Überblick.

Buch zum Thema:

Dirk Eidemüller: Das nukleare Zeitalter. Von der Kernspaltung bis zur Entsorgung, Verlag Hirzel 2012

Im Nachhinein redet es sich immer leichter, aber ich wüsste nicht, was behördenseitig - abgesehen von der Informationspolitik - hätte besser laufen können. Ich kann hinsichtlich der Maßnahmen keine groben Fehler erkennen. Die Evakuierung der Bevölkerung, die rechtzeitige Gabe von Kaliumjodid - all diese Maßnahmen wurden schnell und sehr effektiv umgesetzt. Angesichts der massiven Zerstörungen vor Ort muss man den Japanern größten Respekt dafür zollen.

Was den Reaktor betrifft, hätte Tepco viel schneller versuchen müssen, die Brennelemente mit Meerwasser zu kühlen - das geschah aber erst mit einer Verzögerung von ca. 24 Stunden. Offenbar wollte der Betreiber die Reaktoren retten, was mit dem Einsatz von Meerwasser nicht möglich ist, da es Kernreaktoren zerstört. Durch frühere Kühlmaßnahmen hätte das Ausmaß der Freisetzungen jedoch reduziert werden können. Und zerstört sind die Reaktoren jetzt ohnehin.

Die Sorge um den Pazifik ist verständlich, aber viele Experten erachten dieses riesige Wasserreservoir noch als das geeignetste Umweltmedium, um die radioaktiven Stoffe aufzunehmen und rasch zu verdünnen.

Wie groß ist die Gefahr für die Bevölkerung heute noch, etwa durch verseuchte Lebensmittel?

Lebensmittel wurden mit einem unfassbaren Aufwand kontrolliert. Schon im Juni 2011 wurde eine Studie von Nobuyuki Hamada und Haruyuki Ogino publiziert, in der die Ergebnisse eines Screenings von fast 25.000 Lebensmitteln veröffentlich wurden. Natürlich waren einzelne Lebensmittel über dem Grenzwert. Aber auch in diesem Bereich wurde sehr effektiv und genau geprüft, um zu verhindern, dass diese Lebensmittel auf den Markt kommen. Ich persönlich würde nicht eine Sekunde zögern, nach Japan zu fliegen und mich mit lokalen Lebensmitteln aus dem Supermarkt zu ernähren. Was in den Handel kommt, war und ist genau kontrolliert.

Auch am Atominstitut haben wir Lebensmittelproben aus Japan von Menschen bekommen, die Auskunft von einer unabhängigen Stelle haben wollten, ob sie die Nahrungsmittel ohne Bedenken verzehren können. Es war keine einzige Probe auch nur annähernd an den Grenzwerten, obwohl bei der Herkunft die Präfektur Fukushima stark vertreten war.

Besteht aktuell vor Ort noch für jemanden Gefahr? Die Aufräumarbeiter beispielsweise?

Die Arbeiter sind natürlich einer höheren Strahlung ausgesetzt, das ist richtig. Aber auch das ist ein großer Unterschied zu Tschernobyl: Sie werden sehr gut überwacht, es wird genau aufgezeichnet, welcher Strahlenbelastung sie ausgesetzt sind. Damit wird sicher gestellt, dass sie keine Strahlenschäden davon tragen. Auch hinsichtlich der Meldungen zu den "50 Todgeweihten", die in der Ruine von Fukushima arbeiten mussten, muss man sagen: Sie haben etwa das Doppelte bis Vierfache jener maximalen Dosis abbekommen, der ich in Ausnahmefällen als strahlenexponiertes Personal der Kategorie A jährlich ausgesetzt sein darf. Das ist natürlich nicht wünschenswert, aber erhöht noch nicht das Krebsrisiko signifikant.

In den Wochen und Monaten nach Fukushima wurde Kritik auch an der Wissenschaft laut. Man sei zu lange einem "Mythos der Sicherheit" aufgesessen. Müssen auch Sie bzw. Ihre Fachkollegen vor der eigenen Türe kehren?

Ich bin kein Vertreter der Atomlobby und beschäftige mich beruflich nicht mit dem Bau oder Betrieb von Kernkraftwerken. Ich beschäftige mich mit der Chemie radioaktiver Stoffe. Grundsätzlich möchte ich sagen: Die Kernenergie hat Vor- und Nachteile. Bei jeder Technologie muss man diese beiden Seiten abwägen. Solange man meint, dass die Vorteile überwiegen, wird Atomenergie genutzt werden. Kritik muss man allerdings daran üben, dass der Reaktor Fukushima noch immer aktiv war. Das Kraftwerk wurde Ende der 1960er Jahre gebaut, der erste Reaktor ging 1971 in Betrieb. Dieses Kraftwerk hätte in Deutschland keine Zulassung bekommen, auch Zwentendorf wäre sicherer gewesen als Fukushima.

Japans Regierungschef Yoshihiko Noda meinte kürzlich, dass Japan auf lange Sicht von der Atomenergie unabhängig werden sollte. Deutschland will aus der Atomenergie aussteigen, ebenso die Schweiz. Sehen Sie die Atomenergie am Ende?

Die Atomenergie war eigentlich als "Brückentechnologie" gedacht. Sie sollte so lange Energie liefern, bis tragfähige Alternativen gefunden sind. Die Frage ist, wie lange man diese Brücke noch verlängern möchte und kann. Natürlich hat Fukushima die Sichtweise der Politik und der Menschen auf die Kernenergie verändert. Gleichzeitig muss man aber feststellen: Wir können unseren Energiebedarf momentan ohne Atomenergie nicht decken. Deutschland hat reihenweise Reaktoren abgeschaltet und wurde binnen einer Woche vom Energieexporteur zum -importeur. Dadurch wird der Ausbau von Reaktoren in anderen Ländern nur noch beschleunigt.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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