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Harry Goldmann im Gespräch mit Václav Havel

12.000 Österreicher in CSSR-Geheimdienstakten

Seit zwei Jahren untersuchen Historiker die Rolle des tschechoslowakischen Geheimdienstes in Österreich im Kalten Krieg. Das erste Resümee, das sie anlässlich einer heute beginnenden Tagung ziehen: Insgesamt befinden sich 12.000 Österreicher in den Akten, darunter auch viele Prominente aus Politik und Journalismus.

Zeitgeschichte 08.03.2012

Die meisten von ihnen waren aber keine Spitzel für den kommunistischen Nachbarstaat, sondern es wurden Informationen über sie gesammelt, betonen die Historiker Philipp Lesiak und Kateřina Lozoviuková im science.ORF.at-Interview. Sie wollen auch keine konkreten Namen nennen, um nicht einen neuen "Fall Zilk" zu schaffen.

Sie wissen zwar jetzt genauer, was die Sichtweise des tschechoslowakischen kommunistischen Geheimdienstes StB (Státní bezpečnost) war. Um die historische Wahrheit zu erfahren, seien aber Vergleiche mit anderen Akten von österreichischen, amerikanischen und sowjetischen Geheimdiensten nötig.

Die Historiker Philipp Lesiak und Kateřina Lozoviuková

Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung

Die Historiker Kateřina Lozoviuková und Philipp Lesiak vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung

Links:

Tagung in Raabs:

Das Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung betreibt seit Mai 2010 eine Außenstelle in Raabs an der Thaya, von der u.a. das mit tschechischen Forschungsinstituten gemeinsam betriebene Forschungsprojekt zu den tschechoslowakischen Geheimdiensten koordiniert wird.

Vom 8. bis 9. März findet dort die Tagung: "Die Rolle der tschechoslowakischen Geheimdienste in Österreich, 1945 - 1989" statt (Programm).
Das Forschungsprojekt wird von der EU kofinanziert (ETZ-Projekt Gemeinsam mehr erreichen - Společně dosáhneme více).

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 8.3., 13:55 Uhr.

science.ORF.at: Haben Sie den Agententhriller "Dame, König, As, Spion" vor kurzem im Kino gesehen?

Philipp Lesiak: Nein, leider nicht.

Darin wird das eher ruhige, aber paranoide Treiben der Ost- und Westgeheimdienste der 70er Jahre gezeigt, garniert mit einem aus heutiger Sicht recht schicken Retro-Charme. Entspricht das dem Bild, das man als Historiker gewinnt, wenn man sich jahrelang mit Geheimdienstakten aus der Zeit beschäftigt?

Philipp Lesiak: Auch wenn ich den Film nicht kenne: John le Carré, der Autor der Romanvorlage, hatte tiefe Einblicke in das Geschäft, genauso wie Ian Fleming, der Schöpfer von James Bond. Die Spionage hat immer bunte Vögel angezogen. Der Alltag des Historikers im Archiv ist dagegen eher grau, bunte Vögel tauchen in den Akten nur selten auf. Zumeist handeln darin Polizeibehörden, und das eher langweilig. Der Auftrag der Geheimdienste im Kalten Krieg war in West und Ost grundsätzlich gleich: Man sollte seinem Staat Informationen liefern.

In der aktuellen Ausgabe des "Profil" wird eine Observation von Barbara Coudenhove-Calergi durch tschechische Geheimagenten beschrieben. Sie wollten sie im Kaffeehaus belauschen, schafften das aber nicht, "weil alle Plätze besetzt waren", wie sie in einer Akte vermerken. Das klingt wenig nach James Bond, sondern eher patschert. Ist das der Normalfall?

Philipp Lesiak: Bei den "Aktionen", wie es in den tschechischen Akten heißt, ist das der Normalfall. Zumeist wurden absolut unspektakuläre und uninteressante Beobachtungen notiert. Beim Durchlesen fragt man sich schon: Wozu das alles? Wenn man die Protokolle aber länger studiert, lernt man etwas: und zwar weniger über die konkreten Menschen, die beschrieben werden, sondern über die Mentalität und Logik der stalinistisch-kommunistischen Verfasser. Sie fürchten sich dauernd vor irgendetwas, bauen Feindbilder auf, die rückblickend betrachtet lächerlich erscheinen können.

Der österreichische Anwalt Harry Goldmann im Gespräch mit Václav Havel, beobachtet von der tschechoslowakischen Staatssicherheit

Archiv der Sicherheitsdienste Prag

Überwachungsfotos der Operation "RAK". Nach der Verhaftung der Undergroundband „Plastic People oft he Universe“ 1976 wird der österreichische Anwalt Harry Goldmann von Amnesty International nach Prag entsandt um den Prozess gegen diese zu beobachten. Auf Schritt und Tritt wird er hierbei im Rahmen der Operation „RAK“ von der tschechoslowakischen Staatssicherheit beobachtet und schlussendlich des Landes verwiesen. Im Bild Goldmann (mit dem Rücken zur Kamera) im Gespräch mit Václav Havel.

Wie sah eine durchschnittliche "Aktion" aus, und wie viele Seiten konnten die Agenten damit in den Archiven füllen?

Kateřina Lozoviuková: Im Schnitt gibt es zu jenen Personen, die in die CSSR eingereist sind und observiert wurden, 20 bis 100 Seiten Akten. Wenn jemand aber schon in Österreich "bearbeitet" wurde, ist das Material viel umfangreicher. Bei ihnen gab es eine lange Vorlaufzeit. Es wurde geklärt: Was sind das für Personen, welchen Hintergrund haben sie, wo liegen ihre Schwächen, welche Informationen können sie liefern? Nach der Analyse wurde überlegt, wie man sie kompromittieren und zur Zusammenarbeit überreden könnte - etwa durch Anhängen eines Deliktes, was v.a. die Menschen betraf, die viel zwischen der CSSR und Österreich gereist sind. Sie bekamen ein Geschenk, dann wurde ihnen Schmuggel unterstellt und damit wurden sie erpresst. Oft waren auch direkte Bestechung oder der Versuch, sexuelle Vorlieben auszunützen, im Spiel. "Aktionen" dieser Art umfassen hunderte von Seiten. Am spannendsten für uns Historiker ist es, wenn die Informanten die Seiten wechselten oder aufflogen. Dann geht es in den Akten konkret um die Inhalte, vor deren Verrat man sich fürchtete, um die Versuche von Gegenaktionen, um die Struktur des Informationsnetzwerks in Österreich - etwa beim Fall von Karl-Erwin Lichtenecker. Das ist zwar sehr spannend für uns, aber die absolute Ausnahme.

Fall Lichtenecker:

Ein aufsehenerregender Spionagefall war jener des Karl-Erwin Lichtenecker, der als Beamter über Jahre vom tschechoslowakischen Geheimdienst kontaktiert wurde und diesem schlussendlich unter dem Decknamen "Attaché" auch Informationen zuspielte. Obwohl diese, die sich um die Positionierung Österreichs in der internationalen Politik drehten, vom tschechoslowakischen Geheimdienst als relativ wenig wertvoll eingeschätzt worden waren, wurde Lichtenecker nach seiner Enttarnung 1971 in Österreich wegen Spionage verurteilt.

Wie viel Material haben Sie bisher gesichtet und wie viele österreichische Mitarbeiter des StB haben Sie dabei entdeckt?

Philipp Lesiak: Wir haben an die 20 Laufmeter Papier bei uns, die ausschließlich Österreich betreffen. Die Akten stammen aus dem Archiv der Sicherheitsdienste in Prag, das laut tschechischem Archivgesetz den größten Teil der Dokumente der tschechoslowakischen Staatssicherheit zusammenfasst. In dessen Kartei befinden sich 12.000 Karten, die unter "Österreicher" laufen. Das waren aber bei weiten nicht alle Mitarbeiter des Geheimdienstes: Zum einen weil sie zum Teil gar keine österreichischen Staatsbürger waren, zum anderen weil sie nur in die Kartei kamen, weil Informationen über sie gesammelt wurden. Es verwundert deshalb nicht, dass sich sehr viele prominente Politiker und Journalisten darunter befinden.

Gibt es eine Schätzung, wie viele Österreicher tatsächlich Mitarbeiter des StB waren?

Philipp Lesiak: Über den gesamten Zeitraum von 1945 bis 1989 lässt sich das nicht seriös beantworten. Es gab natürlich Höhepunkte wie die Zeit während und kurz nach dem Prager Frühling in der zweiten Hälfte der 60er Jahre, als Spionageringe wie jene von Lichtenecker aufgeflogen sind. Da haben wir Dutzende Mitarbeiter gefunden, wobei das nicht nur Österreicher waren. Da fallen auch tschechische Führungsoffiziere darunter, die in Wien gelebt haben. Generell ist es ein Problem beim Aktenstudium, dass wichtige Personen wie Führungsoffiziere nicht unter ihrem echten Namen, sondern codiert angeführt werden. Um ihre Identität zu klären, liegt noch viel Arbeit vor uns.

Gab es Personengruppen, die speziell im Visier des Geheimdienstes standen?

Kateřina Lozoviuková: Hier stellt sich die Frage wann, da sich die tschechoslowakischen Interessen im Laufe des Kalten Krieges geändert haben. Ab den 1970ern finden sich in den Akten etwa vermehrt Sekretariate, weil viele Informationen über ihre Schreibtische laufen und sie zugleich relativ unauffällig erscheinen. Ebenso Journalisten.

Sind sie auf bisher unbekannte Namen gestoßen, die Mitarbeiter des StB waren?

Kateřina Lozoviuková: Wir haben große Teile des Archivs mit Stichproben untersucht, und es zeigt sich: Je bekannter die Namen, desto unwichtiger die Informationen. Wir sind auf viele Namen gestoßen, wollen diese aber nicht nennen.

Warum?

Kateřina Lozoviuková: Weil das unserer wissenschaftlichen Arbeit schaden würde. Wir können Einzelfälle nicht - oder noch nicht - in ihrer Breite beurteilen. Die große Gefahr, wie wir sie von der Diskussion um Helmut Zilk kennen, ist, dass zum Schluss Aussagen gegen Aussagen stehen. Als Historiker sehen wir nicht das gesamte Bild, sondern nur die Optik des Ost-Geheimdienstes, das ist eine sehr schmale Brille. Nehmen Sie das Beispiel Journalisten: Es war üblich, dass die tschechischen Botschaftsangehörigen sie auf einen Kaffee einluden. Die Botschaften waren damals wie heute Zentren der Geheimdienste, das wissen und wussten die Journalisten natürlich auch. Oft haben sie ihrem Gegenüber nur Geschichten erzählt, die ohnehin in der Zeitung standen. Wenn man sich die Akten aber durchliest, klingt das, als ob die Agenten unglaubliche Sensationen erfahren hätten. Die Wertung geschieht alleine aus der Sicht eines totalitären Regimes.

Die Unterscheidung besteht aber doch darin, ob der Informant selbst einen Vorteil aus der Unterredung gezogen hat.

Kateřina Lozoviuková: Das stimmt, und geht aus den Akten auch hervor. Wie jede Bürokratie haben auch die Geheimdienstmitarbeiter penibel abgerechnet. Die Belege sind abgeheftet und dokumentiert. Nur: Auch das ist nur die Dokumentation des StB und keine objektive Wahrheit.

Die öffentliche Toilette am Hohen Markt in Wien, bei der sich ein „toter Briefkasten“ befand, über den zwischen dem Informanten und den Mitarbeitern der Staatssicherheit kommuniziert wurde.

Archiv der Sicherheitsdienste Prag

Fotografie aus dem Personalakt eines österreichischen Informanten des tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienstes, 1960er Jahre. Aufgenommen wurde die öffentliche Toilette am Hohen Markt in Wien, bei der sich ein "toter Briefkasten" befand, über den zwischen dem Informanten und den Mitarbeitern der Staatssicherheit kommuniziert wurde.

"Fall Zilk:"

Das Nachrichtenmagazin "profil" berichtete vor drei Jahren über Beweise im Zusammenhang mit Spionage-Vorwürfen gegen den im Oktober 2008 verstorbenen Wiener Altbürgermeister Helmut Zilk. Demnach lagen dem Magazin von Zilk unterschriebene Quittungen vor, die beweisen sollten, dass der damalige Fernsehjournalist zwischen Dezember 1965 und Juni 1968 unter dem Decknamen "Holec" gegen Bezahlung Spitzeldienste für den Geheimdienst der Tschechoslowakei geleistet habe.

Zu Helmut Zilk: Was ist der aktuelle Stand seines "Falles"?

Philipp Lesiak: Zilk war für den StB interessant, weil es sich um einen prominenten Journalisten und SPÖ-Insider gehandelt hat. Er wurde als sehr wertvoll eingeschätzt, seine Schwächen dokumentiert, kompromittierendes Material gesammelt. Uns liegt sein Akt in Gesamtheit vor und wir haben ihn genau angesehen. Er ist nicht gefälscht, sondern in sich geschlossen und vernünftig - d.h. er spiegelt das wider, was der tschechoslowakische Geheimdienst gedacht hat, mit Zilk tun zu wollen. Es ist die Sicht des Geheimdienstes, der seine eigenen Interessen hatte.

Es steht auch im Akt, dass Zilk Geld bekommen hat?

Philipp Lesiak: Ja, das wird alles angeführt. Die Frage ist nur: Hat das der Führungsoffizier fingiert, das Geld tatsächlich an Zilk überreicht oder in die eigene Tasche gesteckt? Das wissen wir nicht. Wir könnten das nur überprüfen, wenn man Komplementärakten vergleicht, die in Österreich sicher vorhanden waren.

Die sind aus dem Innenministerium aber ja doch schon Ende der 60er Jahre verschwunden. 2009 hat die damalige Innenministerin Maria Fekter gemeint, dass geklärt werden soll, ob sie vielleicht in der politischen Akademie der ÖVP liegen. Ist da etwas weitergegangen?

Philipp Lesiak: Nein, da ist nichts weitergegangen, und das ist einer der Punkte, die wir angehen müssen. Wir sind ein sehr kleines Forscherteam, für das schon die tschechoslowakischen Akten ein riesiger Berg waren. Der nächste Schritt wäre es, unseren Kenntnisstand mit österreichischen, amerikanischen und britischen Quellen in Einklang zu bringen, um ein Gesamtbild zu erhalten. Das Problem ist, dass die österreichische Archivsituation viel strenger ist als etwa die Aktenlage Tschechiens vor 1989. Außerdem liegt bei vielen prominenten Namen der Verdacht nahe, dass sie Doppelagenten waren. Dadurch sind die Akten praktisch nicht einsehbar, weil kein Staat oder Geheimdienst ein Interesse hat, seine eigene Beteiligung und seine eigenen Netzwerke zu dokumentieren.

Das könnte auch auf Helmut Zilk zutreffen?

Philipp Lesiak: Das ist eine reine Hypothese, die wir nicht überprüfen konnten. Wenn man bedenkt, wie lange der Akt geschlummert hat, obwohl Zilk später eine große politische Karriere gemacht hat, könnte man das natürlich in diese Richtung interpretieren. Das ist aber reine Spekulation.

Was müsste geschehen, um den "Fall Zilk" endgültig zu klären?

Philipp Lesiak: In erster Linie wäre Einsicht nötig in die Akten der Österreichischen Staatspolizei oder in die Akten von Abwehramt und Nachrichtenamt. Dazu in die Archive der CIA, auch die britischen Dienste und sowjetische Akten wären sehr interessant.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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