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Jemand schreibt mit einer Füllfeder eine Unterschrift

"Hier schreibt das Es"

Maria Nicolini will die Sprache der Wissenschaft verbessern. Nicht durch Zwang, sondern durch spielerischen Umgang mit dem Wort. Die Sprachforscherin von der Universität Klagenfurt erzählt in einem Interview von Nebensatz-Labyrinthen, "unbedachter Floskelei" und "masochistischen Träumen" eines Kollegen.

Sprache 08.04.2012

science.ORF.at: Sie beschäftigen sich in ihrer Forschung mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Sprache. Was unterscheidet einen guten von einem schlecht geschriebenen Text?

Maria Nicolini: Der schlecht geschriebene Text sperrt sich zu, man kommt nicht an ihn heran, man will schon nach dem zweiten Absatz nicht mehr weiterlesen.

Mit welchem Schlüssel sperrt man ihn auf?

Die Sätze sollten schlicht und nicht aufgebläht daherkommen. Sie sollten präzise sein, sodass man einem Fluss begegnet, der einem mitnimmt.

Glauben Sie, dass sich alle Sprachen gleich gut eignen, um diesen Fluss zu erzeugen?

Das glaube ich schon. Auch wenn jede Sprache eine eigene Welt erzeugt: Wenn man sich ihr nahe genug anvertraut, entsteht eine Einheit von Form und Inhalt. Das bewirkt, dass wir mitgenommen werden.

Der Unterscheidung von analytischen Sprachen, wie dem Englischen, und synthetischen Sprachen, wie dem Russischen, können Sie nichts abgewinnen?

Maria Nicolini

Maria Nicolini

Maria Nicolini ist Professorin für interdisziplinäre Forschung an der Universität Klagenfurt. Arbeitsschwerpunkte: Human- und Sozialverträglichkeit, Sprachgebrauch in der Wissenschaft.

Letzte Buchpublikation: "Wissenschaft ist Sprache - Form und Freiheit im wissenschaftlichen Sprachgebrauch"

Nicht unbedingt. Obwohl man schlechte Übersetzungen aus dem Englischen schnell erkennt. Deutsche Sätze haben einen Sog zum Ende hin, wo der höchste Informationswert liegt. Wenn wir das Ende des Satzes nicht kennen, löst sich das Rätsel nicht. Im Englischen liegen die höchsten Informationswerte weiter vorne. Judith Macheiner beschreibt diese Strukturunterscheide sehr schön in ihrem Buch "Übersetzen".

Manche - wohlgemerkt deutschsprachige - Philosophen behaupten, Kant sei in der englischen Übersetzung leichter verständlich als im Original.

Klar, weil das Deutsche viel stärker zum verzweigenden, hypotaktischen Schreiben einlädt: nämlich in den Nebensatz gehen, von dort weiter und wieder weiter, und erst dann zurückkehren zum Schlusspunkt. Wehe, es passiert irgendetwas unterwegs!

Ähnlich ist das in der Rechtswissenschaft. Die Höchstgerichte haben eine ausgezeichnete Sprache, doch sie ist unzugänglich. Sie hat ausgeprägte Seitenstrukturen und findet unglaublich genau zur Hauptspur des Satzes zurück. Juristische Erkenntnisse haben beinahe etwas Paranoides, weil sie versuchen, besonders entlegene Ausnahmen und Sonderfälle zu berücksichtigen, damit das Geschrieben nur ja hermetisch bleibt.

Noch eine Frage zu Kant: Er gilt einerseits als spröde und unzugänglich, andererseits als Krönung deutscher Philosophie und Sprachbeherrschung. Gute oder schlechte Wissenschaftsprosa aus Ihrer Sicht?

In ihrer Zeit war es gute Wissenschaftsprosa. Seine Sprache ist eine tief durchdachte, großartige Prosa eines Menschen Elfenbeinturm, der ein geistiges Monopol repräsentiert. Aber in unserer Zeit ist sie nur mehr für eine kleine Gruppe von Menschen zugänglich. Der Stil wandelt sich. Heute würde auch niemand mehr im Stil der romantischen Lyrik schreiben. Da würde jeder sagen: Kitsch.

Bitte um Literaturempfehlungen für unsere Leser: Was ist aus heutiger Sicht gelungene Wissenschaftsprosa?

Alles von Watzlawick. In meinem Feld fällt mir noch ein: Richard Schrodt, "Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter?", das ist hervorragend zu lesen. Auch Uwe Pörksen ist ein Vorbild. Er sagt: "Ich schreibe meine Bücher drei Mal". Damit ist nicht Überarbeiten gemeint, er schreibt sie drei Mal.

Sollten Geisteswissenschaftler auf Englisch publizieren?

Die Geisteswissenschaften sind bei weitem nicht so anglophon wie Technik, Medizin und Naturwissenschaften, die wohl zu 99,5 Prozent auf Englisch publizieren. In den Geisteswissenschaften entsteht im Denken und Schreiben das Werk. Die Frage ist, kann man das ohne Verluste in einer Fremdsprache? Ich würde dazu raten, die Ausgangsarbeit auf Deutsch zu erarbeiten und dann zu übersetzen.

Bräuchten die Geisteswissenschaftlichen Departments eigene Übersetzungsbüros - etwa so, wie die Statistikabteilungen an der Medizin?

Das könnte man auch anders lösen. Ich glaube, wir würden in vielen Feldern die Definitionsmacht gegenüber dem Englischen verlieren, wie das etwa in der digitalen Technologie der Fall ist. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen englische Begriffe, die Wörter sortieren sich schon selbst und entscheiden damit, ob sie in der Sprache bleiben oder nicht ...

... die Franzosen hatten etwas dagegen und arbeiten nun mit dem "ordinateur". Finden Sie das gut?

Ich bin keine Freundin solcher Exklusionen. Man sollte das offen halten, aber kritisch bleiben. Wenn etwa der Wissenschaftsfonds FWF Anträge nur mehr auf Englisch zulässt, dann halte ich das für ein Problem. Das ist ein Aufgeben von Macht und Kompetenz. Als die Wissenschaften das Lateinische verlassen haben, gab es riesige Machtkämpfe mit dem Deutschen und dem Französischen. Das war ein lauter Kampf, jetzt vollzieht sich die Machtübernahme leise.

Richard Feynman hat einmal gesagt: "Was man nicht in einfachen Worten ausdrücken kann, hat man nicht verstanden." Stimmt das?

Aus meiner Sicht ist das zwiespältig. Dinge in einfachen Worten erklären zu können, ist natürlich positiv. Die Forderung, dass Wissenschaft immer allgemein verständlich sein muss, kann man aber hinterfragen. Max Planck sagt: "Das wäre eine Simplifizierung der Wissenschaft." Ich glaube das auch. Spezielle Dinge kann man oft nicht einfach sagen - muss man auch nicht.

Wenn Wissenschaftler Forschungsanträge schreiben, müssen sie sich eines speziellen Jargons bedienen, "policy speech" genannt. Es gibt wohl kaum jemanden, der das nicht als mühsam bis unangenehm empfindet - trotzdem tun es alle.

Ich habe die Erfahrung gemacht: Es geht auch anders. Wir müssen dem Widerstand leisten. Gegen diese phrasenhafte, unbedachte Floskelei muss man sich auflehnen, wo immer man kann. Das Problem ist: Wir trauen uns oft nicht. Viele Leute können es auch nicht. Die Projektphrasen sind so autoritär und mit einer so starken Montur ausgestattet, dass es eine Menge Mut und Beweglichkeit braucht, sich dem zu widersetzen.

In den letzten Jahren haben einige Plagiatsfälle dissertierender Politiker für mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Was sagt das über die Schreibkultur an deutschsprachigen Universitäten aus?

Dahinter steht die Haltung: "Schreiben kann man eh." Viele sagen: "Jetzt schreibe ich schnell noch die Seminararbeit." Als wäre das eine letzte kleine Aktivität. In Wirklichkeit ist es das, was bleibt. Auf den Sprachgebrauch wird viel zu wenig Wert gelegt.

Auch in den Curricula?

Es spielt nur eine minimale Rolle. Man könnte sagen: Sprache ist fast ein Tabuthema, auch unter uns Lehrenden.

Und im angelsächsischen Bereich?

Dort gibt es eigene Writing Centers, sowohl für literarisches als auch für akademisches Schreiben. Der Stellenwert in den Curricula ist unvergleichlich höher. Dadurch haben die Studenten auch keine Angst vor dem Schreiben.

Plagiate entstehen, weil Studenten keinen souveränen Sprachgebrauch erlernt haben und dadurch Angst vor dem Schreiben bekommen. Manche plagiieren ungeniert, manche haben ewig ein schlechtes Gewissen, andere machen es diebisch - es gibt verschiedene Möglichkeiten des Versagens. Ich sage meinen Studenten immer: Das Zitieren ist eine Partnerschaft, eine Hommage.

Der deutsche Journalistenlehrer und "Sprachpolizist" Wolf Schneider sagt in Bezug auf das Schreiben: "Qualität kommt von Qual." Was meinen Sie?

Die masochistischen Träume des Wolf Schneider lehne ich ab. Da kommen viel zu sehr Erinnerungen an den Rotstift in der Schule hoch. Mit dem Gestus des moralischen Zwanges kann man nicht einmal auf einen Text schauen, geschweige denn darüber reden. Ein Schneider'scher Ton - und mein Seminar ist im Eimer.

Einer Ihrer Texte heißt: "Der Klarheit muss man einen Altar errichten." Das würde Wolf Scheider sofort unterschreiben.

Natürlich würde er das unterschreiben. Der Satz stammt übrigens von Julian Schutting. Schutting sagt auch: "Je schwerer einem ein Satz fällt, umso besser wird er."

Womit wir wieder bei der Qual wären.

Bei der Mühe ja, aber nicht bei der Qual. Das Problem ist: Schneider tritt inquisitorisch auf und sagt: "So musst du das machen!" Das wirkt normierend. Zwang bringt nichts, von den Regeln der Grammatik abgesehen. Ansonsten muss man sich in den Freiräumen der Sprache bewegen - ohne Drohung und ohne Angst. Ich halte übrigens auch die Political Correctness für einen Irrtum. Vorschriften über den Gebrauch von Wörtern sind nicht angebracht. Dafür ist jeder selbst verantwortlich.

Und geschlechtsneutrale Formulierungen?

Auch da bin ich eher für einen spielerischen Umgang denn für Genderzwang. Allerdings gibt es hier eine schöne Nebengeschichte: Der deutsche Germanist Richard Schrodt hat vor einigen Jahren für das Unterrichtsministerium ein Gutachten über die Verwendung des Binnen-Is erstellt. Sein Ergebnis: Das Binnen-I ist zwar nicht normgerecht, aber es drückt ein berechtigtes soziales Interesse aus. Dieser Wert ist höher gelagert als die Vorschrift der Rechtschreibung. Es ist, sagt er, ein sozial bedingtes Schreibzeichen, ein "Soziographem". Vor diesem Hintergrund hat das Binnen-I seinen Reiz.

So gesehen sind sie dafür.

Alles, was Routine wird, lehne ich ab. Wenn das Binnen-I Routine wird: unmöglich. Ich würde es nur in seltenen Fällen einsetzen. Das gilt auch für "-er und -innen". Wenn dieses Pärchen dauernd auf der Bühne auftritt, ist es ein schlechtes Stück. Ich finde auch diese kleinen Grapheme bei akademischen Titeln - Mag.a und Dr.in - ärgerlich. Das ist doch unlogisch: Der Titel wurde abgekürzt, weil in ihm beide Geschlechter stecken.

Sie kommen an Ihrer Universität mit den verschiedensten Texten in Kontakt. Unterscheiden sich die Jargons?

Sehr. Texte von Pädagogen sind voll von Gender, Gender, Gender. Da stehen dann Sätze wie: "Auf Schüler/-innenebene schlägt sich die Lehrer/-innenzusammenarbeit nieder."

Das hat etwas.

Bei den Straßenplanern wimmelt es nur so von Präpositionen. "Vor, neben, über, durch, in Straßenbahnen." Bei den Landschaftsplanern wiederum ist alles "Bereich". Und in den Interdisziplinären Wissenschaften wird alles zum "Prozess": "Organisationsprozess, Prozessbegleiter, Prozessmanagement." Oder: "Das prozessethische Fundament der Grundaxiomatik."

Eine Perle.

Das Interessante ist: Das passiert alles unbewusst. Da ist das Schreib-Es am Werk.

Interview: Robert Czepel

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