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Von links nach rechts: der Philosoph Alain Badiou, die Übersetzerin Margret Millischer, Peter Engelmann, der Begründer des Passagen-Verlags, und der Philosoph Mihály Vajda.

Drei "Staatsfeinde" im Dissens

Es war eine Begegnung zwischen drei "Staatsfeinden", die anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Passagen Verlags vergangene Woche in Wien stattfand. Der französische Philosoph und ehemalige Maoist Alain Badiou war wegen seiner politischen Agitation zu 15 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden.

Philosophie 30.03.2012

Bild oben von links nach rechts: der Philosoph Alain Badiou, die Übersetzerin Margret Millischer, Peter Engelmann, der Begründer des Passagen-Verlags, und der Philosoph Mihály Vajda.

Sein Gesprächspartner - der ungarische Philosoph Mihály Vajda - wurde von der Kommunistischen Partei als "Abweichler" ausgeschlossen; er erhielt in der Folge Berufs- und Publikationsverbot.

Und Peter Engelmann, Begründer des Passagen-Verlags und Moderator, wurde aus politischen Gründen 1972 in der DDR zu zwei Jahren Haft verurteilt, von denen er ein Jahr in einem Gefängnis der Stasi verbringen musste.

Veranstaltungen in Wien:

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Passagen Verlags fand am 22.3. im Semper-Depot der Akademie der bildenden Künste in Wien die Veranstaltung "Krisenszenarien - Haben Philosophen eine Antwort? mit Alain Badiou, Mihály Vajda und Peter Engelmann statt. Tags darauf sprach Badiou zum Thema "Seid verliebt!" am Wiener Burgtheater.

Mihály Vajda

Der 1935 in Budapest geborene Mihály Vajda arbeitete als Germanist und hauptsächlich als Philosoph. Als Jugendlicher war er überzeugter Marxist, kam aber bald nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution von 1956 in Konflikt mit den Vertretern des totalitären "realen Sozialismus". Danach schloss er sich der Budapester Schule um Georg Lukács, Agnes Heller und Ferenc Fehér an. an. Erst nach den Liberalisierungen in den 1960er Jahren erhielt Vajda eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. 1973 verloren die Mitglieder der Budapester Schule als "ideologische Abweichler ihre Stellen" und bekamen Publikationsverbot. Einige Mitglieder der Gruppe - so auch Vajda - verließen Ungarn. Vajda unterrichtete dann als Gastprofessor an renommierten Universitäten wie der Universität Bremen, danach an der New School for Social Research in New York sowie an der Universität Siegen. Erst 1989 wurde Vajda in Ungarn offiziell rehabilitiert und auf den Lehrstuhl für Philosophie der Kossuth-Lajos-Universität in Debrecen berufen.

Zurzeit wird Vajda - gemeinsam mit Agnes Heller - von den Zeitungsbütteln der Regierung Orban attackiert, weil sie es wagten, den "pragmatischen Autoritarismus" dieses Regimes zu kritisieren. Dabei werden nicht ideologische Argumente vorgebracht, wie Vajda im Gespräch mit science.ORF.at anmerkte, sondern mit Verleumdungen gearbeitet. So sollen Vajda, Heller und andere Intellektuelle finanzielle Mittel, die sie für Forschungszwecke von der Regierung erhielten, für private Zwecke verwendet haben. Das wird von rechtsextremen Zeitungen als Tatsache hingestellt und somit eine gehässige Kampagne entfacht, die an totalitäre Zeiten erinnert. Die Philosophen Jürgen Habermas und Julian Nida-Rümelin - der ehemalige Kulturminister des Kabinetts Schröder - haben dagegen in einem Manifest protestiert.

Alain Badiou

Der 1937 in Rabat geborene Alain Badiou ist Professor und Direktor des Instituts für Philosophie an der École Normale Supérieure in Paris. Er unterrichtet außerdem als Professor am Collège international de philosophie in Paris und an der European Graduate School in Saas-Fee. Er hat sich intensiv mit Mathematik befasst; seine Philosophie wurde von Platon, Hegel, Wittgenstein und Lacan beeinflusst. Sein Denken, das sich auch kritisch zur zeitgenössischen Philosophie von Gilles Deleuze verhält, kreist um die Möglichkeit einer grundsätzlichen Neuformulierung der Philosophie. Die konservative Tageszeitung" Le Figaro" nannte Badiou einst den Wortführer der linken Revolte; er war lange Zeit einer der führenden Köpfe des französischen Maoismus. Gegen den postmodernen Relativismus verteidigt der Philosoph ein Denken, das Wahrheit nicht dekonstruieren, sondern politisieren will.

Peter Engelmann und der Passagen Verlag

Peter Engelmann studierte Philosophie und Soziologie in Berlin, Paris und Bremen und promovierte 1979 über Hegel. Aus politischen Gründen wurde Engelmann 1972 in der DDR zu zwei Jahren Haft verurteilt, von denen er ein Jahr in einem Gefängnis der Stasi verbringen musste. 1973 folgte ein Häftlingsfreikauf durch die Bundesrepublik Deutschland. Danach befasste sich Engelmann eingehend mit der französischen Philosophie der Postmoderne. 1987 gründete er in Wien den Passagen Verlag. Als Herausgeber von Jacques Derrida, Jean-François Lyotard, Jean Baudrillard, Sarah Kofman, Peter Eisenman, Slavoj Žižek, Paul Virilio, Jacques Ranciere, Jean-Luc Nancy, Gianni Vattimo und vieler anderer Autoren der Postmoderne und Dekonstruktion leistet er einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung der Werke französischer zeitgenössischer Philosophie im deutschen Sprachraum. Engelmann lehrte Philosophie an Universitäten in Deutschland, Österreich und den USA. Er ist auch der Autor zahlreicher Texte zur Philosophie der Postmoderne.

Stefan Zweifel

Stefan Zweifel studierte Philosophie, Komparatistik und Ägyptologie an der Universität Zürich. Bekannt wurde er durch die Neuübersetzung von Sades Hauptwerken "Justine" und "Juliette". Darüber hinaus wirkte er bei Ausstellungen über den Dadaismus und den Surrealismus mit. Zurzeit bereitet er eine Neuübersetzung von Jean-Jacques Rousseaus "Träumereien eines einsamen Spaziergängers" vor, das bei Matthes und Seitz erscheinen wird.

Literaturtipps:

Alain Badiou
"Lob der Liebe". Übersetzt von Richard Steurer, Passagen Verlag
"Das Endliche und das Unendliche". Übersetzt von Richard Steurer, Passagen Verlag
"Das Sein und das Ereignis". Übersetzt von Gernot Kamecke, diaphanes Verlag
"Das Jahrhundert. Aus dem Französischen von Heinz Jatho, diaphanes Verlag
"Manifest für die Philosophie". Übersetzt von Eric Hoerl / Jadja Wolf, Turia und Kant Verlag
"Ethik. Versuch über das Bewusstsein des Bösen". Übersetzt von Jürgen Brankel,
Turia und Kant Verlag
Alain Badiou, Slavoj Žižek: "Philosophie und Aktualität. Ein Streitgespräch". Übersetzt von Maximilian Probst, Sebastian Raedler, Passagen Verlag

Mihály Vajda
"Die Krise der Kulturkritik. Fallstudien zu Heidegger, Lukács und anderen". Übersetzt von Teódora Rajczy, Passagen Verlag
"Russischer Sozialismus in Mitteleuropa". Übersetzt von Maria Dessewffy, Passagen Verlag

Der Philosoph als trouble shooter

In dem Gespräch ergaben sich wenige Gemeinsamkeiten; dafür sind die Biografien und philosophischen Positionen der beteiligten Philosophen zu unterschiedlich. Zu Beginn fanden Badiou und Vajda noch einen gewissen Konsens: Beide Philosophen verstehen sich als unabhängige Denker, die über die Position des Individuums im gesellschaftlichen Umfeld reflektieren.

Badiou erläuterte die Ausgangsposition seines Philosophierens, die darin bestehe, Probleme zu thematisieren. Der Philosoph mische sich dort ein, wo es darum gehe, die bisherigen Perspektiven aufzugeben und einen neuen Rahmen zu schaffen. Mit dieser Prämisse war Vajda grundsätzlich einverstanden.

Gegen das Wertevakuum des Nihilismus

In seinem einleitenden Statement skizzierte Vajda seine Ausgangsposition, die mit dem von Friedrich Nietzsche postulierten Tod Gottes zu tun hat. Nietzsches Diktum "Gott ist tot" impliziere ein universales Wertevakuum, einen radikalen Nihilismus, der Jahrtausende alte Traditionen destruiere. Das Ergebnis sei - mit dem ungarischen Philosophen Georg Lukács zu sprechen, den Vajda gut kannte - eine "transzendentale Obdachlosigkeit".

Mit diesem Begriff verbindet sich das Konzept, dass in sich geschlossene religiöse und philosophische Systeme den Menschen noch "eine abgerundete Welt", eine "urbildliche Heimat" geboten haben, die durch die Ausbreitung des Nihilismus verloren gegangen ist. Dieser Analyse konnte Badiou beipflichten.

Der Kapitalismus schafft "Konsumidioten"

Dann begann jedoch ein grundsätzlicher Dissens, der nicht mehr zu überbrücken war. Badiou wies nun darauf hin, dass es der Kapitalismus geschafft habe, das universelle Wertevakuum aufzufüllen: Das Mittel dafür sei die Aufforderung, immer mehr zu konsumieren. Die kapitalistische Gesellschaft zeichne sich durch eine ungeheure
"Manipulationskapazität" aus, argumentierte Badiou.

Dieser dekadenten Formation sei es mittels raffiniert angelegter Strategien gelungen, mündige Menschen in bloße Konsumenten zu verwandeln. Die Menschen würden sich in der Warenwelt wieder erkennen, sie fänden ihre Seele in ihren Autos, Fernsehgeräten oder Computern. In diesem künstlichen Paradies, die dem Einzelnen die perfekte Erfüllung all seiner Wünsche suggeriere, herrsche eine komfortable, reibungslose Unfreiheit.

Der Eindruck einer dynamischen Gesellschaft werde vermittelt, die dem Konsumenten immer mehr Anreize biete, seine vermeintlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Eine glitzernde Scheinwelt - ein universelles Simulacrum - werde inszeniert, um den tiefsten Sinn der menschlichen Existenz zu verdeutlichen: "Du sollst konsumieren!"

Entwurf einer "kommunistischen Hypothese"

Dieser an Karl Marx und Herbert Marcuse geschulten Analyse des Kapitalismus folgte der Vorschlag Badious, eine neue "kommunistische Hypothese" zu wagen, die sich an den Frühschriften von Marx orientieren sollte. Da habe noch die Vorstellung von einer gemeinschaftlichen Organisation der Gesellschaft existiert, in der die ungerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums beendet würde.

Badiou räumte ein, dass diese Idee von den Machthabern des totalitären "realen Sozialismus" pervertiert wurde. Dennoch schlug er vor, einen neuen Anlauf zum Kommunismus zu wagen, der eine neue Qualität des individuellen und gesellschaftlichen Lebens bewirken werde.

Desavouierte Idee

Dieser Vorschlag trug ihm den Vorwurf von Peter Engelmann ein, warum er "eine geschichtlich desavouierte Idee, die so viel Leid mit sich gebracht habe", wieder beleben wolle und warum er nicht nach anderen Alternativen suche. Doch Badiou beharrte auf seinem Konzept und bat um Verständnis, dass die Mittel, eine gerechte Gesellschaft zu begründen, erst gefunden werden müssen, denn "die Philosophie verwandelt unbekannte Möglichkeiten in bekannte".

Der Grundgedanke Badious stieß auch bei Vajda auf grundsätzliche Ablehnung. Der Philosoph, der von der kommunistischen Partei Ungarns verfolgt wurde, hat genug von jeder Form des Kommunismus, auch von der "kommunistischen Hypothese" Badious, die eine neue Qualität des Zusammenlebens verheißt. Die Ablösung vom Kommunismus erfolgte bereits, wie Vajda im Gespräch mit science.ORF.at. konkretisierte, zu der Zeit, in der er vertraute Gespräche mit dem "großen, alten Marxisten Georg Lukács" führte, den Vajda damals sehr mochte und schätzte.

Obwohl Lukács, der durchaus für Reformen des totalitären Kommunismus offen war, ebenfalls die staatlichen Repressionen am eigenen Leib erlebte, behielt er seinen Glauben an diese Ideologie bei. Das erklärt sich Vajda so, dass Lukács nur daran interessiert war, wie man in Zukunft die Lage der Menschen verbessern und den Zustand der "transzendentalen Obdachlosigkeit" beenden könnte. Den konkreten "Ist-Zustand" sah Lukacs als bloße Kontingenz, die für das zukünftige "goldene Zeitalter" keine Bedeutung habe.

Philosophie als Perspektivismus

Seine eigene philosophische Position, die Vajda heute einnimmt, ist von Friedrich Nietzsche geprägt. Er lehnt abstrakte Theorien oder metaphysische Systeme, die von einer gültigen Wahrheit ausgehen, ab. In seinem Buch "Die Krise der Kulturkritik" analysierte er die Neigung zur Tyrannei, der Philosophen wie Martin Heidegger oder Georg Lukács nachgehen.

Vajda selbst geht davon aus, das Philosophie nur als Perspektivismus existieren kann, der untrennbar mit den Memoiren des Philosophen verbunden ist. Er beruft sich auf Nietzsches Experimentalphilosophie, die davon ausgeht, dass es für den Philosophen wichtig ist, zahlreiche Lebensexperimente auf verschiedenen Gebieten durchzuführen, sie zu sammeln und daraus einen Lebensstil zu formen.

Badious "Lob der Liebe"

Am nächsten Tag erfolgte noch eine weitere Veranstaltung: Im Vestibül des Burgtheaters sprachen der Philosoph und Übersetzer Stefan Zweifel mit Alain Badiou über dessen Buch "Lob der Liebe", das sich mittlerweile als Bestseller entpuppt. Darin verweist Badiou darauf, dass sich die Liebe nicht durch ein rationales Kalkül bestimmen lässt, das von Philosophen so sehr geschätzt wird.

Die Königin der Wissenschaften hat Schwierigkeiten, sich auf das aufwühlende Erleben von Liebe einzulassen. Zwar verstehen die Philosophen ihre Tätigkeit als ein Projekt, das von der Liebe zur Weisheit geleitet wird, die konkrete Liebe zu den Menschen wird dabei jedoch vernachlässigt.

Elementarerlebnis Liebe

Für Badiou ist die Liebe ein Ausnahmezustand, der den grauen Alltag des Lebens aufbricht. Die Liebe - das Kennzeichen des Menschlichen - zählt zu den Erfahrungen im Leben, die man durchlebt und nicht theoretisch bewertet. Als tiefgreifende Gefühlsbewegung entzieht sie sich jeder Definition.

Am Anfang der Liebe steht eine Trennung, meint Badiou. Die Liebe ist das Eingeständnis, dass ich nicht allein leben kann, dass die/der andere unbedingt dazugehört. Und diese/r andere bleibt immer von einem selbst unterschieden. Es besteht keine Möglichkeit, jemals mit dem anderen identisch zu werden. Deshalb nennt Alain Badiou die Liebe die "Bühne der Zwei".

Der Feind der Liebe ist der Egoismus: "Der Hauptfeind der Liebe, derjenige, den ich besiegen muss", schreibt Badiou, "ist nicht der andere, sondern das bin ich, das ,Ich', das die Identität gegen den Unterschied will, das seine Welt gegen die Welt durchsetzen will, die im Prisma des Unterschieds gefiltert und neu zusammengesetzt wird."

Exemplarische Liebe

Als Beispiel einer nicht-egoistischen Liebe wird im Buch Badious die Ehe des französischen Philosophen und Soziologen André Gorz genannt. Seine berührende Liebenserklärung an seine Frau Dorine, die er im "Brief an D. Geschichte einer Liebe" formuliert, lautet folgendermaßen:

"Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um zwei Zentimeter kleiner geworden. Du wiegst nur noch 45 Kilo und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit 58 Jahren leben wir nun zusammen und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag."

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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