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Mund eines Mädchens

Denken wie ein Muttersprachler

Als Erwachsener eine Fremdsprache zu lernen ist erfahrungsgemäß nicht ganz einfach. Die Mühe kann sich Forschern zufolge aber lohnen: Nach einem bestimmten Unterricht ähneln zumindest die Gehirnwellen jenen von Muttersprachlern. Außerdem hilfreich: eine längere Lernpause.

Fremdspracherwerb 29.03.2012

Begrenztes Lernvermögen

Gelingt es Kindern noch wie von selbst fremde Klänge, neue Strukturen und Worte zu übernehmen und zu behalten, quälen sich Erwachsene in der Regel mit der ungewohnten Aussprache, unbekannten Sprachstrukturen und neuen Vokabeln. Das ältere Gehirn ist weniger plastisch und unser Lernvermögen nimmt gängigen Theorien zufolge tendenziell ab. Daher werde es mit zunehmendem Alter immer schwieriger, eine neue Sprache zu lernen. Sie jemals auch nur annähernd so gut wie ein Muttersprachler zu beherrschen, halten viele für ausgeschlossen.

Eine weitere gängige Annahme besagt, dass man bei fehlender Praxis erworbene Sprachfähigkeiten auch schnell wieder verliert. Beide Aspekte des Fremdspracherwerbs hat ein Team um Kara Morgan-Short von der University of Illinois at Chicago nun in einer experimentellen Studie untersucht.

Typische Gehirnwellen

Die 20 erwachsenen Teilnehmer, die davor nur Englisch sprachen, mussten dabei in drei Trainingseinheiten die von den Forschern entworfene Kunstsprache Brocanto 2 lernen. In der Aussprache unterscheidet sich diese kaum vom Englischen, aber grammatikalisch ist sie völlig anders aufgebaut. Insgesamt lassen sich mit ihrem Inventar 1.404 Sätze bilden. Für Studienzwecke hat die überschaubare Größe im Vergleich zu natürlichen Sprachen große Vorteile. Es handelt sich gewissermaßen um ein vereinfachtes Modell eines sehr komplexen Systems. Man kann es daher sehr rasch lernen und die Ergebnisse besser vergleichen.

Die jeweils 13 Minuten dauernden Basismodule wurden rein mündlich gehalten, allerdings mit zwei unterschiedlichen Methoden. Die eine Hälfte der Teilnehmer wurde in einer traditionellen, grammatikorientierten Weise unterrichtet. Neben den Wörtern und Sätze erhielten sie auch Metaerklärungen über Satzaufbau, Wortkategorien, Flexion, etc. Die zweite Gruppe wurde nur mit Worten, Sätzen und dazu passenden Bildern - ähnlich einer natürlichen Sprachumgebung - trainiert, "Immersionstraining" nennen die Forscher dieses Setting. Zwischen den Trainingseinheiten mussten die Teilnehmer Übungen absolvieren, um ihre erworbenen Kenntnisse zu testen.

Während der Tests wurden die Gehirnströme mittels EEG gemessen, konkret suchten die Forscher nach sogenannten Ereigniskorrelierten Potentialen (ERP) - Wellenformen, die mit kognitiven Prozessen zusammenhängen. Bestimmte Aktivierungsmuster sind bekanntermaßen mit Sprache assoziiert, manche sind ganz typisch für Muttersprachler.

Um die Langzeiteffekte zu überprüfen, wurden die Teilnehmer drei bis sechs Monate später ohne Vorwarnung zu einer weiteren Überprüfung ihrer Fähigkeiten eingeladen, bei der sie nach einer kurzen Aufwärmphase wieder Sprachtests absolvieren mussten und gleichzeitig ihre Hirnströme gemessen wurden.

Pausen zur Wissenskonsolidierung

Beide Gruppen hatten es laut den Forschern nach der ersten Trainingsphase zu recht professionellen Fertigkeiten in Brocanto 2 gebracht. Auch nach dem "Recall" Monate später, bei dem vor allem grammatikalische Fähigkeiten getestet wurden, erzielten alle erneut hervorragende Ergebnisse. Das steht den Forschern zufolge in Widerspruch zu bisherigen Studien: Die meisten diagnostizierten einen Abbau, nachdem eine Sprache über einen längeren Zeitraum weder gehört, gesprochen oder sonst geübt wurde. Die Autoren vermuten eine Art stille Konsolidierung, bei der das Gelernte sich noch weiter festigt.

Unterschiede zeigten sich allerdings bei den ERPs. Bei beiden Gruppen ähnelten sie beim Test nach Monaten mehr jenen von Muttersprachlern als nach dem ersten Training. Auch dahinter könnte laut den Forschern die offline-Konsolidierung stecken, man kenne derartige Mechanismen auch von anderen automatisierten Fertigkeiten, wie Radfahren oder das Spielen eines Instruments. Die Inhalte wanderten dabei sozusagen langsam vom deklarativen ins prozedurale Gedächtnis. In den meisten Untersuchungen gehe es jedoch um kürzere Unterbrechungen, etwa durch Schlaf. Wie es aussieht, könnten aber auch längere Pausen einen ähnlichen Nutzen haben - zumindest dann, wenn man etwas bereits sehr gut gelernt hat.

Quasi-muttersprachliche Gehirnwellen

Auch hinsichtlich der Trainingsmethoden ergab sich bei den Hirnströmen ein deutlicher Unterschied. Die ERPs der Probanden aus dem "Immersionstraining" ähnelten in beiden Testphasen noch mehr jenen von Muttersprachlern. Offensichtlich wird bei einem derartigen Unterricht das Gelernte schneller in implizites Wissen umgewandelt, mit anderen Worten: automatisiert. Explizite Regeln stehen dem unter Umständen sogar im Weg.

Auch diese Erkenntnis widerspreche den Forschern zufolge in gewisser Weise bisherigen Studien: "Traditioneller Sprachunterricht erzielte bis jetzt meist die besseren Ergebnisse", so Morgan-Short. Vermutlich gelte das aber nur für die frühe Phase des Erwerbs, die aufgrund der Komplexität und Größe natürlicher Sprachen in der Regel untersucht wird.

Mit einer am natürlichen Spracherwerb orientierten Methode lasse sich jedoch langfristig vermutlich die größere Ähnlichkeit mit Muttersprachlern erzielen bzw. mit deren Gehirnströmen, selbst im fortgeschrittenem Lebensalter. Auch wenn sich die Leistungen bei dieser Untersuchung nicht unterschieden haben, gehen die Forscher davon aus, dass dies beim Erwerb einer "echten" Sprache auf jeden Fall ein Vorteil ist.

Für den Urlaub reicht also eine konventionelle Grammatikeinführung, für sprachliche Perfektion muss man wohl in das jeweilige Land ziehen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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