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Vor der Räumung der besetzten Häuser Aegidigasse/Spalowskygasse, 1988

Der Mehrwert der Hausbesetzer

Die Besetzung der Arena in Wien vor fast 36 Jahren war nur der Anfang. Danach wurden immer wieder Häuser und Objekte besetzt, um gegen Spekulation zu demonstrieren oder alternative Lebensformen auszuüben. Sind die Hausbesetzer vielen Menschen bis heute ein Dorn im Auge, so haben sie für eine Stadt durchaus einen Mehrwert.

Zeitgeschichte 10.04.2012

Mehr als die Hausbesitzer haben die Hausbesetzer dazu beigetragen, aus der verschlafenen Bundeshauptstadt der 70er Jahre eine buntere, offenere und kulturell vielfältigere zu machen. Und das ist ein nicht unbedeutender Marketingfaktor, wie der Historiker Siegfried Mattl anlässlich einer Ausstellungseröffnung am Wienmuseum in einem Interview erzählt.

Porträtfoto des Historikers Siegfried Mattl

Universität Wien

Siegfried Mattl ist Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Gesellschaft in Wien.

Ausstellung:

Die Ausstellung "Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern" wird am 11. April im Wienmuseum eröffnet und läuft noch bis 12. August. Die Bilder unten stammen aus der Ausstellung.

Links:

"Arena besetzt“, 1976

Heinz Riedler / Sammlung Wien Museum

"Arena besetzt“, 1976

Arena-Plakat, 1976

Sammlung Wien Museum

Arena-Plakat, 1976

Vor der Räumung der besetzten Häuser Aegidigasse/Spalowskygasse, 1988

Robert Newald Photographie

Vor der Räumung der besetzten Häuser Aegidigasse/Spalowskygasse, 1988

Kinder im Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse, 1982

Christian Schreibmüller / Sammlung Wien Museum

Kinder im Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse, 1982

Flugblatt zur Demo „Keine Schonzeit für Hausbesitzer“, 1981

Sammlung Peter Lachnit, Wien

Sendungshinweis:

"Wien heute", 12. April 2012

science.ORF.at: Gleichgültig ob Wagenburg, Pankahyttn oder zuletzt Lindengasse: Wenn man Online-Foren zu Geschichten über besetzte Häuser oder alternative Wohnformen liest, lautet der Grundtenor oft "asoziale Gfraster". Was kann man dem entgegensetzen?

Siegfried Mattl: Etwa, dass unglaubliche Geldmengen in die Subventionierung von privatem Wohnen, auch von privatem Wohnungseigentum hineinfließen. Im Vergleich dazu geht es bei diesen alternativen Wohnformen um sehr geringe Summen. Zum Teil können Städte Hausbesetzerszenen für einen Imagegewinn auch fruchtbar machen. Der Hype etwa um Berlin wäre gar nicht denkbar ohne die vitalen Szenen der Hausbesetzer, die eine eigene Subökonomie aufgebaut haben. Dieses Milieu war Ausgangspunkt für alles das, was heute als Szene gilt: Musiklokale etwa, die Raum für Experimente aller Art boten. Das könnte man - siehe z.B. Flex - auch für Wien sagen.

Historisch gilt die Besetzung der Arena 1976 auf den ehemaligen Schlachthöfen in St. Marx als Anfang dieser Bewegung. Hat es aber nicht auch weniger bekannte Vorläufer dazu gegeben?

Die Arena war sicher der markante Punkt, an dem erstmals eine kritische Dichte an Leuten entstanden ist, die die alternativen Kulturen sowohl machten als auch perzipierten. Diese Kombination von Musik, Theater, Design, Medienproduktion, das ist erstmals in der Arena passiert. Natürlich hat es Vorläufer gegeben, die aber nicht gut erforscht sind. So gab es etwa Traditionen von Vorstadtgasthäusern, in denen Pop- und Rockgruppen aufgetreten sind. Oder die große Aufregung, die Konzerte von den Rolling Stones und den Kinks ausgelöst haben, zu denen tausende von jungen Leuten geströmt sind und Unbehagen hatten gegenüber dem, was die Stadt ihnen erlaubt hat. Ausgedrückt haben sie dieses Unbehagen durch Krawall, Sessel wurden zertrümmert, es gab Konfrontation mit der Polizei.

Davon waren aber keine besetzten Häuser betroffen.

Nein, die Konzerte fanden in der Stadthalle statt und die Qualität der Musik in der Arena war auch nicht so gut (lacht). Aber sie hat den Raum geboten, in dem auch diese Leute, die bisher gewohnt waren, gegen Bezahlung in der Stadthalle einmal im Jahr ein Konzert zu hören, etwas mitgestalten zu können. Es sind neue Austauschformen zwischen Künstlern und Publikum entstanden, dieses Community-Gefühl war etwas Exklusives für die Arena und hat ihren Mythos begründet.

Der Arena folgte 1979 der glücklose Versuch, die Phorushalle in Wien-Margereten zu besetzen. Was ist an diesem eher in Vergessenheit geratenen Fall interessant?

Er zeigt, wie stabil mittlerweile dieses Milieu geworden war, das nach Orten in der Stadt gesucht hat, deren Nutzung noch offen war. Die Phorushalle war eine von vielen Markthallen, die die Modernisten in der Wiener Stadtregierung in den 70er Jahren nicht mehr für notwendig hielten und mit Supermärkten und Großgeschäften ersetzen wollten.

Die Phorushalle sollte konkret einem Seniorenheim weichen, was in einer Situation, in der das Lebensgefühl der Stadt ohnehin bestimmt war vom Gefühl des nahenden Todes, besonders pikant war. Kurz bevor sie geschliffen werden sollte, hat die Wiener ÖVP einen sogenannten Ideenflohmarkt in der Halle abgehalten. Die ÖVP gab sich in der Zeit unter Erhard Busek und Jörg Mauthe progressiv-konservativ und setzte sehr auf die Idee, die Gründerzeitstadt durch Kultur zu erneuern.

Am letzten Tag des Ideenflohmarkts geschah aber Unvorhergesehenes. Jugendliche drangen in die Halle ein und wollten ein autonomes Kulturzentrum errichten. Die ÖVP hatte Angst, dass sie die Verantwortung für eine Besetzung übernehmen müsste, und wendete sich an die Polizei. So kam es zu einer völlig unnötigen Auseinandersetzung, die verprügelten die Jugendlichen, die ohnehin abzogen wollten.

Das war vielleicht das letzte Mal, wo die Verantwortlichen der Stadt in so einer Situation einzig auf Repression gesetzt haben. Vielleicht haben sie danach gelernt, dieses kritische Potenzial auch zu nutzen. Denn woher sollten die Kräfte sonst herkommen für eine zeitgemäße Entwicklung der Stadt?

Worin bestand die Herausforderung dieser "zeitgemäßen Stadtentwicklung"?

Das große Konzept der 50er und 60er Jahre lautete: Stadterweiterung. Großsiedlungen wurden am Rande der Stadt errichtet und die historischen Zentren der Stadt in gewisser Weise dem Verfall preisgegeben. Ein Konzept, das völlig schiefgegangen ist, weil die Stadterweiterungsgebiete zu reinen Schlafstätten wurden, mit Jugendkriminalität und anderen Problemen.

Die Stadt hatte gar nicht das Geld, diese Orte wie ursprünglich gedacht auch mit Unterhaltungs- und Versorgungseinrichtungen auszustatten. Daher passte es nicht schlecht, eine Politik der Stadterneuerung zu entwickeln. Das hieß konkret: Renovierung, Sanierung und Stärkung der historischen Zentren. Das war auch ökonomisch sinnvoll und sprach dafür, die schnell verkommenden Gebiete innerhalb des Gürtels mit zunächst kleinen Projekten zu fördern und neue kulturelle Aktivitäten zuzulassen.

Wie ändert sich die Strategie der Stadt?

Bei allen Bedenken, die man am patriarchalen Stil des Bürgermeisters Helmut Zilk haben kann, unter ihm erfolgt ein Umdenken: Die alternativen Szenen und Milieus begannen sich vereinsmäßig zu organisieren, so wie die Stadt das wollte, es entwickelte sich langsam eine cultural entrepreneurship. So entstanden wichtige Einrichtungen wie das Rockhaus Simmering, das WUK expandierte, das Amerlinghaus wurde aufgewertet, eine Reihe neuer kultureller Projekte gefördert. Wien konnte dadurch wieder an urbaner Qualität gewinnen. Die Stadtregierung blieb aber vorsichtig und wollte wilde Formen von Besetzung auch in den 80er Jahren nicht tolerieren, siehe Aegidigasse.

War das Konsens in der von der SPÖ geführten Stadtregierung?

Nein, sie war gespalten. Es gab Stadträte, vielleicht sogar Fraktionen innerhalb der SPÖ, die auf Konsens orientiert waren, die bereit waren, zumindest in Form von Prekarien eine mittelfristige Nutzung der Häuser zu garantieren. Und dann gab es Hardliner, die sich die Stadt anders vorstellten, die den Altbestand schleifen und stattdessen Neubauten innerhalb des Gründerzeitrasters bauen wollten.

Das war ein komplett anderes Modell, bei dem es auch um ganz unterschiedliche Vorstellungen von Gesellschaft ging. Auf der einen Seite stand das Modell der idealen Familie mit vielleicht nur mehr einem Kind statt zwei wie früher, das Modell von disziplinierten Arbeitern und Angestellten. Auf der anderen Seite standen die doch sehr ungeordneten Lebens- und Beziehungsformen, die das Milieu der Jugendbewegung und der Hausbesetzerszene in den 80er Jahren ausgemacht haben.

Wenn sich Künstler und Menschen mit alternativen Lebensformen in neuen Vierteln ansiedeln, kann es auch zum Phänomen der Gentrifizierung kommen: Die Mieten steigen, alte Bewohner werden verdrängt, die Plätze werden für Investoren interessant. Wieweit ist auch Wien davon betroffen?

Die Problematik der Gentrifizierung ist auch in Wien gegeben. Aber Kapitalgesellschaften haben hier erst seit Mitte der 80er Jahre systematisch in den Wohnbau investiert. Immobilienfonds sind heute vertraut, damals kannte man sie kaum. Der größte Teil des Altbaubestandes befand sich in Familienbesitz und die meisten Familien wollten gar nicht großflächig verkaufen. Großflächige Verkäufe liegen aber den wirklichen Prozessen der Gentrifizierung in Städten wie Paris oder London zugrunde.

Die Möglichkeit, ganze Blocks zusammenzuführen und die Gegend mit flankierenden Maßnahmen aufzuwerten, die ärmeren Bewohner zu verdrängen etc., fehlt eigentlich bis heute in Wien. Hier gibt es eher kleinteilige Veränderungen und eine für die Geschichte dieser Stadt typische "vertikale Gentrifizierung": Sie drückt sich eher in immer mehr Dachausbauten aus und weniger in der Umstrukturierung eines gesamten Blocks.

Ihr Katalogbeitrag zur Ausstellung im Wienmuseum heißt "Der Mehrwert der urbanen Revolte". Worin liegt der - abschließend - genau?

Man kann ihn an vielen Punkten festmachen. Das wichtigste ist, dass die Hausbesetzer auf die Häuserspekulation aufmerksam gemacht haben. Sie betrifft nicht nur ein einzelnes Objekt, sondern wirkt sich auch auf die umliegenden Grätzel aus und greift die Identität einer Stadt substanziell an. Das zweite ist, dass aus diesen Szenen immer wieder tolle Projekte hervorgegangen sind, mit denen sich die Stadt zehn Jahre später bewirbt. V.a. Clubs, Kulturzentren, Musiklokale und - ganz generell - die Entstehung von Mannigfaltigkeit und Buntheit, Zeichen von Offenheit und Toleranz, die heute auch zu Marketingfaktoren einer Großstadt geworden sind.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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