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Stempel und Formular für Arbeitslosengeld

Arbeitslosigkeit abseits der Statistik

Rund 200 Millionen Menschen sind weltweit arbeitslos, alleine in Europa sind es 25 Millionen. Österreich ist mit einer Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent ein "Musterschüler". Doch auch hierzulande ist nicht alles rosig. Wie entsprechende Statistiken zustande kommen und funktionalisiert werden, zeigt der Politologe Christoph Parak.

1. Mai 30.04.2012

Fast jeder zweite Arbeitslose Österreichs hat höchstens eine Pflichtschule abgeschlossen: Parak, der Geschäftsführer des Wiener Dachverbands für sozial-ökonomische Einrichtungen, hält deshalb die berufsbezogene Qualifizierung "on the job" für eine sozialpolitische Notwendigkeit. Der zweite Arbeitsmarkt wird so zum Sprungbrett in den ersten, schreibt er in einem Gastbeitrag.

Das Los der Arbeit

Von Christoph Parak

Über den Autor:

Porträt von Christoph Parak, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des Wiener Dachverbands für sozial-ökonomische Einrichtungen

Christoph Parak

Christoph Parak ist Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des Wiener Dachverbands für sozial-ökonomische Einrichtungen (DSE-Wien). Der Dachverband vertritt Organisationen, die langzeitbeschäftigungslose Menschen beraten, qualifizieren und beschäftigen. Die Interessensvertretung repräsentiert 29 Organisationen mit 45 Projekten, die nach Eigenangaben jährlich in Wien über 20.000 Menschen beraten oder Jobs verschaffen.

Zahlen legitimieren: daher keine Debatte über Arbeitslosigkeit ohne Statistik. Es sind eminent politische Zahlen: Sind sie hoch, werden Maßnahmen und Gelder gefordert, sind sie niedrig, werden arbeitsmarktpolitische Forderungen hintangestellt. Sowohl die Datenbasis als auch die Definition dessen, was Arbeitslosigkeit ist, stehen meist im kaum beachteten Kleingedruckten.

So sank mit dem EU-Beitritt Österreichs die Arbeitslosenquote beachtlich, indem auf die europäische Berechnungsmethode des Labour-Force-Konzepts umgestellt wurde. Ausgehend von Mikrozensusdaten der Wohnbevölkerung gilt jemand als erwerbstätig, sobald in der Referenzwoche zumindest eine Stunde gearbeitet wurde (das inkludiert die große Zahl geringfügiger, nicht existenzsichernder Beschäftigungsverhältnisse).

Hingegen basiert die österreichische Arbeitslosenquote auf den beim AMS vorgemerkten Personen und den vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger erfassten unselbstständig Beschäftigten. So standen 2011 europäische 4,2 Prozent einer österreichischen "Registerquote" von 6,7 Prozent gegenüber.

Euphemismus "Arbeitsmarktferne"

Die Festlegung der Zielgruppe ist das nächste Politikum. Wer meint, der Begriff "arbeitslos" sei selbsterklärend, irrt. So haben Langzeitarbeitslose mit langzeitbeschäftigungslosen Menschen gemeinsam, bereits länger als zwölf Monate keiner unselbstständigen Erwerbsarbeit nachgegangen zu sein. Was die beiden Gruppen unterscheidet, ist, dass Langzeitbeschäftigungslose in diesem Jahr an einer AMS-Maßnahme von mindestens 28 Tagen teilgenommen haben.

Wer Schlagzeilen liest wie "Langzeitarbeitslosigkeit um Hälfte gesunken", sollte weder euphorisch noch gutgläubig sein: Es handelt sich um keine "geschönten" Zahlen, vielmehr wurde bereits bei der Definition von längerer Arbeitslosigkeit der Weichzeichner angesetzt. Im März 2012 wurde von einem Rückgang der Langzeitarbeitslosigkeit in Österreich auf 4.791 Personen berichtet; die 73.716 Langzeitbeschäftigungslosen jedoch blieben unerwähnt.

Seit 2012 bereichert der Ausdruck der "Arbeitsmarktferne" den arbeitsmarktpolitischen Begriffsapparat. Wer in den letzten zwölf Monaten höchstens zwei Monate angemeldet beschäftigt und zusätzlich vier Monate beim AMS gemeldet war, gilt als arbeitsmarktfern. Arbeitsmarktferne Personen stehen nun im Fokus arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen; aufgrund gleichbleibender Ressourcen besteht die Tendenz, eine zielgruppengerechte Arbeitsmarktpolitik zu verwässern.

Problemzone Wien

2011 kam Wien der Zehn-Prozent-Arbeitslosenquote schon nahe, der höchste Wert seit 1995. Gehört Österreich zu den Top-Drei-Ländern der EU, fällt Wien in das letzte Drittel der Arbeitslosenstatistik vergleichbar großer Städte ab. Hauptursache ist der erfolgreiche ökonomische Strukturwandel Wiens hin zur Dienstleistungsmetropole. Dabei gingen viele Industriejobs für gering Qualifizierte verloren, die in diesem Umfang nicht ersetzt wurden.

Neben der Quantität fordert gerade die Qualität der Arbeitslosigkeit den urbanen Ballungsraum: 29 Prozent aller Arbeit suchenden Menschen gehören zur Gruppe der Langzeitbeschäftigungslosen und insgesamt lebt fast die Hälfte aller österreichischen Langzeitbeschäftigungslosen in Wien.

"Weiterbildung" floriert

Auch wissenschaftlich sind die destruktiven Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit seit über 80 Jahren bekannt. In ihrer epochalen Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" sprechen Lazarasfeld/Jahoda/Zeisel von einer "müden Gesellschaft": Menschen, die lange Zeit arbeitslos sind, gehen selten wählen, nehmen weniger am gesellschaftlichen Leben teil und sind öfter krank.

Im modernen Soziologendeutsch spricht man von multifaktoriellen Problemlagen, gemeint sind Verschuldung, Gesundheitsprobleme, prekäre Wohnungssituation, Suchtproblematik. Diese "Vermittlungshemmnisse" aus dem Weg zu räumen ist bei einem Beratungsgespräch von durchschnittlich zwölf Minuten selbst bei motiviertester AMS-Betreuung praktisch unmöglich.

In Folge floriert der Weiterbildungsmarkt durch sogenannte Aktivierungsmaßnahmen, sprich Bewerbungstrainings. Erfolg wie Sinnhaftigkeit dieser Art der "Weiterbildung" ist von allen Seiten höchst umstritten.

Aufstiegsleiter in den ersten Arbeitsmarkt …

In den 1980er Jahren entdeckte man in den sozialökonomischen Betrieben ein Sprungbrett für Langzeitarbeitslose zurück in den regulären Arbeitsmarkt. Es sind gemeinnützige Einrichtungen, die geförderte befristete Beschäftigungsverhältnisse bieten und durch den Verkauf von Waren oder Dienstleistungen Erlöse erwirtschaften; wie z. B. Carla, das Secondhand-Geschäft der Caritas, der Würfel und die Trashdesign-Manufaktur gabarage.

Die von öffentlicher Hand geförderten Betriebe arbeiten in den Branchen Gastronomie, Handel, Handwerk, Reparatur-, Recycling- sowie Besuchs- und Reinigungsdienste oder vermitteln geförderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Personalüberlassung in alle Branchen.

Die Beschäftigten erhalten sozialarbeiterische Unterstützung, um persönliche oder familiäre Problemstellungen nachhaltig zu lösen; sie bleiben meist ein halbes Jahr im Betrieb und werden persönlich bei der Arbeitsplatzsuche unterstützt. Eigens ausgebildetes Arbeitsanleitungspersonal unterstützt die Beschäftigten bei im Arbeitsprozess auftretenden Schwierigkeiten.

… sozialökonomische Betriebe

Zwei Drittel der Menschen, die in einem sozialökonomischen Betrieb arbeiten, haben lediglich einen Pflichtschulabschluss. Wird berücksichtigt, dass jede/r dritte/r Pflichtschulabsolvent/in als funktionaler Analphabet gilt, also nicht sinnerfassend lesen kann, gehört Qualifizierung "on the job" zum wichtigsten Vorteil dieser Betriebe.

Im Vergleich zu anderen Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik gelten Beschäftigungsinitiativen als teuer. Dennoch ist es ein Aufwand, der sich gesamtgesellschaftlich "rechnet": 40 Prozent der Beschäftigten sind nachhaltig beschäftigt und verdienen innerhalb von drei Jahren um 6.000 Euro mehr als jene, die in keinem sozialökonomischen Betrieb gearbeitet haben.

Der Großteil der Betroffenen - 87 Prozent - beurteilt ihre Mitarbeit in einem Beschäftigungsprojekt durchwegs positiv. Wobei neben der fachlichen Qualifizierung gerade soziale Kompetenzen geschätzt werden wie die Stärkung des Selbstwertgefühls.

So wie Statistiken soziale und persönliche Dimensionen von Arbeitslosigkeit nicht abbilden, sind auch die Erfolge aktiver Arbeitsmarktpolitik nicht auf diese formale Ebene beschränkt.

Anschaulicher vermittelt das Sabine Derflingers Film "Hot Spot". Beispielhaft porträtiert an Einzelschicksalen vermittelt die Dokumentation das wirklichkeitsverändernde Potenzial eines Arbeitsplatzes, nach Jahren der Arbeitslosigkeit. Der Arbeitsmarkt spiegelt gesellschaftliche Entwicklungen wider und macht ihre Defizite sichtbar. Anspruchsvolle aktive Arbeitsmarktpolitik wirkt gegen verfestigte Ausgrenzung am Arbeitsmarkt, kann aber keine Reparaturwerkstatt gesellschaftlicher Fehlentwicklungen insgesamt sein.

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