Standort: science.ORF.at / Meldung: "Schwefelsäure ätzte Kraushöhle in Karst"

Detailaufnahme der Kraushöhle in der Obersteiermark

Schwefelsäure ätzte Kraushöhle in Karst

Die meisten Höhlen weltweit sind durch kohlensäurehältiges Wasser entstanden, welches von oben in den Berg eindringt und das Kalkgestein langsam auflöst. Völlig anders wurde die Kraushöhle in der Obersteiermark geformt: Sie ist die erste nachweislich durch Schwefelsäure gebildete Höhle in den Ostalpen.

Geologie 04.05.2012

Das haben Wissenschaftler des Naturhistorischen Museums Wien (NHM) herausgefunden und in der Fachzeitschrift publiziert. Die bekanntesten Beispiele ähnlich entstandener Höhlen gibt es in New Mexiko ("Carlsbad Cavern") und Italien ("Frasassi Höhle").

Komplett andere Form

Die Kraushöhle nahe Gams bei Hieflau zählt zu den sogenannten "hypogenen", also von unten entstandenen Höhlen. "Das passiert wenn Schwefelwasserstoff-hältige Tiefenwässer aufsteigen und in kleinen Hohlräumen mit Sauerstoff von der Oberfläche zusammenkommen. Dann wird der Schwefelwasserstoff zu Schwefelsäure oxidiert, die gegenüber dem Kalk sehr aggressiv ist und diesen in Gips umwandelt", erklärte Karst- und Höhlenkunde-Spezialist Lukas Plan vom NHM im Gespräch mit der APA. Der Gips wiederum sei leicht wasserlöslich und wird entweder mit abfließendem Wasser abtransportiert oder reichert sich an Ort und Stelle an.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Höhle berichtet auch Wissen Aktuell am 4.5. um 13:55.

Konsequenz dieses Prozesses ist eine "komplett andere Form" solcher Höhlen im Vergleich zu jenen, die durch kohlensäurehältiges Wasser ausgewaschen und ausgelaugt wurden. Während letztere oft lange verzweigte Gänge besitzen, weisen Höhlen, die durch Schwefelsäure entstanden sind, andere typische Merkmale auf, etwa in einem dreidimensionalen Labyrinth um einzelne isolierte Hallen angeordnete Gänge sowie kuppelförmige Deckenstrukturen. Zudem finden sich reichlich Gipskristalle mit teilweise bis zu 30 Zentimeter großen Kristallen und andere spezielle Mineralien, die nur unter extrem sauren Bedingungen entstehen können, so Plan, der gemeinsam mit Kollegen der Universitäten Bologna, Wien und Innsbruck die Studie durchgeführt hat.

Schwefelsäurekorrision nicht mehr aktiv

Sie haben dafür mit Hilfe von petrographischen und geochemischen Analyseverfahren das Einwirken der Säure auf das Kalkgestein und die damit verbundene Umwandlung in Gips sowie die spezielle Mineralbildung durch Schwefelsäurekorrosion untersucht. In der Arbeit werden auch bisher unbekannte schalenförmige Vertiefungen im Boden beschrieben, die durch herabtropfende schwefelsäurehaltige Wässer entstanden sind.

Der Prozess der Schwefelsäurekorrision ist in der Kraushöhle seit mindestens 70.000 Jahren nicht mehr aktiv. Die Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Höhle ist heute für Besucher zugänglich. Die Wissenschaftler sind sich aber sicher, dass es in der Gegend weitere Höhlenräume gibt, die durch die Wässer einer nahe gelegenen lauwarmen Schwefelquelle entstanden sind und noch immer gebildet werden.

Plan verweist darauf, dass bereits 1885 der ehemalige Intendant des k.k. Naturhistorischen Hofmuseums, Franz von Hauer, den Prozess der Umwandlung von Kalk in Gips in der Kraushöhle erkannt und beschrieben hat. Seine Aufzeichnungen seien allerdings wieder in Vergessenheit geraten und später wurde die Entstehung der Kraushöhle meist anders interpretiert.

science.ORF.at/APA

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