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Eine Frau mit roten Haaren hört begeistert Musik aus einem Lautsprecher

"Wolperdinger" findet ähnlich klingende Musik

Ähnliche Musikstücke mittels Künstlernamen oder Musikgattung suchen - das ist bei den meisten Musikshops im Internet schon gang und gäbe. Ein Wiener Forscher hat jetzt ein Onlineprogramm entwickelt, das ausschließlich auf den Klang eines Titels hört, um ähnliche Musik zu finden.

Software 14.05.2012

"Wolperdinger" - hinter diesem Namen verbirgt sich eigentlich ein bayerisches Fabelwesen: ein Tier, das aus den Körperteilen verschiedener Waldbewohner zusammengesetzt ist. Ein Beispiel wäre etwa ein Hase mit einem Hirschgeweih und Flügeln.

Doktorarbeit und Video:

Die Doktorarbeit von Dominik Schnitzer ist auf seiner Website nachzulesen. Ebendort gibt es auch ein YouTube-Video zu sehen, in dem er seine Software "Wolperdinger" erklärt.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 14.5., 13:55 Uhr.

Dominik Schnitzer, Forscher am Österreichischen Institut für Artificial Intelligence, nennt seinen Softwareprototypen ebenfalls "Wolperdinger". Damit wollte er seinem Programm nicht nur einen attraktiven Namen geben, sondern auch auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Tools anspielen: Die Software sei zwar schon sehr ausgereift, bei der Weiterentwicklung gebe es aber noch durchaus Luft nach oben. Schnitzers "Wolperdinger" ist eine Online-Applikation, die dazu fähig ist, Musikstücke sozusagen "anzuhören", und ähnlich klingende Musikstücke rein aufgrund von Rhythmus und Klangfarbe herauszusuchen.

2,3 Millionen Lieder

"Wolperdinger" sieht auf den ersten Blick wie eine Suchmaschine aus - und funktioniert zunächst auch so: Es gibt ein Textfeld, in das der Benutzer einen Begriff eingeben kann. Mit einem Mausklick sucht die Software nach dem gewünschten Musikstück. In Bruchteilen von Sekunden sieht der Benutzer dann die Ergebnisse der Suche und kann mit einem Klick auf das Albumcover des jeweiligen Musiktitels diesen gleich anhören.

Mit einem weiteren Mausklick kann der User dann ähnlich klingende Musikstücke suchen und sich so Musikempfehlungen geben lassen - und hier kommt die eigentliche Software ins Spiel: "Wolperdinger liefert mir nun eine Liste mit fünf bis zehn ähnlich klingenden Songs zurück", sagt der Informatiker Dominik Schnitzer, "und diese Songs werden aus einer Datenbank von 2,3 Millionen Liedern ausgewählt".

"Keine Ahnung von Daten und Fakten"

Mit dabei sind Popsongs, klassische Musik und auch afrikanische Folklore. Dabei schlägt das Online-Tool aber nicht nur Musikstücke vor - man kann damit auch eine Art "Radiostation" starten: Dabei fungiert "Wolperdinger" wie ein DJ. Das Programm sucht zu einem gerade spielenden Musikstück einen ähnlich klingenden Titel aus, der dann als nächstes abgespielt wird. Und zu diesem Titel dann wieder einen ähnlich klingenden, und so weiter…

Dabei gibt es einen wesentlichen Unterschied zu herkömmlichen Musikempfehlungsprogrammen: "Der Computer hat keine Ahnung von Daten und Fakten zu den Musikstücken selbst, also beispielsweise wer hier spielt, welche Musikrichtung es ist oder in welchem Kontext die Musik gespielt wird", sagt Dominik Schnitzer.

Software vergleicht Tonfrequenzen

Aber wie arbeitet nun dieses Online-Tool im Detail? "Um überhaupt Musikempfehlungen nur auf Basis des Audiosignals abgeben zu können, muss "Wolperdinger" jedes Musikstück, das in der Datenbank abgelegt ist, einmal sozusagen anhören", erklärt Schnitzer. Und das funktioniert folgendermaßen: Das Programm untersucht, wie die Tonfrequenzen eines Musikstücks verteilt sind, und teilt so das Frequenzspektrum des Titels in zwei Komponenten ein: nämlich in Rhythmus und Klangfarbe.

Diese zwei Komponenten nennt Dominik Schnitzer das "Ähnlichkeitsmodell". Und dieses Modell wird für jeden Titel in der Datenbank erstellt und abgespeichert. "Um dann ähnliche Titel zu einem bestimmten Stück zu finden, werden die Ähnlichkeitsmodelle alle Lieder in der Datenbank mit dem ausgewählten Stück verglichen. Die fünf oder zehn ähnlichsten Musikstücke werden dann dem Benutzer präsentiert", sagt Schnitzer.

Einsatz bei MP3-Stores denkbar

Eingesetzt werden könnte "Wolperdinger" zum Beispiel bei Online-MP3-Shops, meint Schnitzer. "Zurzeit werden dem Benutzer dort Musikempfehlungen gegeben, indem ihm gesagt wird: Andere Leute, die dieses Musikstück gekauft haben, haben auch jenes Musikstück gekauft. "Wolperdinger" könnte hier einspringen und nicht nur auf Basis von Kaufentscheidungen anderer Kunden Empfehlungen abgeben. Man könnte das Programm hier einsetzen und z.B. eine zweite Empfehlungsleiste einblenden, die sagt: 'Hey, vielleicht gefällt dir dieses Musikstück, weil es so ähnlich klingt!'"

Die Online-Musiksuche "Wolperdinger" ist derzeit noch ein Prototyp und noch nicht öffentliche zugänglich. Vom jetzigen Entwicklungsstand wäre das Tool aber bereits einsatzbereit und könnte den Besucherinnen und Besuchern von Online-Musikshops bei ihren Einkäufen stets Musikstücke mit ähnlichen Klängen empfehlen - ob dieses "more of the same" aber auch den Vorlieben eines jeden Musikliebhabers entspricht, bleibt dabei dahingestellt.

Florian Petautschnig, Ö1 Wissenschaft

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