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Saatgut von Bockshornklee-Sprossen

Die Ungleichheit ist älter als gedacht

Als die Landwirtschaft vor rund 7.500 Jahren aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen ist, haben sich schnell soziale Unterschiede entwickelt. Die sesshaften Bauern vererbten Grund und Boden an ihre Söhne. Wer keinen begüterten Vater hatte, musste wandern und sich eine Siedlung suchen.

Landwirtschaft 29.05.2012

Die bisher ältesten Beweise für diese Entwicklung von Ungleichheit in Europa hat nun ein Team um die Urhistorikerin Maria Teschler-Nicola vom Naturhistorischen Museum Wien vorgestellt. Die Analyse von Skeletten zeigt auch gravierende Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Jungsteinzeit.

Die Studie:

"Community differentiation and kinship among Europe’s first farmers" von Alexander Bentley und Kollegen ist in den "PNAS" erschienen (sobald online).

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichtet auch Wissen aktuell, 29.5., 13:55 Uhr.

Eines der untersuchten Skelette aus der Jungsteinzeit

BDA – Neugebauer

Eines der untersuchten Skelette aus der Jungsteinzeit

Die Gesellschaft der Urbauern:

Die Linearbandkeramische Kultur (LBK) umfasst einen Zeitraum von ca. 5.500 bis 5.000 Jahren vor Chr. Hatten zuvor in Europa nur Jäger und Sammler gelebt, so betrieb sie erstmals sesshaft Ackerbau und Viehzucht. "Das waren frühe bäuerliche Siedlungen mit Landhäusern, in denen Großfamilien gelebt haben, rundherum lagen die bewirtschafteten Felder, andere nahe Landstriche wurden für die Weidehaltung verwendet", erklärt Teschler-Nicola. Der bevorzugte Boden dafür war Löss, wie Funde an allen Stätten der LBK zeigen, von Frankreich über Österreich bis in die Ukraine.

"Die Ungleichheit hat in der Urgeschichte früher begonnen als bisher gedacht", sagte Teschler-Nicola gegenüber science.ORF.at.

Methode der Studie

Die Forschungsresultate der Urhistoriker beruhen auf der sogenannten Strontiumisotopen-Analyse. Strontium lagert sich über die Ernährung in Zähnen und Knochen an, je nach geographischer Herkunft unterscheiden sich die Isotopenverhältnisse.

"Wer im Waldviertel aufwächst und sich ausschließlich von dort gewachsenen Früchten oder weidenden Tieren ernährt, nimmt ein anderes geologisches Signal auf als jemand aus dem Weinviertel", bringt Teschler-Nicola ein Beispiel. Dieses Signal speichert sich im Zahnschmelz an und wird im Lauf des Lebens nicht mehr verändert.

Durch eine Analyse des Zahnschmelzes nach dem Tod lässt sich klären, wo der Mensch in seiner Kindheit gelebt hat. Vergleicht man das mit geologischen Signalen, die man aus Wasser- und Bodenproben sowie Knochen von standorttreuen Tieren gewonnen hat, lassen sich so die Wanderungsbewegungen auch prähistorischer Menschen gut bestimmen.

Männer ortsgebunden, Frauen zogen zu

Genau das haben die Forscher um Alexander Bentley von der Universität Bristol und Maria Teschler-Nicola nun mit über 300 Skeletten aus der Jungsteinzeit gemacht. Genauer gesagt: aus der sogenannten Linearbandkeramischen Kultur, der ältesten bäuerlichen Kultur Mitteleuropas.

Ergebnis Nummer Eins: Die Strontiumisotopen-Verhältnisse waren bei den Frauen weit unterschiedlicher als bei den Männern. Das bedeutet, dass die Männer eher an dem Standort gestorben sind, an dem sie auch geboren wurden, während die Frauen im Laufe ihres Lebens eher gewandert sind.

"Es handelt sich in der Jungsteinzeit um patrilokale Systeme. Familienoberhäupter waren die Männer. Sie haben die Farmen geführt und waren ortsgebunden. Die Frauen sind zur Heirat aus anderen Regionen oder Siedlungen zugezogen", erklärt Teschler-Nicola.

Väter vererbten ihren Status

Ergebnis Nummer Zwei: Männer mit hohem Status wurden eher an der Stelle begraben, an der sie aufgewachsen sind, als Männer mit geringem Status. Das zeigte sich anhand der Grabbeigaben. Speziell Steinbeile gelten für die Forscher als Hinweis auf einen hohen Sozialrang. Die - nicht ganz einfach herzustellenden - Beile dienten als Werkzeuge bzw. Waffen und waren insofern Statussymbole.

"Studienautor Bentley hat nun männliche Skelette, die solche Beile als Grabbeilagen hatten, mit Skeletten verglichen, die das nicht hatten." Für die Forscher durchaus überraschend erwiesen sich letztere als deutlich weniger ortsgebunden als erstere.

Und das lässt laut Teschler-Nicola nur einen Schluss zu: "Die Männer haben ihren Status an ihre Söhne weitergegeben. Sie sind in ihrer Siedlung geblieben, haben den Hof übernommen und mit dem Sozialstatus auch die Beile mitbekommen. Es gab offensichtlich bereits im Neolithikum so etwas wie eine Erbfolge."

Genaue Entwicklung offen

Die soziale Differenzierung hat also früher begonnen als bisher gedacht. Aus der Bronzezeit etwa ist sie seit Langem bekannt: Zahlreiche Gräber von Frauen wie auch Männern dokumentieren die gesellschaftlichen Unterschiede, die Zeit ihres Lebens bestanden haben müssen.

"Dass dies auch schon weit zuvor der Fall war, wurde in der Urgeschichte bisher zwar diskutiert, es hat aber keine starken Belege dafür gegeben. Manche meinten sogar, dass die frühen Bauern im Neolithikum sozial egalitär waren. Unsere Studie zeigt ganz klar: Es war doch eine stark hierarchisch geprägte Gesellschaft", fasst Teschler-Nicola zusammen.

Wie und wann genau es zu dieser Entwicklung gekommen ist, lässt sich auch mit der aktuellen Untersuchung nicht sagen. Ein möglicher Ansatzpunkt, um die Fragen zu klären laut der Expertin: "Man müsste Skelettserien aus der ganz frühen Phase der Linearbandkeramischen Kultur mit Skeletten aus der ganz späten Periode vergleichen."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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