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Porträtfoto des Sozialphilosophen Georges Sorel

Gewalt des Mythos, Mythos der Gewalt

Der französische Sozialphilosoph Georges Sorel gilt bis heute als umstritten. Anfang des 20. Jahrhunderts wandelte er sich vom radikalen Sozialisten zum Vordenker des Faschismus. Seine politischen Gedanken haben viel mit der konkreten Situation Frankreichs jener Jahre zu tun, meint der Historiker Eric Brandom.

Georges Sorel 31.05.2012

In einem science.ORF.at-Interview zeichnet er den Werdegang jenes Mannes nach, der als einer der wichtigsten Vertreter des Syndikalismus gilt - also jenem Teil der Arbeiterbewegung, der auf Selbstverwaltung der Arbeiter über Gewerkschaften setzte und die Mitarbeit in Parlament oder Staat ablehnte.

science.ORF.at: Ist Georges Sorel ein Autor, der es wert ist, auch heute noch gelesen zu werden?

Porträtfoto des Historikers Eric Brandom

IFK

Eric Brandom ist Doktorand der Geschichte an der Duke University und derzeit Duke-IFK-Junior-Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 30.5. hält Eric Brandom einen Vortrag mit dem Titel "Georges Sorel. Autonomy, Statism, Violence".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Eric Brandom: Sorel ist eine Ikone des politischen Radikalismus. Er hat jahrelang darüber nachgedacht, was es heißt, politisch radikal zu sein. Ich finde besonders interessant, dass er das in einem wirklich liberalen Umfeld gemacht hat, die Dritte Französische Republik zu Beginn des 20. Jahrhunderts war eine freie Gesellschaft. Sorel ging der Frage nach, wie es darin zu einem radikalen politischen Wechsel kommen kann, ohne dass man den Staat in einer diktatorischen Weise "übernimmt". In dieser Hinsicht ist er nach wie vor sehr lesenswert, abgesehen von seiner historischen Rolle.

Sorel kennzeichnet eine äußerst bunte politische Geschichte …

Er kam 1892 nach Paris, als er schon 45 Jahre alt war, und begann erst dann politisch zu schreiben. Zuvor ist er ein durchaus erfolgreicher Ziviltechniker gewesen, hat Brücken und Kanäle in Südfrankreich und Algerien gebaut. In Paris entwickelte er sich schnell zum Marxisten, anfangs war er noch reformistisch eingestellt, er war der Ansicht, dass sich die Sozialisten innerhalb des Staates engagieren sollten.

Etwa in der Dreyfus-Affäre, dem wichtigsten politischen Ereignis jener Jahre. Sorel meinte, dass sich die Sozialisten für Dreyfus einsetzen sollten - etwas, was ihn von manch anderen Marxisten unterschied. Die Affäre endet mit einem Triumph der liberalen Prinzipien, Dreyfus wurde freigesprochen. Am Ende kam es 1905 zur Trennung von Kirche und Staat, der Beginn des laizistischen Staats in Frankreich. Parallel dazu endete Sorels Reformismus, er radikalisierte sich, unterstützte die scharfe Trennung der Arbeiterorganisationen vom Rest der Gesellschaft.

Schließlich wurde er zu einem Befürworter der Gewalt. Innerhalb relativ kurzer Zeit distanzierte er sich von den marxistischen Gedanken, nach 1908 wendete er sich der politischen Rechten zu. Er begann, mit der action française zu sympathisieren, manche nennen sie Monarchisten und Protofaschisten, politische Katholiken sind sie mit Sicherheit.

Wie ist es zu diesem Wandel seiner Ansichten gekommen?

Sorel hat das parlamentarische System der Dritten Französischen Republik lange als agonistisch verstanden - als etwas, das verschiedene Interessen abgewogen hat. Auch die öffentliche Sphäre war plural, wodurch gegensätzliche Meinungen vertreten waren und die Kräfte aller möglicher Orthodoxien kontrolliert wurden. Sorel betrachtete den Staat als grundlegend schwach, er war dem untergeordnet, was wir heutzutage Zivilgesellschaft nennen - und das fand er gut.

Nach der Dreyfus-Affäre wurde Antiklerikalismus ein immer wirkungsvolleres politisches Programm. Die Kirche wurde von vielen als etwas begriffen, was der Republik grundsätzlich feindlich gegenübersteht, auch den Werten der modernen und liberalen Gesellschaft, was ja in vielerlei Hinsicht auch zutrifft. Die Trennung von Kirche und Staat hat eines außergewöhnlichen Eingriffs des Staats in alle möglichen sozialen Belange bedurft. Alle religiösen Institutionen mussten vom Staat genehmigt werden oder wurden gewaltsam geschlossen. Es wurden Fragen gestellt wie: Ist dieser Schullehrer ein wenig zu katholisch, um die Kinder sicher zu unterrichten? Ein ähnlicher, wenn auch weniger starker Versuch zu ideologischer Reinheit wurde an den Universitäten unternommen.

All das bleibt historiografisch umstritten, viele Historiker meinen aber, dass die Republik nur das getan hat, was sie tun musste, um zu überleben. Für Sorel jedenfalls war dieser Hang zu ideologischer Reinheit etwas Neues und Erschreckendes. Liberale Prinzipien und liberales Handeln werden nicht dadurch geschützt, dass der Staat erklärt, um welche es sich handelt, und darauf drängt, sie zu befolgen, sondern durch eine gesunde Debatte und eine plurale Öffentlichkeit. Der Staat selbst ist illiberal geworden, und die Arbeiterbewegung war unter den neuen Druck geraten, sich davon frei zu halten. Es ist dieser Zusammenhang, in dem sich Sorel bis zu dem Punkt radikalisiert hat, dass er Gewalt akzeptiert hat.

Hat er auch seine Ansichten über Generalstreiks, einem zentralen Punkt für ihn, in dieser Zeit geändert?

Die Ideen über Generalstreiks waren stark vom Syndikalisten Fernand Pelloutier beeinflusst. Pelloutier war ein großer Held der französischen Arbeiterbewegung und hat die Einrichtung von Arbeitsbörsen - den lokalen Einrichtungen von Gewerkschaften, die auch das tägliche Leben der Arbeiter organisierten - entwickelt. Er argumentierte sehr legalistisch, ging von einem Recht auf Streik aus, wodurch sich gesellschaftlichen Verhältnisse radikal ändern könnten.

Das dachte anfangs auch Sorel, das hat sich aber rasch geändert. Sorel meinte, dass die wichtigen Elemente des Generalstreiks aus der gelebten Erfahrung der Arbeiterklasse hervorgehen. Nach und nach hat er diese beiden Seiten entkoppelt und den Generalstreik einen Mythos genannt, der seine eigene Kraft und Bedeutung hat. Auch Sorel-kritische Sozialhistoriker haben gezeigt, dass Generalstreiks in den 1890er Jahren tatsächlich genauso funktioniert haben: Sie brachten sehr unterschiedliche Fraktionen der Arbeiterbewegung zusammen, waren Ausdruck des Alltags der Arbeiter.

Sorel entkoppelte diese mächtige Idee von der Erfahrung des täglichen Lebens, und das ist auch der Punkt, wo die Gewalt eine zentrale Rolle zu spielen beginnt: die Gewalt als Form reinen Widerstands gegen den Staat. Plötzlich gibt es bei ihm diese irrationale Gewalt, die mit dem Alltagsleben nichts mehr zu tun hat, ein transzendenter revolutionärer Moment, der später auch für die Faschisten interessant wurde. Sie haben das interpretiert als eine Art Ursprungsmythos der Nation.

Was ist seiner Ansicht nach ein Mythos?

Ein symbolischer Gedanke des Kollektivs, dessen Form aus dem gemeinsam erlebten Alltag stammt. Deshalb ist der Generalstreik ein so mächtiger Mythos: Er projiziert die Art, wie Menschen gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten, auf ein viel weiteres Gebiet, gepaart mit einer eigenen Moral. Dieser Mythos hält die Zukunft offen, er ist keine Utopie, glaubt nicht zu wissen, wie die Zukunft aussehen wird, sondern ist eine Art, wie man als Teil einer Gruppe Handlungen aus der Gegenwart in die Zukunft orientieren kann.

Sorels Mythos zeigt den Menschen die richtige Art zu handeln, warum man etwa die Genossen beim Streik unterstützen soll. Ein anderes Beispiel für einen funktionierenden Mythos ist die Vorstellung der Apokalypse in der Religion: Auch sie verändert nicht notwendigerweise das Verhalten in der Gegenwart, gibt aber eine moralische Orientierung für die Zukunft.

Sorel unterscheidet zwischen Macht und Gewalt, was versteht er darunter genau?

Ich finde es am besten, Gewalt als ein Ende von Mittel-Zweck-Verhältnissen zu bezeichnen - revolutionäre Aktionen, die Mittel-Zweck-Verhältnisse übersteigen. Darüber hinaus funktioniert Gewalt für Sorel auf einer sehr grundlegenden Ebene, um die Mitglieder einer Gruppe - eines Syndikats - aneinander zu binden und das politische Feld zu vereinfachen.

In einer durch Gewalt klargestellten Situation eines Generalstreiks sehen die Arbeiter nicht die komplexen und verschachtelten Identitäten und Interessen der handelnden Personen - die es tatsächlich gibt, wie es etwa der sozialdemokratische Theoretiker Eduard Bernstein argumentiert hat -, sondern nur diese zwei Seiten: hier die Arbeiter, dort die Bosse. Die Macht gehört üblicherweise dem Staat, sie stellt eine Ordnung her, wo die Minderheit herrscht. Die Gewalt aber kann diese Ordnung zerstören, und alles, was ihr entspricht.

Warum war das für den Faschismus so anschlussfähig?

Man muss zwischen verschiedenen Arten von Faschismus unterscheiden. In Italien wurde Sorel viel stärker gelesen als in Frankreich oder Deutschland. Mussolini hat mehrfach darauf hingewiesen, dass Sorels Buch "Über die Gewalt" auf seinem Nachttisch liegen würde und er es Nacht für Nacht lesen würde. Mussolini stammte aus einer vitalistischen sozialistischen Tradition, der auch Sorel zugerechnet wird.

In gewisser Weise bot Sorel den Faschisten eine Erklärung an. Sie konnten sagen: Schaut her, Sorel hat den wahren Kern des Marxismus verstanden, und der ist in Wahrheit faschistisch. Seine Ablehnung von historischer Rationalität konnten sie leicht mit einem voluntaristischen Begriff von historischem Wandel verknüpfen kann. Die Vorstellung individueller, vom Willen des Einzelnen ausgehender Eingriffe in die Geschichte war für Faschisten sehr anziehend.

Ich halte das für ein Missverständnis der Gedanken Sorels, aber einiges seiner Schriften legen solche Gedanken schon nahe. Sorel war viel vorsichtiger, in seinen Schriften geht es immer um das Verhältnis des Einzelnen zur Politik, aber vermittelt über Institutionen. Wenn man das missversteht, ist eine faschistische Interpretation naheliegend.

Gibt es Spuren Sorelscher Gedanken bis in die Politik der Gegenwart?

Auf jeden Fall, etwa in der Occupy-Bewegung. Sorel wird da gerne als argumentative Waffe eingesetzt - als Stock, mit dem man Menschen schlägt, die einem zu radikal erscheinen, v.a. gegen Anarchisten, die so links sind, dass sie schon wieder rechts erscheinen. Sorel wird auch gerne von rechtsradikalen und rassistischen Gruppierungen zitiert, in den USA, aber auch in Frankreich.

Mit welchen Argumenten?

Sie lesen Sorel vulgär-existenzialistisch, ergötzen sich an seiner Betonung des Willens, mit dem man die Realität verändern kann. Zuletzt gibt es auch wieder mehr akademische Beschäftigung mit Sorel, speziell was seinen Begriff der Mythen in der Politik betrifft.

Zusammengefasst: Was ist das Radikale an Sorel?

Sein Versuch darüber nachzudenken, wie komplett neue historische Formationen aus den Vereinigungen der Arbeiter entstehen können - neue Ideen über Gesetz und Moral, direkt aus dem Prozess der Produktion heraus. Er dachte, dass dies das schlagende Herz der Zukunft sei.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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