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Kreuz neben Baum

Autisten sind ungläubig

Forscher haben einen Zusammenhang zwischen Psyche und Religiosität entdeckt. Wer zum Autismus neigt, findet die Existenz Gottes weniger plausibel. Das könnte einen "Gender-Gap" erklären: Frauen sind laut Statistiken religiöser als Männer - und Letztere häufiger autistisch.

Religion 31.05.2012

"Ich bin religiös absolut unmusikalisch und habe weder Bedürfnis noch Fähigkeit, irgendwelche seelischen Bauwerke religiösen Charakters zu errichten." Das Wort des deutschen Soziologen Max Webers, 1909 in einem Brief an seinen Kollegen Ferdinand Tönnies formuliert, kommt nicht aus der Mode.

Wer selbst nicht an Gott glaubt, aber keinerlei Lust verspürt, die Gläubigen von ihrer Weltsicht abzubringen, braucht eine Kompromissformel. Möglicher Ausweg: Man ordnet das Nicht-Glaubenkönnen in die Kategorie "fehlende Gabe" ein - und sagt, es sei wie bei der Musikalität. Die habe man oder nicht, Begabungen könne man sich eben nicht wünschen.

Gut gemeint, nur hatte die Weber'sche Metapher bis vor kurzem einen Schönheitsfehler. Was Musikalität betrifft, ist der Begabungsaspekt leicht zu belegen. Beim Glauben indes scheint das schwieriger - aber immerhin nicht unmöglich.

Studien zeigen nämlich, dass Religiosität durchaus organische Ursachen haben könnte. Menschen, die Gefühle, Bedürfnisse und Ideen anderer gut nachvollziehen können, sind Statistiken zufolge auch eher dazu bereit, an die Existenz eines Gottes zu glauben. Vermutlich deshalb, weil sie das Gleiche von "Gott" erwarten. Bliebe er taub oder blind für die Gefühle und Sorgen der Menschen, wäre er definitionsgemäß kein guter.

Gott "mentalisieren"

Die Studien:

"Mentalizing Deficits Constrain Belief in a Personal God", PLoS ONE (doi: 10.1371/journal.pone.0036880).

"Does Religious Attendance Prolong Survival? A Six-Year Follow-Up Study of 3,968 Older Adults", The Journals of Gerontology: Series A (doi: 10.1093/gerona/54.7.M370).

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 31.5., 13:55 Uhr.

Die Fähigkeit, in einer anderen Person ähnliche Gedanken zu vermuten wie die eigenen, nennen deutschsprachige Psychologen "Mentalisierung". Die Angelsachsen haben wie meist den knackigeren Fachbegriff dafür: "theory of mind". Der kanadische Psychologe Ara Norenzayan hat nun den üblichen Zusammenhang umgedreht und gefragt: Macht eine schwach ausgeprägte "theory of mind" ungläubig? Um das herauszufinden, hat Norenzayan einige Befragungen an US-Amerikanern und Kanadiern ausgewertet.

Das Ergebnis: Menschen, die auf der Autismus-Skala hohe Werte erreichen, sind offenbar häufig religiös unbegabt, sprich: Agnostiker oder Atheisten. Die Tendenz zum Autismus ist zwar nicht das Gleiche wie eine schwache "theory of mind", doch das eine hängt mit dem anderen zusammen, sagt Norenzayan. "Gläubige stellen sich Gott in der Regel als personifiziertes Wesen vor, das auf Bedürfnisse und Handlungen der Menschen reagiert. Wer Schwächen bei der Mentalisierung hat, empfindet diesen Gedanken als weniger plausibel."

Die Tendenz zum Autismus ist, wie Untersuchungen zeigen, bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen. Beim Glauben verhält es sich umgekehrt. Laut Norenzayan ist das kein Zufall. "Unsere Studie erklärt, warum Männer weniger religiös sind als Frauen." Im Kleingedruckten der Studie folgt allerdings die Relativierung. Die alleinige Ursache für den religiösen "gender gap" sei das freilich nicht, aber immerhin eine von mehreren.

"Religiöse leben länger"

Laut Harold G. Koenig könnte die Glaubensfrage auch handfeste medizinische Konsequenzen haben. Der US-Psychiater hat vor ein paar Jahren die Gesundheitsdaten von 4.000 Senioren aus North Carolina analysiert und bei braven Kirchengängern deutlich niedrigere Sterberaten festgestellt.

Auch wenn Koenig den Effekt in seiner Studie nicht in Lebensjahre umgerechnet hat, lässt sich sagen: Gläubige leben statistisch gesehen ein bisschen länger. Verantwortlich dürfte ein Mix aus sozialen und psychischen Ursachen sein, schreibt Koenig im aktuellen "Handbook of Religion and Health": Gläubige leiden demnach seltener unter Stress, haben im Alter mehr Unterstützung von Gleichgesinnten und verhalten sich bei Therapien kooperativer.

"Übernatürliche Erklärungen sind jedenfalls nicht notwendig", sagt Koenig im Gespräch mit science.ORF.at. Gilt der Effekt für alle Religionen? "Am besten belegt ist er bei Christen. In Bezug auf das Judentum wurde der Effekt ebenfalls nachgewiesen, über den Buddhismus und den Hinduismus kann ich leider nichts sagen. Zumindest in China wurde kürzlich eine ähnliche Studie durchgeführt: Religiös aktive Menschen scheinen auch dort länger zu leben."

Robert Czepel, science.ORF.at

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