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Bonobo in Nahaufnahme

Bonobo-Genom entschlüsselt

Mit dem Genom der Bonobos wurde das letzte unbekannte Erbgut der Familie der Menschenaffen entschlüsselt. Laut dem Forscherteam des Max-Planck-Institutes für Evolutionäre Anthropologie, dem auch eine Wiener Populationsgenetikerin angehörte, ist ein kleiner Teil des menschlichen Erbgutes den Genen von Bonobo oder Schimpansen ähnlicher als es die Gene der Affen untereinander sind.

Menschenaffen 14.06.2012

Im Durchschnitt sind die Genome von Bonobos und Schimpansen gleich weit entfernt von jenem des Menschen. In bestimmten Teilen des Erbguts gibt es allerdings eine größere Verwandtschaft des Menschen zu den Bonobos als zu den Schimpansen, während es sich in anderen Genom-Regionen umgekehrt verhält. Weitere Forschungen sollen nun klären, ob diese Abschnitte mit den Verhaltensunterschieden bzw. - übereinstimmungen zwischen Menschen, Schimpansen und Bonobos zusammenhängen.

Unterschiedliches Sozialgefüge

Die Studie in "Nature":

"The bonobo genome comparedwith the chimpanzee and human genomes" von Kay Prüfer et al.

Bonobos und Schimpansen unterscheiden sich in ihrem Verbreitungsgebiet und einigen Verhaltensweisen: Während Schimpansen in Äquatorialafrika weit verbreitet sind, leben Bonobos ausschließlich südlich des Flusses Kongo in der Demokratischen Republik Kongo. Bonobos sind verspielter, Schimpansen aggressiver. Bonobos sind auch bekannt dafür, dass sie Sex nicht nur zur Fortpflanzung, sondern auch zur Lösung von Anspannung haben. Im Sozialgefüge der Bonobos stehen die Weibchen über den Männchen, bei Schimpansen ist das umgekehrt. Alle diese Unterschiede könnten ihre Ursache in der genetischen Differenz der beiden Affenarten haben.

Die Ergebnisse der Genom-Sequenzierung bestätigten frühere Annahmen: Offenbar hat sich das Erbgut der verschiedenen Menschenaffen nach ihrer evolutionsgeschichtlichen Trennung nicht mehr miteinander vermischt. Der vor etwa 1,5 bis 2,5 Millionen Jahren entstandene Fluss Kongo bildete vermutlich eine natürliche Barriere, die beide Affenarten trennte.

Genetische Hinweise

Als Populationsgenetikerin am Department für Biochemie und Zellbiologie der Uni Wien (Max F. Perutz Laboratories) interessiert sich Ines Hellmann besonders dafür, wie sich das soziale Gefüge einer Population in den Genen widerspiegelt. Anhand genetischer Information können die Wissenschaftler beispielsweise nachvollziehen, ob sich in einer Gruppe von Affen mehr Weibchen als Männchen fortpflanzen.

Bei den Gorillas hat das dominante Männchen, der Silberrücken, mit den meisten Weibchen der Gruppe Nachkommen, die anderen Männchen nicht. Bei der Entschlüsselung des Bonobo-Genoms hat Hellmann überraschend festgestellt, dass in Bonobo-Populationen die Fluktuation in der Anzahl der Nachkommen bei Männchen doppelt so hoch ist wie bei Weibchen - und das, obwohl es in Bonobo-Gruppen - im Gegensatz zu Gorillas - kein dominantes Männchen gibt, das diesen Effekt erklären würde.

"Warum das so ist, wissen wir noch nicht genau", so Hellmann. "Eine Erklärung für unsere Forschungsergebnisse ist, dass weibliche Bonobos öfter in eine andere Bonobo-Gruppe wechseln, während Männchen in der gleichen Gruppe bleiben". Um das Rätsel zu lösen, will Hellmann als nächsten Schritt die Diversität des Schimpansen-Genoms analysieren.

science.ORF.at/APA

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